Kanton Zürich

Demografie als Wahlkampfschlager

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Die Parteien haben das Bevölkerungswachstum entdeckt – doch stimmen die Zahlen?

Die Zürcher SVP-Regierungsräte Markus Kägi und Ernst Stocker waren vorangegangen: An der Pressekonferenz zur Eröffnung ihres Wahlkampfs wiesen sie kürzlich darauf hin, dass der Kanton Zürich in den nächsten 15Jahren 200000 zusätzliche Einwohner unterbringen müsse – inklusive Arbeitsplätze und Infrastruktur. Stocker unterliess es nicht, darauf hinzuweisen, dass dies Ängste wecken könne. Nun legt die FDP nach: Sie schlägt vor, Wolkenkratzersiedlungen zu bauen, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. So könnte im Glatttal Wohnraum für 400000 Personen entstehen, was der Regierungsratskandidat der Grünen, Martin Graf, wiederum via «Tages-Anzeiger» kritisierte. Doch woher kommt eigentlich das erwartete Bevölkerungswachstum? Stimmen die Zahlen? Und wo ist noch Platz für all die Leute?

Zunächst einmal ist die zentrale Zahl voraussichtlich zu korrigieren: Hans-Peter Bucher, Bevölkerungs-Spezialist des kantonalen Amts für Statistik, geht davon aus, dass die Einwohnerzahl des Kantons Zürich bis 2030 lediglich um 170000Personen auf 1,51Millionen steigt. Das entspräche prozentual in etwa den Annahmen des Bundes für die gesamtschweizerische Entwicklung. Drei Viertel der erwarteten Bevölkerungszunahme schreibt Bucher der Zuwanderung aus dem Ausland zu. Ein Viertel rühre vom «positiven Geburtensaldo» her, wozu mehr Geburten und die steigende Lebenserwartung massgeblich beitragen. Bucher räumt ein: «In den letzten Jahren lagen wir mit unseren Prognosen zum Bevölkerungswachstum immer zu tief.

Wie stark die Abweichung war, haben wir allerdings nie berechnet.» Andererseits hätten zu den starken Zuwanderungsgewinnen der letzten Jahre auch Statuswechsel durch die neue Personenfreizügigkeit beigetragen: Aus Kurzaufenthaltern wurden statistisch plötzlich Aufenthalter mit B-Bewilligung. Dennoch ist unbestritten: Die Einwohnerzahl dürfte steigen. Allerdings nicht mehr so rasant wie in den Jahren 1990 bis 2009, als sich die Zunahme im Kanton Zürich auf 190000Personen (plus 17Prozent) belief.

Stadt Zürich und das Glatttal

Bleibt die Frage: Wohin mit dem Bevölkerungswachstum? Bucher geht davon aus, dass in absoluten Zahlen die Stadt Zürich (+32000) und das Glatttal (+22000) Spitzenreiter sind, gefolgt von Winterthur und Umgebung, dem Zürcher Unterland und dem Zürcher Oberland. Grundlage seiner Annahme ist die laufende Bautätigkeit. Prozentual am stärksten zulegen dürften hingegen das Furttal und das Zürcher Weinland mit Raten von über 20Prozent, gefolgt vom Zürcher Unterland und dem Knonaueramt. Abschwächen dürfte sich hingegen das Wachstum im Limmattal von 12,2Prozent (1990 bis 2009) auf 8,5Prozent bis 2030.

Bauland ist vorläufig noch genug vorhanden. «Die Reserven reichen für die nächsten 20 bis 30Jahre», sagt René Loner, Sprecher der kantonalen Baudirektion. Dazu zählen etwa ehemalige Industriegebiete, die für Wohnen und Arbeiten umgenutzt werden. Aber auch gut erschlossene Zentrumsgebiete mit Verdichtungspotenzial wie die Europaallee beim Zürcher Hauptbahnhof, das Glatttal und das Limmattal. Der Entwurf des kantonalen Richtplans, der derzeit öffentlich aufliegt, geht davon aus, dass die Fläche des Siedlungsgebiets gleich bleibt. Verdichtung dürfte vor allem in den zwölf kantonalen Zentrumsgebieten an den S-Bahn-Linien stattfinden, die der Richtplan aufführt. Als «Motoren der Entwicklung» gelten darin die vier Stadtlandschaften Zürich, Limmattal, Glatttal und Winterthur.

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