Die Schiffe der Weinseligkeit sind wieder am Zürcher Bürkliplatz vertäut: Noch bis kommenden Donnerstag präsentieren an der Expovina 120 Anbieter auf zwölf Zürichsee-Schiffen über 4000 Weine aus aller Welt zur Degustation. Zürcher Weine sind an der Zürcher Weinausstellung indes eine kleine Minderheit: Lediglich ein paar wenige Stände führen einheimische Gewächse aus der näheren Umgebung. Können sie sich gegenüber der Konkurrenz aus aller Welt behaupten?

Pinot Noir «bis zum Abwinken»

Auf dem Oberdeck der «Helvetia» hat die Firma Zweifel ihren Stand mit Schweizer Weinen. Zweifel ist einer der grössten und traditionsreichsten Zürcher Weinhersteller und -Händler. Die Höngger Reben der Familie Zweifel wurden 1440 erstmals urkundlich erwähnt.

Schon am frühen Nachmittag gesellt sich eine Rentnergruppe zwecks feuchtfröhlicher Degustation zum Zweifel-Stand. Ruth Gsell steht hinter dem Tresen und schenkt ein. «Pinot Noir hatten Sie sicher schon bis zum Abwinken», meint sie lachend, als ich erkläre, ich wolle herausfinden, wie es um die Zürcher Weine an der Expovina steht. Dann fügt sie an, in den letzten Jahren würden vermehrt auch jüngere Leute hiesige Weine kaufen.

Sie kredenzt Malbec aus Oberengstringen, der während zwölf Monaten im Eichenfass gereift ist. Die Expovina-Jury verlieh dem Wein nach einer Blinddegustation eine Goldmedaille. Es ist ein edler Tropfen, der aber mit Jahrgang 2012 noch Entwicklungspotenzial hat. Der Malbec Cabernet Cubin 2010, ebenfalls aus Oberengstringen, schmeckt ausgereifter und würde ein opulentes Mahl bestens begleiten. Vorurteil Nummer eins, wonach es Rotweinen aus dem eher kühlen Raum Zürich an Komplexität fehle, ist bei mir schon mal ausgeräumt. Als jedoch ein älterer Expovina-Besucher hinzukommt, der eigentlich zum Zweifel-Stand mit den Weinen aus Übersee wollte, zeigt er sich angesichts des Oberengstringer Malbec wenig begeistert. Eigentlich habe er chilenischen Malbec probieren wollen, meint er naserümpfend. «Geht so», lautet sein Urteil nach einem Schluck. Dann wendet er sich ab.

Mit Weindesign gegen Vorurteile

Beim Stand der Staatskellerei Zürich kennt man die Vorurteile gegenüber Zürcher Weinen: «Man muss die Leute mit der Nase darauf stupsen», sagt Stefan Jost, der hier die Gäste bedient. In ihren Verkaufsläden habe Mövenpick, seit 1997 Besitzerin der Staatskellerei, mehrfach Zürcher Weine per Blinddegustation angeboten – und damit beim Publikum oft einen «Wow-Effekt» bewirkt.

Nun, ein «Wow» als Ausdruck hingerissener Begeisterung entfährt mir zwar nicht, als ich einen Schluck Zürcher Weissen, Roten und Schaumwein der Staatskellerei probiere. Aber lecker sind sie, allesamt.

Die Weine der Staatskellerei werden im Rheinauer Klosterkeller gekeltert. Die Trauben kommen von 90 Produzenten, vorwiegend aus dem nördlichen Kantonsgebiet. Neben Klassikern wie der auf Gottfried Keller verweisenden «Staatsschreiber»-Linie setzt die Staatskellerei vermehrt auf Weine, deren Namen und Etiketten das Zürcherische nicht eben betonen. Sie heissen Compleo, Akkurat oder Eo.

Jost präsentiert «unser neustes Pferd im Stall», den Rotwein namens Eo. Er preist ihn als «modern, kraftvoll, mit viel Farbe und Geschmack». Die Flasche wiegt mehr als ihr Inhalt. Dieser, eine Mischung aus Gamaret und Merlot, könnte nach meinem laienhaften Urteil auch aus Südamerika stammen. Er schmeckt vollmundig-fruchtig, sonnig, rund. Das «neuste Pferd im Stall» lässt das Klischee von der sauren Zürcher Pfütze weit hinter sich.

Auch im Mövenpick-Sortiment, das insgesamt 1200 Weine umfasst, stellen die Zürcher Weine mit 20 Sorten allerdings eine kleine Minderheit dar. Gefragt sind sie offenbar primär beim älteren Publikum, darauf lassen Josts Beobachtungen schliessen: Tagsüber, wenn vor allem Pensionäre die Expovina besuchen, sei am Stand der Staatskellerei mehr los; abends, wenn auch die jüngeren Semester kommen, belagerten sie eher den nebenan auf dem Oberdeck der «Linth» gelegenen Mövenpick-Stand mit den Übersee-Weinen.

Mehr ausländische Konkurrenz

«Nur von unseren eigenen Weinen könnten wir nicht leben», sagt denn auch Gianni Barraldo, der die Gäste am Expovina-Stand der Küsnachter Kelterei Welti umsorgt. Neben den Eigengewächsen hat Welti italienische, spanische und französische Weine im Angebot.

Barraldo betont: «Die Zürcher Weine haben eine Entwicklung hin zu höherer Qualität durchgemacht, am Rebberg und im Keller.» Heute ernte man im Rebberg noch 700 bis 800 Gramm Trauben pro Quadratmeter. Vor 20 Jahren seien es 1,8 Kilo gewesen. Auch sei das Rebsorten-Spektrum heute weit über die traditionellen einheimischen Sorten Blauburgunder und Riesling-Silvaner hinaus erweitert. Und im Keller lagere jetzt vermehrt Wein in Eichenfässern (Barrique). Zudem habe mit dem Mischen verschiedener Rebsorten die Vielfalt zugenommen.

Die Gründe für diese Entwicklung sieht er in der verstärkten Konkurrenz mit ausländischen Weinen: «Früher gab es Kontingente, jetzt sind die Grenzen offen. Der Markt ist übersättigt.» Das habe mit dazu geführt, dass der Absatz von Zürcher Weinen mengenmässig sank, während gleichzeitig die Qualität stieg. Auch Weltis «Katharina von Zimmern», eine Cuvée aus Riesling-Silvaner, Räuschling und Weissburgunder, mundet übrigens bestens.