Zürich

Der Bauboom verdrängt den Rockclub «Abart» nach 13 Jahren

Oliver Zemp und Christian Gremelmayr im kleinen «Abart», wo Grössen des Alternative Rock spielten. zvg

Oliver Zemp und Christian Gremelmayr im kleinen «Abart», wo Grössen des Alternative Rock spielten. zvg

Die Toten Hosen spielten hier, Queens oft the Stone Age und Franz Ferdinand – um nur einige der bekanntesten Bands zu nennen, die das «Abart» zu einem Rockclub mit Ausstrahlung über Zürichs Stadtgrenze hinaus machten.

Nun hängen Plakate im Quartier unweit des neuen Shopping-Komplexes Sihlcity, die verkünden: «Luxus-Wohnungen verdrängen Club – nur noch ein Jahr Abart.» Was ist geschehen?

Angst vor Lärmklagen

«Wir räumen das Feld», erklärt Abart-Gründer Oli Zemp. «Was uns am meisten zu schaffen macht, ist die Riesenüberbauung beim Bahnhof Giesshübel.» Auf dem einstigen Industrie-Bahnhofs-Areal entstehen 89 «hochwertige Eigentumswohnungen», wie es auf der Internetseite des Projekts «Gleis 3» heisst. Die letzte noch nicht verkaufte Wohnung – 3,5 Zimmer im obersten Stock – ist für 2,2 Millionen Franken zu haben, wie der Website weiter zu entnehmen ist.

Die Baustelle hat das «Abart» laut Zemp bereits um seinen Zufahrtsweg für Bandbusse gebracht. «Und wenn dann erst Leute dort wohnen, die dafür viel Geld bezahlt haben, brauchts eine Lärmklage, bis die Polizei dasteht. Deshalb lassen wir das ‹Abart› in Frieden ruhen.»

Neuer Standort gesucht

Nun sucht Zemp zusammen mit seinem Geschäftspartner Christian Gremelmayr von der Abart Music AG ein neues Konzertlokal in Zürich. Sie wollen unter einem neuen Namen wieder einen Klub eröffnen. Geplant sind wiederum rund 100 Konzerte pro Jahr, was die Suche gemäss Zemp nicht gerade vereinfacht. «Wir wollen nicht die Hälfte der Zeit mit der Pflege der Nachbarn verbringen, wie es andere Klubs im Stadtzentrum machen», erklärt der 37-Jährige.

Von Stadtentwicklung überrollt

Bis vor wenigen Jahren lag das «Abart» noch an der Peripherie der Stadt. Gewerbe- und Industriebauten sowie etwas heruntergekommene Wohnblöcke prägten die Gegend. Doch in den letzten Jahren sind darum herum diverse Neubauten entstanden, die das Gesicht des Gebiets ums heutige «Abart» verändert haben: Anstelle der Gewerbe- und Industriegebäude stehen jetzt Wohnungen für Banker und andere Besserverdienende.

Rund 20 Objekte haben die Abart-Macher auf der Suche nach einem neuen Standort inzwischen schon besichtigt, aber noch kein geeignetes gefunden. «Bis jetzt war immer irgendein Stolperstein dabei», so Zemp.

Auch mit dem Stadtzürcher Präsidialdepartement, aus dessen Popkredit dem «Abart» seit Jahren ein Subventionsbeitrag zukommt, haben die Abart-Macher Kontakt aufgenommen. Zemps Hoffnung, es könnte sich städteplanerisch etwas ergeben wie vor elf Jahren, als der Jazzclub «Moods» in den neu vom Schauspielhaus genützten Schiffbau zog, hat sich jedoch bisher nicht erfüllt.

Überangebot an Konzerten

Die Konkurrenz habe zugenommen. «Als wir anfingen gab es in Zürich ein paar Technoclubs, das ‹Kaufleuten› und das ‹X-Tra›», erinnert sich Zemp. «Mit dem ‹Luv› ging es zu Ende, ein guter Live-Club fehlte. Das ist der Grund, warum es das Abart gibt.»

Heute herrsche schon fast ein Überangebot an Konzerten. «Das Business ist knallhart. Vor 13 Jahren war es eher eine Liebelei», sagt Zemp. Dennoch ist er entschlossen, weiterzumachen: «Wir haben etwas aufgebaut und ein gutes Beziehungsnetz geknüpft. Es wäre schade, das einfach hinzuschmeissen.»

Noch ein Jahr, dann ist Schluss im «Abart». Solange kein neuer Standort gefunden ist, setzen die Abart-Macher auf ihr zweites Standbein: Sie veranstalten andernorts Konzerte, etwa im Zürcher Volkshaus, im Kaufleuten, Komplex 457 und gelegentlich auch in der Eishalle Winterthur.

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