Hausfasssaden
Den Fassadenbildern auf der Spur: Ein Spaziergang durch Zürich — und dessen Geschichte

Vor hundert Jahren bauten in der Stadt Zürich die ersten Baugenossenschaften ihre Siedlungen. Die Hausfassaden zieren Bilder, die im Widerspruch stehen zu den Bewohnern. Ein Spaziergang.

Katrin Oller
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Bäuerliche Idylle, Haustiere, Familie: Fassadenmaler Wilhelm Hartung verzierte die Fassade der Kolonie Sihlfeld am Bullingerplatz.
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Den Fassadenbildern auf der Spur
Vom Gärtnern träumen: ABZ-Kolonie Kanzleistrasse. Kind und Farbe im Kontrast: «Roter Block» am Röntgenplatz. Fabrik, Handwerk und Arbeiterleben waren nur ganz selten Thema der Fassadenbilder: ABZ-Siedlung Neugasse. Bäuerliche Idylle, Haustiere, Familie: Fassadenmaler Wilhelm Hartung verzierte die Fassade der Kolonie Sihlfeld am Bullingerplatz.
Fabrik, Handwerk und Arbeiterleben waren nur ganz selten Thema der Fassadenbilder: ABZ-Siedlung Neugasse.
Vom Gärtnern träumen: ABZ-Kolonie Kanzleistrasse.
Kind und Farbe im Kontrast: «Roter Block» am Röntgenplatz.

Bäuerliche Idylle, Haustiere, Familie: Fassadenmaler Wilhelm Hartung verzierte die Fassade der Kolonie Sihlfeld am Bullingerplatz.

Johanna Bossart

Am Zürcher Röntgenplatz sind die Fassaden bunt. Eine Häuserreihe ist leuchtend gelb, eine dunkelrot und eine andere braun. Es sind alles Bauten der Baugenossenschaft des eidgenössischen Personals (BEP), die in den 1920er-Jahren entstanden. Am «Roten Block» fallen kleine runde Reliefs auf. Darauf sind spielende Mädchen und Buben, Hasen, Eulen und Füchse zu sehen – niedliche Motive als Kontrast zur politisch motivierten Farbgebung der Kolonien, wie die Genossenschaftsbauten genannt wurden.

Diese Siedlungen entstanden knapp zehn Jahre nach dem Generalstreik von 1918. «Die linke Arbeiterbewegung, die hier baute, wurde immer noch als Gefahr wahrgenommen. Dieser Angst wollte man wohl mit Häschen und Kindern entgegenwirken», vermutet Jan Capol, Leiter Inventarisierung bei der kantonalen Denkmalpflege. Er hat Ende der 1990er-Jahre seine Doktorarbeit über die Fassadenbilder der Zürcher Baugenossenschaften geschrieben. Einen Beweis für diese These fand er allerdings nirgends. Weshalb die Genossenschaften solche Motive wählten, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

WC und Fenster waren neuerdings obligatorisch

Die Genossenschaftsbauten stehen im Kontrast zu den bürgerlichen Spekulationsbauten, die zwischen 1893 und 1914 in den neu eingemeindeten Gebieten wie Aussersihl entstanden. 1893 regelte das erste Baugesetz des Kantons heute Selbstverständliches: Im Haus musste ein WC vorhanden sein, jedes Zimmer musste ein Fenster haben, dessen Grösse im Verhältnis zur Zimmergrösse vorgeschrieben war. Auch wurden die Höhe der Bauten und ein ­Blockrandraster festgelegt.

Die bürgerlichen Häuser nutzten die neuen Vorschriften maximal aus. Im Erdgeschoss sind Gewerberäume, weil Läden und Beizen Kunden anziehen. Auch das Dachgeschoss wurde als Wohnraum ausgebaut und die Häuser reichten bis ans Trottoir. Sogar die Innenhöfe wurden bebaut.

Die Fassadendekoration konnten die Bauherren aus einem Katalog aussuchen: Sollten es ionische Säulen sein? Oder ein Renaissance-Design? So entstand da ein verzierter Fenstersims und dort ein säulendekorierter Balkon.

Ganz anders die Kolonien der Baugenossenschaften. Statt nur einem Haus erstellten die Baugenossenschaften mithilfe der Stadt, die Kapital einschoss und den Boden verbilligt abgab, ganze Blockrandbauten. Sie bauten bescheiden, günstig und effizient. Einen Grünstreifen rund um das Haus liess man stehen und den Innenhof liess man als Grünfläche frei. Im Erd­geschoss entstanden Wohnungen, unter dem Dach hingegen Estriche. Ausser der Farbe boten die Bauten architektonisch wenig. Doch die grossen Flächen leer zu lassen, störte den ästhetischen Sinn der Epoche. So verschönerte man sie mit Fassadenbildern, wie Capol sagt.

