Das duale Bildungssystem ist ein Erfolgsmodell. Nicht nur Akademikern, auch Praktikern bieten sich im Kanton Zürich zahlreiche Ausbildungsmöglichkeiten. Doch die Berufsbildung könnte besser sein. Das zeigt ein Bericht, der die Entwicklung von 2008 bis 2017 beleuchtet und gestern von Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) vorgestellt wurde.

Besorgniserregend ist etwa die Erkenntnis, dass jeder fünfte Lehrvertrag aufgelöst wird. Steiner wies zwar darauf hin, dass 60 bis 70 Prozent der Abbrecher eine neue Lehre beginnen. Doch wird deutlich, dass sich viele Jugendliche mit dem Einstieg ins Arbeitsleben schwer tun. Mal erweist sich die Berufswahl als die falsche, mal sind die Anforderungen zu hoch oder stimmt das Verhältnis zum Betrieb oder zum Lehrmeister nicht.

Der kantonale Gewerkschaftsbund kritisiert zudem, dass gerade im Bau- und Dienstleistungssektor viele Auszubildende als billige Arbeitskraft missbraucht würden. Diese Branchen würden massgeblich dazu beitragen, dass die Zahl der unbesetzten Lehrstellen zwischen 2009 und 2016 um 250 Prozent gestiegen sei.

Maturität ist beliebt, aber...

Besser könnte auch die Bilanz der Berufsmaturität sein. Zwar entscheiden sich immer mehr Jugendliche für diese Zusatzausbildung, die den Zugang zu den Fachhochschulen ermöglicht. Der Anteil jener, die eine Berufsmaturität während der Lehre absolvieren (BM 1), ging jedoch zurück. «Gerade für jene mit einer anspruchsvollen Lehre scheint diese Doppelbelastung zu gross zu sein», sagte Steiner.

Immer mehr Jugendliche absolvieren deshalb die Berufsmaturität nach der Lehre (BM 2). Die BM 2 ist aber in vielen Fällen weder für die Lernenden noch für den Betrieb befriedigend, weil sich die Ausbildungszeit um bis zu zwei Jahre verlängern kann.

Mit der «BM 1 flex» schafft der Kanton nun eine weitere Option. Dabei wird der Unterricht während der Lehre reduziert und die Maturität im vierten Lehrjahr mit einem verkürzten Arbeitspensum erlangt.

Laut Niklaus Schatzmann, Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes, ist die «BM 1 flex» eine «Win-win-Situation für Betrieb und Lernende». Für Lebensmitteltechnologen, Laboranten sowie Fachmänner und -frauen Betreuung (Fabe) werde das Modell bereits erfolgreich angewendet. Potenzial für die «BM 1 flex» sieht Schatzmann vor allem in kaufmännischen Berufen.

Erfolg mit zweijähriger Lehre

Laut dem gestern präsentierten Bericht beginnen heute 65 Prozent der Jugendlichen nach der Volksschule eine Lehre. 2008 waren es noch 61 Prozent. Die Zunahme erfolgte auch dank der zweijährigen Lehre mit eidgenössischem Berufsattest (EBA). Diese vor allem für schulisch schwache Jugendliche eingeführte Lehre hat sich etabliert.

Die EBA trägt auch dazu bei, dass heute 90 Prozent der 25-Jährigen über einen Berufsabschluss verfügen. Damit liegt der Kanton Zürich im schweizerischen Durchschnitt. Steiners Ziel ist es, diese Quote auf 95 Prozent zu erhöhen.

Ansetzen will die Bildungsdirektorin bei den Erwachsenen, die noch über keine Berufsausbildung verfügen. Ihnen soll eine seit Anfang Jahr aktive Fachstelle aufzeigen, wie sie einen Berufsabschluss nachholen können — oder wie sie sich bestehende Kompetenzen für einen Abschluss anrechnen lassen können.

Pilotversuch mit Flüchtlingen

Ab den Sommerferien startet der Kanton Zürich zudem mit einem vierjährigen Pilotversuch, der Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen den Einstieg in die Berufsbildung und damit in den Arbeitsmarkt vereinfachen soll.

In Zusammenarbeit mit Unternehmern und Verbänden sind laut Schatzmann bereits 50 Ausbildungsplätze für diese sogenannte Integrationsvorlehre geschaffen worden.