Zürich
Der 15-Jährige Linus holt die Bronzemedaille - im Denken

Er war der Jüngste und hatte noch nie Philosophie in der Schule. Trotzdem gewann der Zürcher Linus Meienberg am nationalen Wettstreit der unter 20-Jährigen Bronze.

Michael Rüegg
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Was ist wichtiger in der Philosophie, die Fragen oder die Antworten? Linus Meienberg überlegt nicht lange: «Die Fragen.» Der 15-jährige Gymnasiast aus dem Zürcher Industriequartier sitzt in der Mediothek der Kantonsschule Zürich Nord. Rundherum büffeln Gleichaltrige. Linus nicht, er denkt. Und er antwortet klug, ohne altklug zu klingen.

Eine Frage von der alles ausgeht

«Hat der Mensch von Natur aus eine Funktion?», fragt Meienberg in seinem Essay, das ihm kürzlich die Bronzemedaille an der Schweizer Philosophie-Olympiade einbrachte. 120 Jugendliche hatten Texte eingesandt. Dreizehn schafften es in die zweite Runde, Linus war der jüngste Teilnehmer. Ende März sassen er und ein Dutzend weiterer Teenager in einem Zimmer der Universität Luzern, jeder einen Laptop vor sich, kein Internetzugang, vier Stunden Zeit. Und eine Frage, von der alles ausgeht.

«Ja, denn ich lebe gerne»

Linus’ Frage nach der Funktion des Menschen an sich ist das Extrakt eines Zitats von Aristoteles. In diesem mutmasst der griechische Philosoph, ob der Mensch an sich eine Funktion habe, wo doch seine Körperteile, deren Summe er ist, im Einzelnen Funktionen haben. Linus’ Schlussfolgerung drei Seiten später lautet: «Da jede Antwort ausser Ja den Wert des Lebens vermindert oder gar zerstört, ist die einzige für mich vertretbare Antwort: Ja, denn ich lebe gerne!» So weit, so gut, dann fügt er an: «Wäre die Existenz Gottes ausgeschlossen, ist das Beenden der eigenen Existenz die sauberste Lösung.»

Nach drei Seiten logischer Folgerungen, die an einen mathematischen Lösungsweg erinnern, wirkt dieser letzte Satz wie ein gezielter Tritt ans Schienbein. Doch Linus weiss um die Provokation, die in diesem Gedanken steckt. Sie ist gewollt und erwünscht, schliesslich zählt für die Jury nicht nur die Schlüssigkeit, sondern auch die Originalität der Essays. Nichtsdestotrotz erstaunt es ein wenig, dass einer, der von sich sagt, er denke rationaler als die meisten anderen, ausgerechnet Gott in seinen Lösungsweg einbaut.

Deistische Grundhaltung

Ist der beste Schweizer Denker seiner Altersklasse ein so gläubiger Mensch? Er sei in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, sagt Linus. Wobei er nicht sagt: «Ich glaube an Gott», sondern: «Ich habe eine deistische Grundhaltung.» So heisst das aus dem Mund eines Philosophen. Der Vater ist Religionslehrer in Luzern, hat selber Philosophie studiert. Er ist auch der Grund, weshalb Linus sich überhaupt mit dieser Wissenschaft beschäftigt. «Ich sehe ihn jedes zweite Wochenende, dann führen wir lange Gespräche», sagt Linus.

Was er über Philosophie weiss, hat Linus nicht aus Büchern, sondern in diesen Gesprächen mit seinem Vater gelernt. Wann das angefangen hat, weiss er selber nicht mehr. Irgendwann als Kind soll er den Vater gefragt haben, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben. Und was war die Antwort? «Ich weiss es nicht mehr. Aber es waren viele.»

Vorurteile «über Bord werfen»

Viele Antworten auf viele Fragen. Das fasziniert den jungen Zürcher an der Philosophie. «Es gibt keine Frage, die man in der Philosophie nicht stellen darf», sagt Linus, «das unterscheidet sie von den anderen Wissenschaften.» Steht die Philosophie über den anderen Wissenschaften? «Ja», sagt Linus, «aber auch darunter. Um philosophisch an ein Thema heranzugehen, muss man seine Vorurteile über Bord werfen», sagt er. Nicht der Instinkt oder die eigenen Erfahrungen zählen. Sondern die Logik und die Fähigkeit, analytisch zu denken.

Dass er sich heute zu den bedeutendsten Schweizer Denkern unter 20 zählen darf, verdankt Linus nicht nur seinem Kopf, sondern auch einem Plakat, an der Pinnwand seiner Schule, auf das er zufällig stiess. Es warb für den Wettstreit, an dem er nun zum ersten Mal teilnahm. Ist er zufrieden mit Bronze? «Ja, ich war ja schliesslich der Jüngste. Und ich hatte noch nie Philosophieunterricht in der Schule.» Letzteres bedauert er. In anderen Kantonen gehört sie zum Pflichtstoff – in Zürich wird die Philosophie stiefmütterlich behandelt. «In einer Demokratie sollte Philosophie Pflicht sein», schiesst es druckreif aus Linus heraus.

Nächstes Jahr will er wieder antreten. Und gewinnen. Bei einem Sieg könnte er an der Internationalen Philosophie-Olympiade teilnehmen. Bis zur Matura hat er noch drei solcher Chancen.

Biologie, Chemie, Physik

Berufswunsch Philosoph? Nein, sagt der 15-Jährige und führt wirtschaftliche Gründe an. Kein Wunder, Stelleninserate, in denen Philosophen gesucht werden, sind mehr als selten. Nein, ihn ziehe es in die Naturwissenschaften, sagt der Gymnasiast. Vielleicht Biologie, Chemie, Physik. Die mag er alle. Und die Philosophie wird dabei wohl auch nicht zu kurz kommen, schliesslich haben wir soeben gelernt, dass sie alles andere wie eine horizontale Klammer umfasst.

Ist er durch seine Auszeichnung in logischem Denken nun zum Problemlöser für sein Umfeld geworden? Nein, glaubt Linus. Doch Zweifel an dieser Antwort kommen kurze Zeit später auf, bei der Verabschiedung vor der Schule. Dort taucht eine Mädchengruppe auf, eines fällt ihm um den Hals: «Linus, eine Frage: Kann einem der Arsch einschlafen?» Linus wird etwas verlegen. Das sei nun nicht wirklich sein Spezialgebiet.

Denkt man an den Funktionsbegriff von Aristoteles, ist das Einschlafen sicher nicht der primäre Zweck eines menschlichen Gesässes. Aber das ist nur eine von vielen möglichen Antworten, die einem Universum an Fragen gegenüberstehen.