Katholische Kirche
Das versteckte Leben: Als Homosexueller in der katholischen Kirche

Ein schwuler Seelsorger aus Zürich hofft auf eine Erneuerung der Kirche durch Papst Franziskus. Bis dahin ist er gezwungen, seine Homosexualität nur versteckt zu leben.

Marisa Eggli
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Als Seelsorger zu arbeiten, ist Pius Weber wichtiger, als seine Beziehung offen zu leben. (Symbolbild)

Als Seelsorger zu arbeiten, ist Pius Weber wichtiger, als seine Beziehung offen zu leben. (Symbolbild)

Keystone

Wenn der Druck für Pius Weber* zu gross wird, explodiert er manchmal. Dann werde er plötzlich wütend, sei sehr impulsiv, sagt er. Seine aufbrausende Art sieht man dem 54-Jährigen nicht an. Er lacht gerne, hat ein freundliches, aufgeschlossenes Gesicht und mag gute Gesellschaft.

Dennoch staut sich manchmal ein Druck in ihm auf, der sich entlädt, indem er aufbraust. Aber er weiss um das Problem und versucht, es unter Kontrolle zu bringen. Die Ursache dafür kann er aber nicht ändern. Weber ist katholischer Seelsorger in Zürich und schwul. Eine Kombination, die undenkbar ist – zumindest für die Kirchenführer, insbesondere für Vitus Huonder, den Bischof des Bistums Chur.

Weber ist sicher: «Der entliesse mich glatt, wüsste er davon.» Deshalb lebt Weber seine Homosexualität versteckt. «Das ist manchmal ganz schön schwierig.» Dann zum Beispiel, wenn sein Bischof verkündet, Schwule, Geschiedene und Wiederverheiratete dürften in der Kirche keine Kommunion empfangen oder Homosexuelle seien weniger Wert als Heterosexuelle. Bei solchen Aussagen könne er «sternhagelwütend» werden. Dann fühle er sich innerlich zerrissen, weil er sich zwar in den Dienst der Kirche stelle, aber von deren Führern als Mensch nicht akzeptiert und geliebt werde. Das mache ihm zu schaffen.

Verständnis vom Freund

Dass er Männer liebt, begriff Weber erst, als er 40 war. Während eines Kurses zur eigenen Standortbestimmung sei es einfach herausgekommen. «Das war schmerzhaft aber sehr heilsam.» Dadurch habe er gelernt, sich selbst zu akzeptieren. Vor dieser Zeit schenkte er seiner Sexualität wenig Beachtung. Er entschied sich für den Weg als katholischen Seelsorger und kompensierte mit platonischen Freundschaften. Der katholischen Kirche den Rücken zu kehren, kam für ihn aber nie infrage. «Die Religion ist mein Fundament», sagt er nach einer kurzen Pause entschieden. Das sei so seit seiner Kindheit in der Innerschweiz.

Aufgewachsen in einer grossen Bauernfamilie war er in der Religion stets sehr verwurzelt. Deshalb stellt Weber noch heute seine Berufung, als Seelsorger zu arbeiten, vor sein Bedürfnis, die Beziehung mit seinem Freund offen zu leben.

Solidaritätsverein Adamim

Für einen katholischen Kirchenangestellten ist ein Coming-out schwierig, weil er riskiert, seine Stelle zu verlieren. Denn vor allem für die obersten Kirchenführer ist es schlicht undenkbar, in wichtigen Positionen Schwule zu beschäftigen, zum Beispiel als Priester oder Seelsorger. Diese leben ihre Homosexualität deshalb oft im Verborgenen.

Um ihre schwierige Situation zu teilen und offen über Erfahrungen zu sprechen, haben einige schwule Seelsorger 1995 den Solidaritätsverein Adamim ins Leben gerufen. Dieser hat in der Deutschschweiz zurzeit knapp 60 Mitglieder. Sie wollen sich dafür einsetzen, dass Homosexualität in der Kirche besser akzeptiert wird. (meg)

Dieser versteht ihn sehr gut. Sein Freund ist selbst katholischer Seelsorger. Sie führen eine Fernbeziehung, sehen sich mal in Zürich, mal in Deutschland. «Wenn er mich hier besucht, ist er einfach mein Bekannter», sagt Weber. Dabei würde sich der eine oder andere in der Kirchgemeinde natürlich seine Gedanken machen. Manchmal werde er gefragt, wie es seinem Freund gehe. «Die Menschen haben ja Augen im Kopf.» Aber wissen, dass das sein Lebenspartner ist, würden in der Kirchgemeinde nur eine Handvoll Vertraute.

Pius Webers Schicksal teilen viele katholische Kirchenmänner. Um sich austauschen zu können, haben einige den Solidaritätsverein Adamim gegründet. Dieser bietet auch Weber einen Rahmen, über sein verstecktes Leben zu sprechen und damit einen besseren Umgang zu finden. «Seit ich Mitglied bin, fühle ich mich weniger einsam.»

Winzige Hoffnung

In jüngster Zeit keimt in Weber eine kleine Hoffnung, dass er sich von der Kirche irgendwann akzeptiert fühlen kann. Grund dafür ist die Haltung von Papst Franziskus, der sich weniger konservativ zeigt als seine Vorgänger. Und der die Meinung der Gläubigen kennen will - zum Beispiel mittels einer Umfrage. Deren Ergebnisse zeigten jüngst, dass sich die Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz eine offenere Kirche wünschen. Weber kann sich vorstellen, dass es Franziskus schafft, die hiesigen Bischöfe zu mehr Toleranz zu verpflichten.

Umfrage: Vernichtendes Fazit gezogen

Es war eine gross angelegte Umfrage unter den Gläubigen, welche die Schweizer Bischöfe Ende 2013 durchführen liessen. Insgesamt haben sie knapp 25 000 Antworten erhalten, die meisten aus der Deutschschweiz. Das Resultat präsentierten sie vor kurzem und zogen ein vernichtendes Fazit.

Viele Gläubige sind mit der Haltung der katholischen Kirche nicht einverstanden, zum Beispiel bezüglich der Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Paaren, geschiedenen oder wiederverheirateten Frauen und Männern. Sie haben zur Umfrage zahlreiche Kommentare abgegeben, in denen sie ihr Unverständnis über die Kirchenpraxis zum Ausdruck bringen. Viele halten das Zölibat für überholt und kritisieren die Stellung der Frau.

Zudem gilt der Umgang der katholischen Kirche mit Geschiedenen, Schwulen und Lesben grundsätzlich als gescheitert, wie es in der Umfrageauswertung heisst. Die Bischöfe haben die Umfrage auf Geheiss des Papstes lanciert. Er will wissen, was die Gläubigen über die Kirche denken. Der St. Galler Bischof Markus Büchel, Präsident der Bischofskonferenz, nannte die Ergebnisse «einen Paukenschlag». Er will sie im Oktober nach Rom an die einberufene Synode bringen. (meg)

Diese Hoffnung ist für ihn aber kein Anlass zur überschwänglichen Freude. Sie sei klein. Solange er arbeite, werde er sich kaum je öffentlich outen können – was danach ist, sei offen. Manchmal sagt Weber scherzend zu seinem Freund: «Wenn wir pensioniert sind, können wir ja heiraten.»

*Name der Redaktion bekannt