Der dicke farbige Engel schaut vom Dach hängend auf die Reisenden herab; beim Meeting-Point warten qualmend die einen auf die andern. Ein Samstagmorgen wie jeder andere am Hauptbahnhof Zürich. So scheint es zumindest auf den ersten Blick - bis in der grossen Halle punkt 10 Uhr die Trompeten und Posaunen erklingen. Der Fernsehmoderator, begleitet von zig Kameras, besteigt die Bühne und begrüsst die vermeintlichen Pendler, die nun als Zuschauer erkennbar werden. Hunderte Betreuer sind im Einsatz und an der Bar gehen die ersten Cüpli über die Theke. Der Bahnhof feiert sich selbst. Besser gesagt: Er zelebriert seine neue Durchmesserlinie.

Dass für diesen Anlass nicht mit der kleinsten Kelle angerührt wird, ergibt sich durch das Projekt: Sieben Jahre schufteten sie hier, auf der grössten städtischen Baustelle der Schweiz. Ein unterirdischer Bahnhof entstand in 16 Meter Tiefe, ein neuer Tunnel und neue Brücken wurden gebaut. Die Verantwortlichen sind zufrieden mit dem Resultat: Vom «Wunder von Zürich» ist bereits die Rede, von einer «Meisterleistung» spricht SBB-Chef Andreas Meyer. Und bei der Eröffnungsfeier für geladene Gäste von letztem Donnerstag strich Bundesrätin Doris Leuthard die Wichtigkeit des Projekts heraus: «Was für Zürich gut ist, ist gut für die ganze Schweiz.»

«Einkaufen» und «Erleben»

Nun kann sich auch die Öffentlichkeit zum ersten Mal selbst ein Bild vom neuen Bahnhof und von der Durchmesserlinie machen. Das Interesse am Samstag ist gross: Etwa 200 000 Besucher verzeichnet das Eröffnungsfest nach Angabe der SBB. In der Bahnhofshalle gibt das SBB-Blasorchester den Hit «Welcome Home» zum Besten. Die Zuhörer schunkeln, es riecht nach Bratwürsten. Links und rechts der Szenerie sollen Grossbuchstaben klarmachen, was sich SBB und ZVV von der Durchmesserlinie versprechen: «Einkaufen», «Erleben», «Schneller» steht dort. Für Letzteres soll die neue Strecke sorgen. Für die 10 000 Personen, die sich am Samstag einen Sitz im «Tunnelturbo» ergattert haben, ist die Fahrt aber auch ein «Erleben»: Interessiert schaut das Paar aus dem Aargau aus den Fenstern, im Abteil nebenan fachsimpeln zwei Rentner aus Zürich, aufgeregt wirbelt der 10-jährige Jason im Zug umher. Dieser durchfährt den beleuchteten, noch blitzsauberen Tunnel, unterquert die Limmat, dann den Weinberg, und schon ist man in Oerlikon.

Erreicht man nach der Fahrt mit der Rolltreppe wieder die obere Etage des unterirdischen Bahnhofs, wird auch klar, was mit «Einkaufen» gemeint ist: Seite an Seite reihen sich hier die neuen Shops aneinander. Coiffeur-Geschäfte, Cafés, Kleiderläden - 40 Geschäfte und Gastrobetriebe finden hier Platz. Beinahe geblendet wird man dabei vom vielen Licht und Weiss. «Wie ein geplätteltes Badezimmer», witzelt Fernsehmoderator Nik Hartmann. Die Passage ist ein riesiges, unterirdisches Shoppingcenter inmitten von Zürich. Die Verantwortlichen versprechen sich hohe Besucherfrequenzen. Die Pendlerströme, die heute nun eingesetzt haben, werden Aufschluss darüber geben: Sie werden die erste Bewährungsprobe für dieses riesige Bahn-Bauprojekt sein.