Zürich
Das Zürcher Schauspielhaus inszeniert "Matto regiert"

Wachmeister Studer ermittelt im Schauspielhaus Zürich: Sebastian Nübling inszeniert Friedrich Glausers Psychiatrie-Krimi mit unheimlichen Zwischentönen.

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Glausers Roman spielt im bizarr-unheimliche Universum einer psychiatrischen Heilanstalt.jpg

Glausers Roman spielt im bizarr-unheimliche Universum einer psychiatrischen Heilanstalt.jpg

Schauspielhaus Zürich

Schummriges Licht, gelb-bräunlich wie auf einer alten Sepia-Fotografie, empfängt das Publikum im Saal. Die Bühne, offen, leer und schwarz, wird eingefasst von einem Portal, einer Art weissem Band, welches das Hier und das Dort eher verbindet als trennt: Matto, der Geist des Irrsinns, regiert hüben und drüben! Was eine Seitentreppe am rechten Rand unterstreicht, die den Zuschauerraum mit der Bühne verbindet (Bühnenbild: Muriel Gerstner).

Im düsteren Raum - wieder drängt sich das Bild einer vergilbten Fotografie auf - gruppieren sich Menschen. Weisse Kittel, starre Blicke, stereotypen Bewegungen, Ticks, Sätze und Satzfragmente, die mit Insistenz wiederholt und abrupt immer wieder gestoppt werden. Lastende Schwere!

Im eigenartigen Kontrast dazu die beschwingt-leichten Alu-Stühle, die Hans Coray für die Landi entwarf. Sie, zusammen mit der züchtigen Rocklänge der Damen bis unters Knie und einem Transistorradio, aus dem eine Guisan-Rede und anderes Erbauliches ertönt, sind spärliche Indizien, die eine vage zeitliche Verortung ins Gestern erlauben.

Wenn auch nicht chronologisch exakt, so doch atmosphärisch absolut stimmig - Glausers Roman erschien 1936. Tennisrackets für Belegschaft und Insassen sowie Kaffeerahmdeckeli an den seitlichen Saalwänden suggerieren wenn nicht Wahnsinn, so doch Besessenheit oder Ansätze einer zwanghaften Beschäftigungstherapie.
Im Spinnennetz

In dieses bizarr-unheimliche Universum der psychiatrischen Heilanstalt mit dem sprechenden Namen Randlingen - Glauser hat die Klinik ziemlich exakt derjenigen von Münsingen nachgezeichnet, wo er selbst sechs Jahre interniert war- wird eines Morgens Wachmeister Studer gerufen. Er soll den Mord an Direktor Borstli aufklären.

Allerdings geht es in Glausers Roman ebenso wenig wie in Sebastian Nüblings Inszenierung um die Auflösung eines Falls nach dem klassischen Muster des Who-done-it. Vielmehr verstrickt sich Studer zusehends im Netz der "Spinne, die ihre Schicksalsfäden" zieht. Und sich sogar einmal leibhaftig von der Decke herabhangelt.

Ein kleines Aperçu nur, leicht übersehbar und kaum einzuschätzen, und doch charakteristisch für den Abend, dessen "Spinnfäden" nicht leicht zu folgen, geschweige zu fassen sind. Was denn auch einige leere Plätze nach Pause zur Folge hatte.
Atmosphärische Dichte

Wer jedoch ausharrt, dem wird ein eindrücklicher Abend beschieden. Nicht weil er am Schluss Gewissheit hätte, ob Borstli einen Fehltritt tat oder hinterrücks in den Kellerschacht gezogen wurde.

Sondern weil er während zweieinhalb Stunden einen anspielungsreichen Blick Glausers verklausulierten Biographie und die atmosphärische Dichte seines Denkens und Fühlens hat tun dürfen.

Getragen wir der Abend von Glausers kerniger, mit Mundartausdrücken durchsetzten Sprache (Lob für die kluge Bühnenfassung) und ein paar ein paar nostalgisch schwebenden Musik- und Gesangsstücken.

Und getragen wird er vor allem von einem ausnahmslos wunderbaren Ensemble, manche davon in mehreren Rollen und hier leider nicht namentlich zu würdigen. Michael Neuenschwander, bärtig, erdig und bärbeissig, als grossartiger Studer ist nur einer von ihnen, ein Drahtzieher, dem letztendlich alle Drähte entgleiten... (sda)