Ganze 116 Jahre lang schlummerte unter dem Chor des Zürcher Fraumünsters ein Schatz, zu dem die Öffentlichkeit nun endlich Zugang erhält. Morgen Sonntag eröffnet die Kirchgemeinde ihre neu ausgestaltete Krypta, den ältesten Teil der Kirche, in dem früher Heiligenreliquien aufbewahrt wurden. Die Fundamente stammen teilweise aus dem 9. Jahrhundert. Bei einem Rundgang vor Ort zeigt sich, wie eng die bauliche Veränderung des Gotteshauses mit dem Wandel der Kirche verbunden ist, und dass die Gründungslegende mehr Wahrheit enthält als man annehmen würde.

Am Anfang des Fraumünsters standen Hildegard und Bertha, die zwei Töchter des ostfränkischen Königs Ludwig des Deutschen. Der Überlieferung nach waren die beiden auf die Burg Baldern auf dem Albis gezogen und von dort oft ins nahe Zürich gewandert, um zu beten. Ein weisser Hirsch mit leuchtendem Geweih habe ihnen jeweils den Weg durch den dunklen Wald gewiesen, heisst es. Ludwig der Deutsche wollte die beiden Schwestern verheiraten. Doch sie baten ihn darum, stattdessen ein Kloster zu bauen, in welchem sie ihr Leben Gott widmen könnten. Und zwar dort, wo die Limmat aus dem See fliesse. Der König soll seine Töchter darauf hingewiesen haben, dass dies kein günstiger Ort für eine Kirche sei. Da habe der Himmel ein grünes Seil zur Erde sinken lassen und damit jene Stelle umfasst, an der das Gotteshaus entstehen sollte. So lautet die Legende. Historisch gesichert ist, dass König Ludwig die Fraumünsterabtei im Jahr 853 stiftete sowie dass dieser zuerst Hildegard und anschliessend ihre Schwester Bertha vorstanden.

Land unter wegen der Sihl

Die Legende hat aber auch darüber hinaus durchaus einen gewissen Bezug zur Realität: Der König hatte recht mit seiner Einschätzung des Bauortes. Das Fraumünster liegt nämlich mitten im Sihldelta, das oft überflutet wurde. Davon zeugen helle Sedimente im Fundament der Krypta, auf die Stadtarchäologe Dölf Wild auf dem Rundgang hinweist. Dass der Karolinger-König die Abtei dennoch dort gebaut hat, könne auch als Geste des Triumphs über die Naturgewalt interpretiert werden, sagt er.

Wild steht dabei auf einem Steg, der zwischen den nun gut ausgeleuchteten Fundamenten dieser Zeitzeugin errichtet wurde. Die Mauern, tief im Boden unter den berühmten Chagall-Fenstern, umgaben die mit dem Projekt betrauten Holzer Kobler Architekten mit Ausstellungswänden aus Metall. Sie bilden den Rahmen für eine kompakte Ausstellung zur Reformations-, Architektur- und Stadtgeschichte, die den archäologischen Teil der Krypta ergänzt. Grafiken auf Bildschirmen verdeutlichen etwa, welchem Jahrhundert und welchem Umbau die Fundament-Fragmente der Krypta entstammen. Und wie aus der ursprünglich romanischen Kirche eine gotische wurde. Zu sehen sind aber auch historische Exponate wie Briefe des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger an Martin Luther. Sie verweisen auf die grosse Bedeutung, die Zürich als Kommunikationszentren der Reformation im europäischen Kontext zukam. Das kleine Museum in der Krypta zeige, wie eng Bau und Religionsgeschichte verknüpft seien, sagt Pfarrer Niklaus Peter: «So wie sich die Kirche wandelte, erlebte auch das Fraumünster im Lauf der Zeit einschneidende bauliche Veränderungen.»

Beim Abbruch der Abtei entdeckt

Auch die Entdeckung der Krypta im August 1900 war eigentlich eine Spätfolge der Reformation: Infolge des religiösen Zeitenbruchs wurde das Frauenkloster zu einer reformierten Kirche. 1524 übergab die letzte Äbtissin, zuvor formale Stadtherrin Zürichs, die Abtei mit allen Gütern an den Rat Zürichs. Als Architekt Gustav Gull das für eine reformierte Kirche überflüssige Abteigebäude zu Beginn des 20. Jahrhunderts zugunsten des neuen Stadthauses abreissen liess, stiess man unter dem Chor auf die Überreste der früheren Krypta. Der Raum wurde danach vor allem als Materiallager gebraucht und später die Gebäudetechnik darin untergebracht. Als die Fraumünster-Gemeinde dann ab 2014 nach mehreren Vorstudien den Ausbau der Krypta an die Hand nahm, bildeten diese technischen Einrichtungen eine echte Herausforderung. Holzer Kobler Architekten entschieden sich dafür, sie hinter metallenen Blenden zu verstecken, die gleichzeitig auch als Präsentationsflächen dienen.

Das Bauprojekt, im Zuge dessen auch die schräg über der Krypta liegende Marienkapelle mit einer neuen Beleuchtung und Mobiliar ausgerüstet wurde, kostete 950 000 Franken. Dazu kamen rund 200 000 Franken für das neue Besucherleitsystem (siehe Kontext). Mit dem Ergebnis zeigten sich die Vertreter der Kirchgemeinde Fraumünster und ihre Partner beim Rundgang sehr zufrieden. Einzig dem Stadtarchäologen Wild blieb ein Wermutstropfen. Vom göttlichen Seil in der Gründungslegende des Fraumünsters heisst es nämlich, es sei lange Zeit in der Kirche aufbewahrt, dann aber entsorgt worden. «Hätten wir es bei den archäologischen Untersuchungen gefunden: Das wäre eine Sensation gewesen», sagt Wild mit einem Lächeln. Doch blieb es beim Konjunktiv – und das Seil im Reich der Legenden.