Stadt Zürich
Dem Windrad in der Stadt fehlt nur etwas: Wind

Die Vision einer Stadt Zürich voller Kleinwindanlagen erfährt einen Dämpfer. Das Test-Windrad auf dem Dach des Migros-Hochhauses steht oft bewegungslos da. Es fehlt der Wind. Der Test hat aber auch positive Ergebnisse hervorgebracht.

Marius Huber
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Die Testanlage auf dem Migros-Hochhaus steht exponiert und doch im Windschatten.

Die Testanlage auf dem Migros-Hochhaus steht exponiert und doch im Windschatten.

Marius Huber

Am Rand einer Politveranstaltung lupfte es Markus Kägi (SVP) unlängst den Hut: Windkraftwerke seien ein Witz, wies er eine Kritikerin zurecht. Die Zürcher Regierung mag zwar umgeschwenkt sein in Richtung Atomausstieg, aber ihr Präsident ist deshalb noch lange nicht zum Öko-Enthusiasten mutiert. Er hat sich auf einer Reise die grossen Windparks im Norden Europas von ganz nah angeschaut und blieb doch distanziert. Sein Fazit: sehr viel Stahl für sehr wenig Strom. Sogar am Meer, wo der Wind zuverlässig weht.

In der Stadt Zürich herrscht ein anderer politischer Geist. Hier hat sich die Bevölkerung die 2000-Watt-Gesellschaft auf die Fahne geschrieben, der Gemeinderat hat im Frühjahr den Atomausstieg beschlossen, und fast zeitgleich hat das städtische Elektrizitätswerk (EWZ) auf Stadtgebiet eine erste Leichtwindanlage in Betrieb genommen, zu Testzwecken.

Diese Pioniertat fand wenig Beachtung, obwohl sie aufsehenerregende Folgen haben könnte. Falls die Erkenntnisse positiv wären, könnten Firmen und Privatleute solche Anlagen einst auf ihre Dächer und in ihre Gärten stellen, fachlich beraten vom EWZ. Zürich würde zur Stadt der Windräder. Fürs Erste scheinen indes Skeptiker wie Markus Kägi Recht zu behalten.

Um den Faktor zehn daneben

Das Windrad, das Zürich den Weg in die Zukunft weisen soll, steht oft bewegungslos auf dem Dach des Migros-Hochhauses in Zürich West, 60 Meter über der Stadt. Zu wenig Wind. Marco Mangani, Projektleiter beim EWZ, muss befürchten, dass sein Baby mit den gebogenen Rotoren zum Gespött all jener wird, die es immer schon besser wussten. Denn die Zwischenbilanz nach einem halben Jahr ist ernüchternd.

Die Anlage, ein französisches Modell, das sich schon bei leichter Brise zu drehen beginnt, hätte gemäss seinen Prognosen etwa den Drittel des Strombedarfs eines Durchschnittshaushalts abdecken sollen – nicht genug, um Kritiker zum Schweigen zu bringen, aber immerhin.

Strom reicht gerade für einen Fernseher

Tatsächlich lieferte die 30000-Franken-Anlage bislang nur einen Bruchteil davon, gerade genug, um einen Fernseher zu betreiben. «Wir liegen im Moment um den Faktor zehn daneben», sagt Mangani.

Auch wenn der Versuch noch fast fünf Jahre dauert, ist etwas jetzt schon klar: Im verwinkelten Stadtraum halten sich die Windverhältnisse nicht an Modellrechnungen. Der aktuelle Standort auf dem Hochhausdach entpuppte sich wider Erwarten als Windwüste. Externe Fachleute sollen nun helfen herauszufinden, woran das liegt.

Dennoch positive Einsichten

Laut Mangani hat der Versuch auch positive Einsichten gebracht. Als das EWZ im Frühjahr 2011 ankündigte, in der Stadt mit Windkraft Strom erzeugen zu wollen, gab es viele skeptische Kommentare. Sogar der Schattenwurf wurde als Gegenargument bemüht – obwohl die 5 Meter hohe Anlage auf dem Hochhaus kaum ins Auge fällt.

Doch dann explodierten in Fukushima die Reaktorblöcke, und plötzlich überwog in Zürich das Wohlwollen. Die Baubewilligung für das Windrad bereitete laut Mangani weniger Probleme als erwartet, einzig die Denkmalpflege machte Auflagen.

Die künftigen Nachbarn im Wohnturm quer über die Strasse konnte das EWZ beruhigen: Lärm erzeugt eine solche Anlage kaum. «Der Wind pfeift auf den Rotoren nicht lauter als um die Hausecken», sagt Mangani.

Windräder als Ergänzung zu Solaranlagen

Er würde gerne noch einen Versuch an einem anderen Standort unternehmen. Denn als Ergänzung zu Solaranlagen könnten Windräder sinnvoll sein, da sie im Winter mehr Strom liefern als im Sommer. Und es ist kein Geheimnis, dass es in Zürich Orte gibt, wo einem der Wind regelmässig um die Ohren pfeift. Die neuen Häuserschluchten beidseits des Prime Tower etwa haben sich als wahre Windkanäle erwiesen.

Der Grüne Zürcher Nationalrat Bastien Girod, Vizepräsident von Suisse Eole, der Schweizer Vereinigung zur Förderung der Windenergie, findet es gut, wenn mit solchen Windrädern experimentiert wird. Für die Energiewende sei dies allerdings eher ein Nebenschauplatz. Das Hauptaugenmerk liege auf den bereits hinreichend erprobten, grossen Anlagen, die viel mehr Leistung bringen.