Was tun, wenn man als Gruppe im Ausgang unterwegs ist und einer der Kollegen plötzlich schlappmacht, weil er vor lauter Alkohol nicht mehr gerade stehen kann? Nach Hause bringen und ins Bett legen, sollte man meinen. Zürcher Jugendliche haben nun aber einen Weg entdeckt, wie sie betrunkene Kollegen loswerden können, ohne selbst auf den weiteren Ausgang verzichten zu müssen: Sie laden den Kollegen irgendwo auf einem Randstein ab, wählen die Nummer 144 und bestellen für ihn eine Ambulanz. Dem Einsatzdisponenten am anderen Ende der Leitung erzählen sie, jemand liege auf dem Trottoir und rühre sich nicht mehr, es sei ein Notfall.

Wenn die Ambulanz wenig später mit Blaulicht anrollt, sind die Kollegen meist schon über alle Berge. Die ausgerückten Rettungsleute treffen nur noch auf einen einsamen Betrunkenen, der allerdings keine medizinische Hilfe braucht, sondern nur einen Ort, wo er sich von seinem Rausch erholen kann. Da sie den Zecher nicht einfach liegen lassen können, bleibt den Sanitätern meist nichts anderes übrig, als ihn einzuladen und auf die Notfallstation zu bringen. «Taxi 144» heisst das mittlerweile im Berufsjargon.

Jeder zweite Einsatz

Michael Jacober hat fast zehn Jahre bei Schutz & Rettung Zürich gearbeitet. Er hat selbst zahlreiche solcher Einsätze miterlebt. Und jedes Mal ärgerte er sich über das junge Partyvolk, das zu faul sei, um sich selbst um die angeschlagenen Kollegen zu kümmern. «Die Exzesse beginnen schon in der Nacht von Donnerstag auf Freitag und enden erst am Sonntag», sagt er. Dass Schutz & Rettung jugendliche Trinker auflesen müsse, komme immer öfter vor. Die Frequenz nehme jeweils nach dem 25. eines Monats noch einmal zu, weil dann bei den meistern der Lohn auf dem Konto eingetroffen sei. Jacober arbeitet heute nicht mehr bei Schutz & Rettung. Noch immer aber pflegt er einen engen Kontakt mit den städtischen Rettungssanitätern.

Von ihnen weiss er: Die Situation spitzt sich weiter zu. An Wochenenden sei bisweilen schon jeder zweite der insgesamt gegen 50 Nachteinsätze kein medizinischer Notfall mehr, sondern eine Fahrt für einen Taxi- 144-Passagier.

«Lieber zu früh als zu spät»

Roland Portmann, Sprecher von Schutz & Rettung, bestätigt diese Zahl nicht. Es sei heikel gewisse Einsätze als ungerechtfertigt zu bezeichnen. «Das Empfinden, wann eine Situation ein Notfall ist, ist von Person zu Person sehr unterschiedlich», sagt er. Die Rettungskräfte müssten deshalb jeden Anrufer grundsätzlich ernst nehmen. Eine Auswertung, ob ein Einsatz wirklich nötig war oder nicht, gebe es nicht. «Wir ermuntern die Leute schliesslich dazu, lieber einmal zu früh den Rettungswagen zu rufen, als einmal zu spät», so Portmann. Echte Jux-Anrufe gebe es nur sehr selten.

Bestätigen kann er allerdings, dass die Rettungskräfte immer öfter wegen alkoholisierter Personen ausrücken müssen. Erst jüngst wurde in einer Studie ausgewertet, wie viele Einsätze Schutz & Rettung in den letzten zehn Jahre wegen Alkohol- und Drogenkonsum gefahren ist. Die genauen Ergebnisse hält Portmann allerdings noch unter Verschluss. Er wird sie erst an einer allgemeinen Medienkonferenz präsentieren, die morgen Freitag stattfindet.

Laut Sanitäter Jacober nutzen längst nicht nur männliche Jugendliche das Taxi 144. In den letzten drei, vier Jahren habe die Zahl der Trinkerinnen stark zugenommen. Junge Frauen kombinierten den Alkohol zudem öfter mit Drogen als Männer. Nicht selten lesen die Rettungskräfte 13- und 14-Jährige auf. «Die kommen dann direkt ins Kinderspital», so Jacober.

Wenn die Rettungssanitäter zu einem betrunkenen Jugendlichen bestellt werden, versuchen sie laut Jacober immer zuerst die Eltern zu kontaktieren. «Wenn man sie erreicht, fragt man sie, ob sie ihren Sprössling gleich vor Ort abholen könnten, damit wir ihn nicht mitnehmen müssen.» Viele Eltern winkten jedoch ab: Sie kämen lieber am nächsten Tag ins Spital.

Patienten zahlen selbst

Die Fahrt mit dem Rettungswagen ist allerdings nicht gratis. Auf Stadtzürcher Gebiet kostet sie im Notfall mindestens 500 Franken. Nachts ist sie 75 Franken teurer. Braucht jemand zusätzliche medizinische Massnahmen, kostet das nochmals extra. Zum Vergleich: Eine Nacht in der Ausnüchterungsstelle der Polizei schlägt mit bis zu 950 Franken zu Buche. Wer den Rettungseinsatz zahlt, ist laut Sprecher Portmann klar geregelt: «Wir schicken die Rechnung immer dem Patienten.» Dieser sei dann dafür verantwortlich, das Geld von seiner Krankenkasse zurückzufordern. Ob die Kasse zahle, wenn jemand wegen eines Rausches eingeliefert wird, sei allerdings fraglich.

Sanitäter Jacober hatte irgendwann genug von den jugendlichen Rauschtrinkern. «Es macht keinen Spass, regelmässig betrunkene Kinder herumzuchauffieren», sagt er. Vor zwei Jahren hat er deshalb bei Schutz & Rettung Zürich gekündigt und zum Rettungsdienst Männedorf gewechselt. Dort, so sagt er, sind die Wochenenden deutlich ruhiger.