Trinksprüche
«Der Auftakt einer Silvesteransprache muss ein Knaller sein»

Christian Eggenberger vom Rhetorik Club Zürich erklärt, was die perfekte Silvesteransprache ausmacht. Auf keinen Fall sollte man verzweifelt versuchen, witzig zu sein.

Nicole Button
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Bei einem guten Trinkspruch liegt die Würze in der Kürze, sagt Rhetorik-Europameister Christian Eggenberger. Länger als drei Minuten sollte er seiner Ansicht nach nicht dauern. NEM

Bei einem guten Trinkspruch liegt die Würze in der Kürze, sagt Rhetorik-Europameister Christian Eggenberger. Länger als drei Minuten sollte er seiner Ansicht nach nicht dauern. NEM

Heute feiern wir Silvester – eine Gelegenheit für einen launigen Trinkspruch. Sie sind amtierender Europameister in der Kategorie Stegreifrede, Herr Eggenberger. Darf ich Sie um eine kurze Ansprache bitten?

Christian Eggenberger: Gerne (steht auf): Für euch, liebe Freunde, habe ich heute ein Trostpflaster mitgebracht. Öffnet es am 10. Januar, weil ihr erkennt: Unsere Vorsätze sind wieder nicht Wahrheit geworden. Ich wünsche euch ein grossartiges 2012 mit euren Stärken und mit euren Schwächen. Stossen wir darauf an, dass wir uns gut mögen – auch wenn wir nicht perfekt sind. Prosit Neujahr!

Vielen Dank. Bevor wir zum Rezept für den perfekten Trinkspruch kommen: Welche Fettnäpfchen sollte man unbedingt meiden?

Ganz wesentlich ist der Zeitpunkt, den man für seinen Auftritt wählt. Ungünstig ist, wenn die Leute am Tisch noch essen, wenn serviert wird oder sonstige Unruhe im Saal herrscht. Wer Aufmerksamkeit für seinen Trinkspruch will, muss ein paar logistische Vorbereitungen treffen: schon vor der Ansprache die Gläser zum Anstossen nachfüllen lassen, vielleicht auf einen Stuhl stehen, damit man ihn gut sieht und hört.

Weitere Fauxpas?

Was schlecht ankommt, sind umständliche und ausufernde Begrüssungen des Publikums – oder wenn jemand verzweifelt auf witzig macht. Sprüche unter der Gürtellinie sind sowieso tabu.

Und wenn ich trotzdem witzig sein möchte: Gibt es Sprüche, die immer ankommen?

Die Zuhörenden freuen sich, wenn man ein witziges, schräges gemeinsames Erlebnis aufgreift. Zum Beispiel eine Situation, in der der Redner flach herausgekommen ist. Es ist sympathisch, wenn der Redner über sich selber lachen kann.

Persönliches ist also Trumpf?

Ja, vielleicht ist die Silvesterfeier zugleich ein Treffen der Familie, alter Schulfreunde oder von Geschäftskollegen. Der Redner kann gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen ins Zentrum stellen – wie ich es mit den gebrochenen Neujahrsvorsätzen getan habe. Aber auch eine aktuelle Zeitungsschlagzeile kann eine Ausgangslage für einen Trinkspruch sein. Oder der spezielle Name des Restaurants, in dem die Silvesterfeier stattfindet.

Was halten Sie von Rückblicken aufs alte Jahr?

Bei einer kurzen Silvesteransprache würde ich möglichst wenig auf Vergangenes eingehen. Rückblicke sind eher im Rahmen längerer Tischreden angebracht, bei einem feierlichen Geschäftsanlass werden sie meist sogar erwartet. Gerade an Silvester sollte man dabei allerdings das Positive und Verbindende ins Zentrum stellen und – ohne zu beschönigen – stolz auf das gemeinsam Geleistete sein und sich auf Kommendes freuen.

Jetzt kennen wir die Grundzutaten eines gelungenen Silvester-Trinkspruchs. Wie wird der Spruch prickelnd serviert?

Der Auftakt muss ein Knaller sein und überraschend gestaltet sein, kein simples «Hallo zusammen». Zudem liegt die Würze in der Kürze: Ich empfehle eine bis drei Minuten. Weiter ist der Augenkontakt mit den Zuhörenden wichtig. Ich persönlich setze auch meine Gestik und Mimik gerne ein, um die Botschaft zu unterstreichen.

Zu viel Gestik und Bewegung hingegen lenken ab.

Genau. Ich bewege mich als Redner jeweils nur zwei, drei Schritte rück- oder seitwärts, damit ich nicht angewurzelt stehe. Mimik und Gestik müssen zudem möglichst authentisch sein und dürfen nicht theatralisch oder hektisch wirken. Sonst überlegt sich der Zuhörer: «Was ist heute bloss mit dem Christian los?»

Viele Menschen haben Lampenfieber, wenn sie vor Publikum einen Toast aussprechen müssen – und bekämpfen ihre Nervosität mit Alkohol. Was sagen Sie dazu?

Die Aussprache muss gut verständlich die Botschaft unterstützen, deshalb sollte man nicht angesäuselt sein. Es gibt bessere Tipps: Stellen Sie sich bereits vor Ihrer Rede das applaudierende Publikum vor – und suchen Sie sich im Publikum jemanden aus, der Ihnen wohlwollend zulächelt. Verteilen Sie Ihr Gewicht auf beide Füsse, um sich gut zu erden. Sehr wichtig ist das tiefe Aus- und leichte Einatmen, bevor Sie zur Rede ansetzen. Dadurch können Sie den ersten Satz sofort und ohne störende Pause aussprechen. Für schüchterne Redner ist eine durchdachte Vorbereitung erst recht wichtig.

Trinksprüche sollen spontan und unverkrampft wirken. Wie viel Vorbereitung ist da wirklich dienlich?

Ein paar Stichwörter auf A6-Handkarten sind bei einer Ansprache erlaubt. Vermeiden Sie es aber, den kompletten Text aufzuschreiben oder gar abzulesen. Das schafft zu viel Distanz zum Publikum. Freies Sprechen kann man in einem geschützten Rahmen trainieren. Wenn ich eine Rede für den Rhetorik Club vorbereite, probe ich mindestens sechs- bis zehnmal zu Hause. Auch Schlagfertigkeit – falls man spontan auf einen Zuruf aus dem Publikum reagieren will – ist zu einem grossen Teil Übungssache. Als Training können Sie sich etwa zu einem Stichwort alle möglichen Begriffe notieren, die Ihnen durch den Kopf gehen. Dabei dürfen Sie sich erlauben, ein bisschen zu spinnen und verrückt zu sein.

Was, wenn ich trotz Vorbereitung bei meinem Trinkspruch ins Stolpern komme und den Faden verliere? Gibt es Notfalltricks?

Ja, man darf sich ruhig eine Pause zugestehen, um den Faden wiederzufinden. Bis zu sieben Sekunden Unterbrechung verzeiht einem das Publikum. Und je nach Zuhörerschaft kann man das Stolpern ganz offen ansprechen: «Hei, jetzt habe ich den Faden verloren! Zum Glück sind wir noch im alten Jahr, das verzeiht mir noch einiges.» So kann man den Trinkspruch nach einem Fehler auf eine gute Art zu Ende bringen.