Wenn der Druck für Pius Weber* zu gross wird, explodiert er manchmal. Dann werde er plötzlich wütend, sei sehr impulsiv, sagt er. Seine aufbrausende Art sieht man dem 54-Jährigen nicht an. Er lacht gerne, hat ein freundliches, aufgeschlossenes Gesicht und mag gute Gesellschaft.

Dennoch staut sich manchmal ein Druck in ihm auf, der sich entlädt, indem er aufbraust. Aber er weiss um das Problem und versucht, es unter Kontrolle zu bringen. Die Ursache dafür kann er aber nicht ändern. Weber ist katholischer Seelsorger in Zürich und schwul. Eine Kombination, die undenkbar ist – zumindest für die Kirchenführer, insbesondere für Vitus Huonder, den Bischof des Bistums Chur.

Weber ist sicher: «Der entliesse mich glatt, wüsste er davon.» Deshalb lebt Weber seine Homosexualität versteckt. «Das ist manchmal ganz schön schwierig.» Dann zum Beispiel, wenn sein Bischof verkündet, Schwule, Geschiedene und Wiederverheiratete dürften in der Kirche keine Kommunion empfangen oder Homosexuelle seien weniger Wert als Heterosexuelle. Bei solchen Aussagen könne er «sternhagelwütend» werden. Dann fühle er sich innerlich zerrissen, weil er sich zwar in den Dienst der Kirche stelle, aber von deren Führern als Mensch nicht akzeptiert und geliebt werde. Das mache ihm zu schaffen.

Verständnis vom Freund

Dass er Männer liebt, begriff Weber erst, als er 40 war. Während eines Kurses zur eigenen Standortbestimmung sei es einfach herausgekommen. «Das war schmerzhaft aber sehr heilsam.» Dadurch habe er gelernt, sich selbst zu akzeptieren. Vor dieser Zeit schenkte er seiner Sexualität wenig Beachtung. Er entschied sich für den Weg als katholischen Seelsorger und kompensierte mit platonischen Freundschaften. Der katholischen Kirche den Rücken zu kehren, kam für ihn aber nie infrage. «Die Religion ist mein Fundament», sagt er nach einer kurzen Pause entschieden. Das sei so seit seiner Kindheit in der Innerschweiz.

Aufgewachsen in einer grossen Bauernfamilie war er in der Religion stets sehr verwurzelt. Deshalb stellt Weber noch heute seine Berufung, als Seelsorger zu arbeiten, vor sein Bedürfnis, die Beziehung mit seinem Freund offen zu leben.

Dieser versteht ihn sehr gut. Sein Freund ist selbst katholischer Seelsorger. Sie führen eine Fernbeziehung, sehen sich mal in Zürich, mal in Deutschland. «Wenn er mich hier besucht, ist er einfach mein Bekannter», sagt Weber. Dabei würde sich der eine oder andere in der Kirchgemeinde natürlich seine Gedanken machen. Manchmal werde er gefragt, wie es seinem Freund gehe. «Die Menschen haben ja Augen im Kopf.» Aber wissen, dass das sein Lebenspartner ist, würden in der Kirchgemeinde nur eine Handvoll Vertraute.

Pius Webers Schicksal teilen viele katholische Kirchenmänner. Um sich austauschen zu können, haben einige den Solidaritätsverein Adamim gegründet. Dieser bietet auch Weber einen Rahmen, über sein verstecktes Leben zu sprechen und damit einen besseren Umgang zu finden. «Seit ich Mitglied bin, fühle ich mich weniger einsam.»

Winzige Hoffnung

In jüngster Zeit keimt in Weber eine kleine Hoffnung, dass er sich von der Kirche irgendwann akzeptiert fühlen kann. Grund dafür ist die Haltung von Papst Franziskus, der sich weniger konservativ zeigt als seine Vorgänger. Und der die Meinung der Gläubigen kennen will - zum Beispiel mittels einer Umfrage. Deren Ergebnisse zeigten jüngst, dass sich die Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz eine offenere Kirche wünschen. Weber kann sich vorstellen, dass es Franziskus schafft, die hiesigen Bischöfe zu mehr Toleranz zu verpflichten.

Diese Hoffnung ist für ihn aber kein Anlass zur überschwänglichen Freude. Sie sei klein. Solange er arbeite, werde er sich kaum je öffentlich outen können – was danach ist, sei offen. Manchmal sagt Weber scherzend zu seinem Freund: «Wenn wir pensioniert sind, können wir ja heiraten.»

*Name der Redaktion bekannt