Rosengarten
Das Volk sagt Nein zum Rosengartenprojekt — auf der Suche nach einem Plan B

Kein Tram und kein Tunnel am Zürcher Rosengarten: Das Volk sagt Nein zum Milliarden-Projekt. Die Gegner fordern andere Lösungen. Die Befürworter sprechen von einer verpassten Chance.

Katrin Oller
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Es verkehren weiterhin täglich 56000 Autos auf der Rosengartenstrasse. Wie es weitergehen soll, ist völlig offen.

Es verkehren weiterhin täglich 56000 Autos auf der Rosengartenstrasse. Wie es weitergehen soll, ist völlig offen.

Keystone

Mit einem so deutlichen Ergebnis hat kaum jemand gerechnet. Über 60 Prozent des Stimmvolkes im Kanton will am Zürcher Rosengarten weder Tram noch Tunnel. Damit hat es der gemeinsamen Vorlage der Kantons- und Stadtregierung eine klare Abfuhr erteilt. Beide Vorlagen, diejenige zum Spezialgesetz wie auch zum Rahmenkredit von 1,1 Milliarden Franken, scheiterten in praktisch allen Gemeinden des Kantons.

Etwas zerknirscht, aber gefasst, trat Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh (FDP) am Sonntag vor die Medien. Ihr hatte die jahrelange Vorbereitung dieses Geschäfts den Übernamen «Madame Rosengarten» eingetragen: Sie bedaure das Nein zum «nach wie vor grossartigen Projekt», sei aber auch froh um die Deutlichkeit des Entscheids. Nun würden weiterhin 56000 Autos täglich auf der Rosengartenstrasse verkehren, sagte Walker Späh. Auch der öffentliche Verkehr sei unter Druck, weil die Entlastung des Hauptbahnhofs ohne Rosengartentram verzögert werde. Wie es nun weitergehe, sei offen. Wie sie schon im Abstimmungskampf betont habe, gebe es keinen Plan B. In der Pflicht seien nun die Abstimmungssieger.

Die Gegner des Rosengartenprojekts zeigten sich zuerst begeistert vom deutlichen Ergebnis: «Mich freut besonders, dass auch die Landbevölkerung eingesehen hat, dass dieses teure Geschenk an die Stadt nichts bringt», sagte Gabi Petri, Co-Präsidentin des Zürcher VCS und Grüne Kantonsrätin. Bei der Kritik am Kosten-Nutzen-Verhältnis des Projekts trafen sich das links-grüne Nein-Komitee um Petri und das bürgerliche Nein-Komitee um SVP-Kantonsrat Hans-Peter Amrein. Damit war das Gesamtverkehrsprojekt von links und rechts unter Beschuss gekommen.

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Amrein sieht die Lösung des Problems am Rosengarten in einer radikal neuen Verkehrsplanung für die Nord-Süd-Achse durch die Stadt Zürich. Er fordert einen Stadttunnel von Dübendorf bis Zürich Brunau. Dafür reichten zwar die 1,1 Milliarden Franken nicht aus, die nun am Rosengarten nicht ausgegeben werden. Aber ein Tunnel sei nötig, damit der Verkehr fliesse, sagte Amrein.

Die Nase voll von Tunnels hat das links-grüne Nein-Komitee. Weil die Bevölkerung derzeit nicht nur «grün wählt, sondern auch abstimmt», wie Petri sagte, setze man auf klimafreundliche Lösungen wie flankierende Massnahmen (siehe unten).

In der nächsten Zeit werde am Rosengarten gar nichts passieren, prophezeite Peter Anderegg, der Präsident der Interessensgemeinschaft öffentlicher Verkehr (IG ÖV) und Co-Präsident des Pro-Komitees. Er befürchtet, dass sich die Fronten nun wieder verhärten könnten. Denn das gescheiterte Rosengartenprojekt habe ausgezeichnet, dass erstmals Stadt und Kanton, ACS und IG ÖV an einem Strick zogen. Es sei deshalb schade um die «verpasste Chance».

Das Ei des Kolumbus

Andereggs Co-Präsidentin, ACS-Präsidentin Ruth Enzler, sieht nun keine Dringlichkeit, das Verkehrsproblem am Rosengarten zu lösen: «Der Zustand in Wipkingen wird offensichtlich als gut genug angesehen», sagte sie am Sonntag. Denn dieses Nein ist ja nicht das erste zu einem Rosengartenprojekt. Bereits 2010 lehnte die Stadtzürcher Bevölkerung ein Rosengartentram ohne Lösung für den Individualverkehr mit 67 Prozent Nein-Stimmen ab. Die 56000 Fahrzeuge pro Tag seien auf der Rosengartenstrasse bis auf weiteres plafoniert, sagte Enzler. Dafür sorge der Artikel in der Kantonsverfassung, der als Gegenvorschlag zur Anti-Stau-Initiative 2017 angenommen worden ist.

Für «gescheite Lösungen» wolle der ACS aber Hand bieten, sagte Enzler. Diese Bereitschaft signalisierten auch Anderegg und die Stadt Zürich, wie Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) sagte. «Aber machen wir uns keine Illusionen», sagte Mauch weiter, «wenn jahrzehntelang vergeblich nach einer Lösung für den Rosengarten gesucht wurde, findet man nicht plötzlich an einem Abstimmungssonntag das Ei des Kolumbus.»