Der Standort des Fundbüros 2 ist geprägt von Konsum. Der Schalter befindet sich im Pavillon am Werdmühleplatz, leicht versetzt zur Bahnhofstrasse in Zürich. Wo einst Ticketcorner seine Billette verkaufte, geht es künftig um alles andere als Konsum. In diesem Fundbüro wird ausschliesslich Nicht-Materielles gesucht und gefunden: Hoffnung etwa, Inspiration, Liebe, Freude, Wut, Trauer, Einsicht oder Gewissheit.

Wer etwas Entsprechendes sucht oder gefunden hat, kann sich bis Ende 2017 am Schalter beim Werdmühleplatz melden. Der Beamte vor Ort spricht mit den Kunden, füllt ein Formular aus und registriert das Verlorene oder Gefundene im System. «Wir wollen mit dem Fundbüro 2 etwas Konträres machen», sagt Patrick Bolle, Mitinitiant des immateriellen Fundbüros, über das Projekt, das er zusammen mit seiner Kollegin Andrea Keller lanciert. «Es geht uns darum, einen Denkanstoss zu geben und Irritationen hervorzurufen. Es dreht sich alles um die Frage: Wie kann man etwas verlieren oder finden, das nicht greifbar ist?»

Auf der Website des Fundbüros sind auch schon Beiträge über Verlorenes und Gefundenes aufgeschaltet. So hat beispielsweise Martin (42) die Gewissheit verloren, ob er seine Ehe so noch leben will. Jasmine (37) hat dank eines Gutscheins für Gesangsstunden ihr Selbstvertrauen gefunden, diese Leidenschaft auszuleben und zu geniessen.

Noch vier weitere Einträge gibt es über gewonnene Einsichten, verlorene Orientierung und abhandengekommene Grosszügigkeit. Die persönlichen Kurzgeschichten regen zum Nachdenken an. Über die Herausforderung, ein entsprechendes Inserat zu formulieren und zu veröffentlichen, sagt Bolle: «Es braucht viel Denkarbeit, um herauszufinden, was man denn alles verlieren oder finden kann im Leben.»

Inserenten verlinken

Ziel der Aktion sei laut Bolle, das Bewusstsein für die immateriellen Werte im Leben zu sensibilisieren – und die Geschichten und die Menschen dahinter miteinander zu verbinden. Die Initianten versuchen nach eigenen Angaben dabei keineswegs, ein reales Abbild der Gesellschaft zu zeichnen. So gäbe es für die Kunden im Internet oder am Schalter auch die Möglichkeit, anzugeben, ob sie kontaktiert werden dürfen, sollten konträre oder vergleichbare Meldungen beim Fundbüro 2 eingehen. Ziel der Verlinkung sei, den Austausch über die Werte im Leben zu ermöglichen.

Vor Ort sind jeweils zwei Beamte, wie Bolle sagt. Doch nur eine Person ist am Schalter, denn «das Gespräch soll in einem intimen Rahmen stattfinden». Eine zweite Person ist im Hintergrund als Unterstützung des Schalterbeamten anwesend. Zudem planen die Initianten des Fundbüros 2, mit Gästen zusammen zu arbeiten. Beispielsweise wird Tanja Kummer, eine Zürcher Schriftstellerin, diesen Samstag am Schalter stehen. Mit weiteren Persönlichkeiten aus den Bereichen Kultur, Kunst und Sport führen Bolle und Keller derzeit Gespräche.

Beamten sind geschult

Möglicherweise ziehe dieses Angebot auch labile Menschen an, die sich vom Schalterbesuch eine Linderung erhoffen. «Für diesen Fall sind unsere Beamten geschult», sagt Bolle. Ihnen stehe ein Informationsblatt mit Kontaktpersonen der Notfallpsychiatrie, dem Elternnotruf oder der Dargebotenen Hand zur Verfügung. «Für den Fall, dass die Erwartungen der Kunden am Schalter enttäuscht würden, könnten wir ihnen kompetente Hilfe anbieten.»

Die Geschichten über Verlorenes oder Gefundenes, die während eines Jahres am Werdmühleplatz zusammenkommen, werden die Fundbüro-Initianten sammeln und auswerten. Geplant sind monatliche Statistiken und Geschichten darüber, was wohl am Häufigsten gesucht oder aber gefunden wird. Am Ende der Aktion wollen Bolle und Keller die entstandenen Geschichten als Buch herausgeben.

Das Fundbüro ist so konträr, wie sein Standort. Nur 50 Meter vom Pavillon entfernt befindet sich das richtige Fundbüro, wo verlorene Schlüssel, Portemonnaies und sonstige Waren abgegeben oder abgeholt werden.

Erste Schalteröffnung am Samstag, 4. Februar von 14 bis 18 Uhr. Weitere Informationen unter www.fundbuero2.ch