Urteil
Dem Vater in den Rücken gestochen: Obergericht verurteilt Autisten wegen vorsätzlicher Tötung

Die Vorinstanz qualifizierte die Tat als versuchter Totschlag. Zu Unrecht, wie das Zürcher Obergericht findet. Es verurteilte einen Autisten, der seinem Vater mit einem Messer in den Rücken gestochen hat, wegen vorsätzlicher Tötung und verlängert die Freiheitsstrafe.

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Der Autist stach seinem Vater in den Rücken, als dieser das Zimmer verliess. (Symbolbild)

Der Autist stach seinem Vater in den Rücken, als dieser das Zimmer verliess. (Symbolbild)

KEYSTONE/DOMINIC FAVRE

Das Zürcher Obergericht verurteilte einen Mann, der seinem Vater mit einem Messer in den Rücken gestochen hatte, wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren. Damit korrigierte das Gericht den Entscheid der Vorinstanz, wie die "NZZ" schreibt. Für den Beschuldigten hat dies allerdings keine Konsequenzen: Der Strafvollzug ist bereits rechtskräftig zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben worden.

Der erwachsene Mann, der unter Autismus leidet, lebte zum Zeitpunkt der Tat bei seinem Vater. Dieser wusste nichts vom Zustand seines Sohnes. Da sich der Verurteilte wenig sozial verhielt, kam sein Vater in sein Zimmer und forderte ihn auf, die Sachen zu packen und auszuziehen. Beim Verlassen des Zimmers stach der Sohn seinem Vater mit einem Messer in den Rücken. Das Opfer hatte Glück im Unglück. Da wichtige Organe verfehlt wurden, hatte der Angriff keine tödlichen Folgen.

Der Autist zeigte sich von Anfang an reuig und geständig. Er sei vom Druck des Vaters erschöpft und frustriert gewesen. Er habe nach dem Gespräch im Affekt zum Messer gegriffen, wie die "NZZ" berichtet. Das zuständige Bezirksgericht verurteilte den Mann wegen versuchtem Totschlag zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Keine Affekthandlung

Das Obergericht war nun anderer Meinung. Die Tat könne nicht als Affekthandlung qualifiziert werden, da dafür die heftige Gemütsbewegung und die grosse seelische Belastung entschuldbar sein müsse. Dies sei in diesem Fall nicht gegeben, weil der Mann nach eigenen Aussagen bereits vorher Mordfantasien gegen seinen Vater gehabt habe. Zudem hatte er vor der Tat sein Messer bereitgelegt und in seine Matratze gestochen, um einen Messerangriff zu simulieren.

Nach Ansicht des Gerichts fehle es an der notwendigen Entschuldbarkeit der Tat, wie die "NZZ" weiter ausführt. Die Vorinstanz habe dem Verurteilten die psychische Störung doppelt zugutegehalten. Einerseits bei der Klassifizierung der Tat als versuchter Totschlag, andererseits bei der Strafzumessung durch eine mittelgradig verminderte Schuldfähigkeit.