Ob als Moralapostel oder Polterer, als Menschenkenner oder Emotionskünstler, als Gottesstreiter oder Kanzelpredigerinnen, als Macherinnen oder Poetinnen: So beschreiben sich die Vertreter des Pfarrvereins des Kantons Zürich. Ihre Vielfalt wollen sie mit diversen Aktionen wie Flashmobs oder auch Pfarr-Slams in die Gesellschaft transportieren. Anlass dafür bietet das 250-Jahr-Jubiläum des gemäss Eigenangaben «ältesten Vereins im Kanton». Zum Vergleich: Die beiden Zürcher Fussballclubs wurden über 100 Jahre nach dem Pfarrverein gegründet.

Der Verein versteht sich als «gemeinsame Stimme der Pfarrschaft der Landeskirchen», wie Friederike Kunath, Mitglied des Projektteams des 250-Jahr-Jubiläums des Pfarrvereins, sagt. So steht im Leitbild des Vereins: «Wir beobachten kirchliche und gesellschaftliche Entwicklungen aus der Perspektive der Pfarrschaft, nehmen dazu Stellung und versuchen, aus eigener Initiative unserer Meinung Gewicht zu verleihen.» Deshalb ist es laut Kunath wichtig, die Anliegen, die öffentlich vom Kirchenvorstand vertreten werden, mit konstruktiver Kritik zu begleiten.

Die kritische Stimme der Kirche

Die Initiative zur Gründung des Vereins ergriff der damalige Pfarrer der Kirche St. Peter im Zürcher Kreis 1, Johann Caspar Lavater. «Man wollte etwas tun für junge Kollegen, die kein Pfarramt hatten und eingesetzt wurden als Seelsorger für Gefangene und zum Tode Verurteilte», sagt Kunath weiter. Daher rührt auch der ursprüngliche Name des Vereins: «Asketische Gesellschaft.» Man verstand sich als Übungsverein, der jungen Pfarrpersonen das Rüstzeug für ihre Arbeit mit auf den Weg gab. «Der Verein war ein Kind der Aufklärung. Selbständiges, kritisches Denken war gefragt», so Kunath. Aufklärung habe der Verein sehr praxisnah umgesetzt: «Es wurden Handbücher für den Umgang mit Kindern oder mit Verurteilten herausgegeben und Weiterbildungen organisiert», so Kunath. Die Aufgaben in der Aus- und Weiterbildung der Pfarrpersonen haben inzwischen die Gesamtkirchlichen Dienste und die theologische Fakultät übernommen.

Heute aber verstehe sich der Pfarrverein nicht nur als Gewerkschaft, sondern lege sein Augenmerk auf die gesamte Kirche, versuche aktuelle Themen aufzugreifen und befasst sich mit der Frage, was Kirche ist und was sie ausmacht, erklärt Kunath die Funktion des Vereins. So nutzt der Verein mittlerweile das Videoformat als Werbeplattform, um in einem 20-sekündigen Film auf den Pfarrberuf und das Jubiläum hinzuweisen. Der Spot läuft in diversen Zürcher Kinos.

Kontakt zur Gesellschaft suchen

Und weil sich die Pfarrgewerkschafter nicht mit dem oft als verstaubt kritisierten Kirchenimage identifizieren, sucht man im Rahmen des 250-Jahr-Jubiläums die Begegnung mit der Bevölkerung in nichtkirchliche Räume. Dazu gehört ein Flashmob, der diesen Freitagabend an fünf Stationen zwischen dem Hauptbahnhof und dem Stauffacher stattfindet. Musikalisch wird die Aktion von Sacha Rüegg, Organist und Kantor an der Offenen Kirche St. Jakob, begleitet.

Als nichtkirchlichen Raum hat der Pfarrverein das Kulturhaus Kosmos an der Ecke Europaallee/Langstrasse gewählt. «Es ist ein innovativer Ort, wo man sich auch wichtige Fragen übers Leben und die Gesellschaft stellt», erklärt Kunath die Wahl des Austragungsortes für den Predigtslam. Wie bei einem Poetry-Slam werden auf einer Bühne Texte vorgetragen und die überzeugendste Performance wird mit einer Flasche Whisky gekürt. Der einzige Unterschied zum herkömmlichen Slam: Die Poetry ist für einmal eine Predigt, handelt also von Gott und der Welt.

So kommen am Freitag in einer Woche im Kreis 4 junge Theologinnen, darunter auch Studierende der Zürcher Fakultät, aktive Theologen, säkulare Poeten sowie Lyrikerinnen zusammen, um in pointierten und provokativen Reden Stellung zum Motto des Jubiläums «Weil das was ist, nicht alles ist» zu nehmen.

Eine der Poetinnen ist die SP-Kantonsrätin und Kirchenrätin der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, Esther Straub. Sie habe zwar noch nie geslammt, wie sie auf Anfrage mitteilt, aber die Herausforderung reize sie: «Pfarrerinnen und Pfarrer sind es gewohnt, mit Worten, Sätzen und Texten zu arbeiten. Ich experimentiere zudem gerne mit Sprache und Rhythmen», so Straub. Was sie genau predigen wird, sei derzeit noch nicht spruchreif. Straub freut sich aber auf einen «heiteren Abend, der von Geistesblitzen hoffentlich nur so funken wird.»