Auffällig ist, dass die meisten Fassadenbilder kaum etwas zu tun haben mit dem Alltag der Menschen, die in den Genossenschaftsbauten lebten. Eine Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist die Siedlung Neugasse der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ). Die Fassadenbilder zeigen Hand­werker, Fabriken und einen Bahn­mitarbeiter.

Meist dominieren aber bäuerliche Idyllen. Eines der schönsten Beispiele ist die ABZ-Kolonie Sihlfeld am Bullingerplatz. Die erkerartigen Anbauten sind reich bemalt: Ein Bauer mit Flöte, Hasen, ein Reh, ein Vogel mit einem Körbchen voller Blumen, die Mutter mit Kind, der Vater auf dem Feld. Auch der Maler selber, Wilhelm Hartung, hat sich samt Frau und Kindern in einem Segelboot auf der Fassade verewigt.

«Eigentlich waren Bauern damals die Feinde der Arbeiter», sagt Capol. Während des Krieges verteuerten sie die Lebensmittel und stellten sich im Generalstreik gegen die Arbeiterbewegung. Bei den Fassadenbildern orientierten sich aber auch die Baugenossenschaften an den schweizerischen Idealen, die die Bauern mit ihrer Naturverbundenheit am besten ver­körperten. Die Motive zeigen die Vaterlandsliebe etwa mit einem Schwyzerörgeli und mit viel Rot und Weiss; ­Religiöses wie ein Hirte mit Schaf oder eine in Blau gekleidete Frau mit Kind, die an eine Pietà erinnert; Natürliches wie Tiere, Blumen, Früchte und die bürgerliche Familie mit Vater, Mutter und Kind.

Nur Familien durften in die neuen Siedlungen einziehen

In den Wohnungen lebten Staatsangestellte, Pöstler oder Bähnler. Sie hatten ein regelmässiges Einkommen und konnten den Mitgliederbeitrag, den die meisten Genossenschaften einforderten, bezahlen. Das einzige Ideal, das auch innerhalb der Wohnungen verkörpert wurde, war dasjenige der Familie. Eine solche musste man vorweisen, um in die Siedlungen einziehen zu können. Mancherorts blieb diese Regel bis in die 1970er-Jahre bestehen.

Wie die Architekten der Genossenschaftsbauten – viele wurden von Otto Streicher gebaut – gehörten auch die Fassadenmaler wie Wilhelm Hartung nicht zur Crème de la Crème der damaligen Künstlerszene. Heute kennt kaum jemand ihre Werke. Am bedeutendsten sei Jakob Gubler, sagt Jan Capol. Gubler hat neben Fassadenbildern – etwa bei der städtischen Siedlung Birkenhof an der Schaffhauserstrasse 111 – auch religiöse Wandmalereien in Kirchen realisiert. Sein Hauptwerk im Kirchgemeindesaal Bullingerhaus wurde allerdings in den 1950ern übermalt.

Die Fassadenbilder am Bullingerplatz sind unter Denkmalschutz, andere sind im Inventar aufgenommen und einigen droht bald der Abriss: Vergeblich kämpfte der Heimatschutz gegen die Pläne von ABZ und BEP. Die Genossenschaften planen, die Kolonien Kanzleistrasse und Seebahn zwischen der Erismann- und der Seebahnstrasse abzureissen und durch Neubauten zu ersetzen. Der Baustart ist 2023 vorgesehen. Auch bei dieser ABZ-Kolonie wirkte Wilhelm Hartung und malte das, was man damals für den Traum aller Arbeiter hielt, über einen Hauseingang: Ein Mädchen, das mit Hühnern spielt, vor einem Einfamilienhaus auf dem Land.

Wer darauf achtet, sieht in der Stadt immer wieder Malereien auch an ­modernen Hausfassaden. Meist sind es Genossenschaftsbauten – denn noch heute werden gemeinnützige Siedlungen ab und zu bemalt. Beispiele sind das riesige Graffiti des Street-Art-­Kollektivs «One Truth» im Auftrag der reformierten Kirche Wipkingen an der Rötelstrasse 96 beim Bucheggplatz oder die städtische Siedlung ­Heuried am Höfliweg in Wiedikon. Als die Siedlung Heuried, die aus den 1970ern stammt, 2005 renoviert wurde, verschönerte die Künstlerin ­Judith Elmiger die kahlen Flächen mit überdimensionalen Darstellungen von spielenden Kindern. Hier stand wohl weniger die Zerstreuung einer Angst im Vordergrund, sondern schlicht ein Hinweis auf die Familienwohnungen hinter den Fassaden.