Corona-Politik

Das Volk wäre bereit für neue Massnahmen zur Pandemiebekämpfung

Die Zürcher Regierungsratsmitglieder Natalie Rickli, Mario Fehr, Silvia Steiner warten ab.

Die Zürcher Regierungsratsmitglieder Natalie Rickli, Mario Fehr, Silvia Steiner warten ab.

Die Corona-Fallzahlen explodieren – und die Zürcher Kantonsregierung wartet mal ab. So präsentierte sich die Lage vergangenen Freitag. Beobachtungen aus dem Zürcher Alltagsleben deuten an: In der Bevölkerung ist die Bereitschaft für weitergehende Massnahmen durchaus vorhanden. Beispiele gefällig?

Samstagnachmittag, Fussballplatz Heuried. Es herrscht strahlender Sonnenschein, die Junioren-Spiele des FC Wiedikon sind mit ein paar Dutzend Zuschauern gut besucht. Vor dem Klubhaus stehen die Leute oft näher als eineinhalb Meter beieinander. Fast alle tragen Atemschutzmaske. Was unlängst noch kaum vorstellbar war, ist hier normal: das Maskentragen unter freiem Himmel. Wo es sinnvoll erscheint, wird es akzeptiert.

Sonntagabend im «El Lokal»: Die populäre Kneipe nahe beim Zürcher Hauptbahnhof ist fast leer. Schon um 22 Uhr verkündet der Barkeeper: «Letzte Runde.» Niemand murrt. Man bestellt noch ein Bier. Vielleicht ist es das letzte, bevor der Bundesrat heute weitergehende Einschränkungen anordnet. Gegen 23 Uhr machen sich die wenigen verbliebenen Gäste auf den Heimweg – gut eine Stunde früher als sonst. «So ist halt die Situation», meint der Barkeeper schulterzuckend. «Wenn es keinen Sinn mehr hat, offen zu bleiben, machen wir jetzt früher zu.»

Gespräch mit einem Lehrer beim Bier: Einer seiner Schüler habe ihm kürzlich ganz nebenbei mitgeteilt, er sei mit dem Coronavirus infiziert und daher in Quarantäne. Die Mitschüler wüssten es schon länger. Auf die Idee, dass es auch die Lehrpersonen wissen sollten, die ebenfalls gefährdet sein könnten, sei der Schüler nicht gekommen. Auch das Contact-Tracing-Team des Kantons meldete sich nicht beim Lehrer. Was sagte Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) am Freitag vor den Medien? «Die Kontaktverfolgung stösst an ihre Grenzen mit täglich 500 bis 1000 neuen Fällen.»

Dringende Maskenempfehlung für Sekundarschüler

Montagnachmittag: Der Schulpräsident meldet sich per E-Mail bei allen Sekundarschülern und deren Eltern im Stadtzürcher Schulkreis Uto. Er platziert einen «dringenden Aufruf» zu einem «freiwilligen Engagement»: Ab Dienstag sollen auch alle Schülerinnen und Schüler Maske tragen, wenn sie sich in der Schule bewegen. Für die Lehrpersonen gilt dies auf Anordnung des Kantons schon länger. Doch es genügte offenbar nicht: «Schon in der ersten Schulwoche nach den Herbstferien mussten zahlreiche Lehr- und Betreuungspersonen, aber auch Schülerinnen und Schüler in Isolation oder in Quarantäne geschickt werden», heisst es in dem Schreiben des Schulpräsidenten. Und: «Auch wenn wir bisher keine Ansteckungsketten in den Schulen hatten, wollen wir, dass es so bleibt. Und wir wollen auch, dass die Schulen offenbleiben!» Mein Sohn nimmt am Dienstag kommentarlos eine Maske mit zur Schule. Und berichtet nach Schulschluss, fast alle hätten eine getragen – vorher praktisch niemand. Was sagte Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) am Freitag? «Wir werden nächste Woche weitere Massnahmen anordnen.»

Die Alltagsbeispiele zeigen: Offenbar kommen die nötigen Massnahmen nun zumindest teilweise zuerst von unten, statt dass sie von oben angeordnet werden: Die Kneipe schliesst früher als sie müsste, weil die Gäste vorsichtig sind und kaum noch kommen. Die Schule rät den Schülern dringend, Masken zu tragen, noch bevor die Bildungsdirektion dies anordnet. Und Fussballfans am Spielfeldrand des Quartierklubs nehmen bereitwillig Rücksicht auf die gefährliche epidemologische Lage. Die Politik, insbesondere jene des Zürcher Regierungsrats, hinkt momentan hinterher. Dabei gab sie in der Coronakrise auch schon den Takt an. Als etwa der Bund im Juli die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr anordnete, trug vorher in den Zürcher Trams kaum jemand Maske. Tags darauf trugen sie fast alle.

Ein Stück weit scheint nun die viel beschworene Eigenverantwortung zu spielen. Doch das reicht nicht, solange sich die Fallzahlen wie zuletzt Woche für Woche verdoppeln und der Platz in den Spitälern knapp wird. Es ist Zeit, dass die Politik das Heft wieder in die Hand nimmt. Einen Lockdown will niemand. Vor epidemologisch sinnvollen Anpassungen, sei es bei den Öffnungszeiten der Bars und Klubs, bei der Maskenpflicht in den Schulen, bei Grossveranstaltungen, im Amateursport oder im privaten Rahmen sollte aber weder der Bundesrat noch der Regierungsrat zurückschrecken – zumal sich die Bevölkerung offen dafür zeigt.

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