Zürich
Der Alphabetisierungskurs wird eingestellt

Im Rahmen der Leistungsüberprüfung 16 hat der Kanton die Beiträge für Alphabetisierungskurse gestrichen. Ob diese im kantonalen Integrationsprogramm berücksichtigt werden, zeigt sich nächste Woche.

Lina Giusto
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20 Jahre lang konnten Frauen beim Schweizer Arbeiterhilfswerk SAH in Zürich das lateinische Alphabet erlernen.

20 Jahre lang konnten Frauen beim Schweizer Arbeiterhilfswerk SAH in Zürich das lateinische Alphabet erlernen.

Limmattaler Zeitung

Ende Juni ist nach mehr als 20 Jahren Schluss für den Deutsch-Alphabetisierungskurs des Schweizer Arbeiterhilfswerks SAH. Neun Mitarbeiterinnen verlieren deshalb ihre Arbeit und 50 Kursteilnehmerinnen müssen sich neu orientieren.

Im Zuge der Leistungsüberprüfung 16 im Kanton Zürich hat die Bildungsdirektion 2016 entschieden, die Finanzierung für die allgemeine Weiterbildung zu streichen und damit in den folgenden drei Jahren rund 5,8 Millionen Franken zu sparen. Damit entfallen die Beiträge für Alphabetisierungskurse in den Städten und Gemeinden.

Die Konsequenz ist, dass das Kursangebot reduziert wird oder aber die Kosten vollständig kommunal getragen werden müssen. «Wir haben nach der Streichung der Subvention eine einmalige private Spende im Umfang von 50 000 Franken erhalten und intern versucht die Mittel für den Alphabetisierungskurs aufzutreiben», sagt Hans Fröhlich, Geschäftsführer SAH Zürich. Weil diese Gelder nun aufgebraucht sind, findet Ende Juni der letzte Unterricht statt.

Auf den Antrag bei der Bildungsdirektion auf Förderung der deutschen Grundkompetenzen für Migrantinnen erhielt die SAH Zürich 2016 eine Absage der Bildungsdirektion mit der Begründung dass Alphabetisierung nicht in ihren Zuständigkeitsbereich falle. Nach Ansicht der SAH aber ist der Deutsch-Alphabetisierungskurs Teil der Basisausbildung. Der Kurs richtet sich an Frauen, die die lateinische Schrift weder lesen noch schreiben können.

Zudem ist in das Angebot die Kinderbetreuung mit Frühförderung integriert. «Ziel war es Frauen in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt zu integrieren», so Fröhlich. Die weiteren Angebote der SAH Zürich richten sich an Jugendliche auf Lehrstellensuche, Mütter ohne Ausbildung, Stellensuchende und Flüchtlinge. «Den Kursteilnehmerinnen empfehlen wir nun niederschwellige Deutschkurse oder, wo vorhanden, zielgruppengerechte Alphabetisierungskurse», so Fröhlich.

Kanton spart bei Weiterbildung

Ob aber die Gemeinden in der Folge der weggefallenen Finanzierung durch den Kanton das Kursangebot aufrechterhalten können, scheint fraglich und beschäftigt derzeit auch drei Kantonsräte. In einer Ende Mai eingereichten Anfrage bitten sie den Regierungsrat darzulegen, inwiefern Alphabetisierungskurse im kantonalen Integrationsprogramm 2018-2021 berücksichtigt werden, das vom Bund subventioniert wird.

Daniel Frei, SP-Kantonsrat und Erstunterzeichner der Anfrage, sagt: «Es ist problematisch wie sich der Kanton aus der Weiterbildung rauszuziehen versucht. Der Bedarf an Alphabetisierungskursen hat in den vergangenen Jahren zugenommen.» Es herrsche ein allgemeiner fachlicher Konsens darüber, dass man Migrantinnen und Migranten, um ihre Arbeitsmarktfähigkeit zu verbessern, schnell in die Landessprache einführen solle und müsse. «Das man nun genau hier den Rotstift ansetzt, ist widersprüchlich», so Frei. Zumal die Alphabetisierung im ersten kantonalen Integrationsprogramm 2014-2017 noch enthalten war.

Die Gemeinden handeln derzeit die Leistungsvereinbarung mit der Regierung aus. Zum aktuellen Stand der Dinge äussert sich der Regierungsrat noch nicht, da er voraussichtlich kommenden Freitag seinen Beschluss zum zweiten kantonalen Integrationsprogramm kommunizieren wird. Der SP-Kantonsrat sieht dem Beschluss kritisch entgegen: «Ich hoffe, dass die Regierung Einsicht zeigt und die Alphabetisierung in das kantonale Integrationsprogramm 2018-2021 aufnimmt, obwohl sie im ersten Entwurf bisher nicht enthalten ist.»