Zürich
Der Albisriederplatz ist wie vom Erdboden verschwunden

Am Albisriederplatz ist nichts mehr so, wie es einmal war. Der Schmelztiegel zwischen Kreis 3 und 4 wich zwecks umfangreicher Sanierung einer riesigen Baustelle.

Daniel Diriwächter
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Der Albisriederplatz heute – eine riesige Baustelle, auf der das Tram noch fahren darf.

Der Albisriederplatz heute – eine riesige Baustelle, auf der das Tram noch fahren darf.

ddi

Der Albisriederplatz – ein Ort, der bis vor kurzem noch das urbane Zürcher-Leben ohne jegliche „Seefeldisierung“ widerspiegelte: multikulti, chaotisch und geschäftig. Zwar oft viel zu laut, aber irgendwie wird der Platz trotzdem geliebt. Das Gewerbe rundherum trug ebenfalls dazu dabei, dass immer gehörig etwas lief. Seit Mitte Mai ist jedoch Schluss mit lustig.

Laut der Stadt Zürich musste der Albisriederplatz dringend umfangreich saniert werden. Gleise und Fahrleitungen waren im schlechten Zustand, die Haltestellen alles andere als behindertengerecht und der Einsatz von Doppelgelenkbussen nicht möglich. Ebenso wird der Knotenpunkt eine einheitliche Verkehrsregelung erhalten, für Velofahrer attraktiver werden und zu guter Letzt mit neuem Strassenbelag aufwarten.

Entsprechend diesem Plan ist der Albisriederplatz derzeit bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die riesige Baustelle, teilweise abgeschirmt von der Fussgängerzone, vermittelt einen Anblick, der so manchem Anwohner das Herz bluten lässt. Da Tram und Bus den Platz noch passieren müssen, wähnt man sich in einer Endzeitstimmung wieder: kaputte Strassen, Erdhaufen oder Flutlicht am Abend. Und sind Presslufthammer und Lastwagen gerade ohne Einsatz, herrscht eine bedrückende ungewohnte Stille.

Es ist das erste Mal, dass die Stadt einen solchen Knotenpunkt für mehrere Monate sperrt - der Albisriederplatz ist sozusagen das Versuchskaninchen für das Tiefbauamt. Ein teures: Zehn Millionen Franken wird der Umbau verschlingen. Die aktuelle Situation lässt aber keine Luxusgedanken zu. Es ist fast eher so, als wäre der Platz plötzlich wie vom Erdboden verschwunden.

Noch immer suchen Leute, oftmals Touristen der nahen Hotels, verzweifelt nach den Ersatz-Haltestellen. Die Obdachlosen, deren Heim der Platz war, sind unauffindbar, während Drahtesel, Töffs und Autos die umliegenden Strassen unsicher machen. Besonders die Restaurants und Geschäfte dürften unter dem intensiven Umbau leiden. Ronny Hornecker, Inhaber von Horny's Metzg, befürchtete gegenüber „20 Minuten“ Umsatzeinbussen. Allerdings hat man auch Verständnis für den Umbau. Beim Kiosk Tabak Nägeli nimmt man es gelassen, die Stammkundschaft finde den Weg immer, wie es auf Anfrage heisst.

Viele denken bereits an den neuen Kreisel, der ab Mitte September den Albisriederplatz beherrschen wird. Denn wer schön sein will, muss bekanntlich leiden. Bleibt zu hoffen, dass der ursprüngliche Charme nicht verloren geht und der Schmelztiegel zwischen Kreis 3 und 4 so lebendig wird wie vorher.