Zürich
«Das Stickereihandwerk ist der Musik sehr ähnlich»

Beim letzten Spitzenhaus S. De Giacomi-Kaufmann steht die dritte Generation in den Startlöchern und zeigt, dass Stick- und Spitzenware keineswegs altmodisch sein muss.

Lina Giusto
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Spitzenhaus S. de Giacomi-Kaufmann
4 Bilder
Tischdecken und Wandbilder
Die Kunst der Nähmalerei
Filigraner Appenzeller Stick

Spitzenhaus S. de Giacomi-Kaufmann

Sandra Ardizzone

Fabio De Giacomi, 34, tritt in den Laden. Der junge Mann mit den ausdrucksvollen braunen Augen hat ein gepflegtes Auftreten. Er ist Opernsänger und unterrichtet Gesang an der Musikschule Konservatorium Zürich. Das er nun hier an der Torgasse 11 im Zürcher Niederdorf den Spitzenladen S. De Giacomi-Kaufmann in eine neue Zeit führt, ist, wie er sagt «ein Zufall».

Bei einem Streifzug durch die Stadt hat er das leerstehende Geschäft – einst war hier das «Musighüsli» zu Hause – entdeckt. Er sah darin eine gute Gelegenheit den fast 100-jährigen Familienbetrieb zu erhalten. Fabio De Giacomi schrieb ein Konzept und bekam von der Stadt den Zuschlag. Bei allem hatte er Unterstützung von seinem Vater Romeo De Giacomi und seiner Tante Jrma De Giacomi. Fabio De Giacomi hat sich um die Einrichtung und den Flyer für den Laden gekümmert. Hauptsächlich ist er für die Kommunikation des Spitzenhauses zuständig. Vergangenen November öffnete der Laden wieder seine Türen. Er ist laut Romeo De Giacomi der letzte seiner Art in der Schweiz.

Die Geschwister De Giacomi leiten das Spitzengeschäft ihrer Familie aus den 20er Jahren seit mehr als 50 Jahren – in zweiter Generation. Zudem unterstützt neben Fabio einer seiner insgesamt vier Brüder den Laden im Hintergrund. Angefangen hat alles an der Börsenstrasse 14. Wegen einer Renovation wurde der Mietvertrag 2013 aufgehoben. Weil der Mietpreis des umgebauten Lokals für die De Giacomis unerschwinglich war, verschwand der Laden für viele Kunden von der Bildfläche. In der Zwischenzeit führte die Familie diesen aber im 5. Stock des Bürogebäudes, im eigentlichen Textillager des Spitzenhauses, weiter. Doch die Schliessung des Ladens hatte schwere Folgen. Romeo De Giacomi sagt: «Wir haben dadurch viel Laufkundschaft verloren – die etwa 50 Prozent der Kunden ausmacht.» Trotzdem hat das Traditionshaus bis heute überlebt.

Stickerei als Wissenschaft

Mehr noch startet das Geschäft nun mit der nächsten Generation auch gleich in ein neues Zeitalter. «Ich bin mich hier am einarbeiten, aber das braucht noch viel Zeit», sagt der Opernsänger. Die unzählige Stickware die sie hier vertreiben, sei schon eine Wissenschaft für sich. Und diese beherrschen Romeo und Jrma De Giacomi bestens. Der junge De Giacomi ist von den handgefertigten Textilien fasziniert: «Das Stickereihandwerk ist der Musik sehr ähnlich.

Die Gesamtkomposition mit all ihren Schattierungen und Farben ergibt sich durch viele einzelne Noten oder eben durch Hunderte einzelne Stiche», so der junge Mann. Die Musik ist nach wie vor Fabio De Giacomis Hauptberuf. Den Laden seiner Familie unterstützt er in seiner freien Zeit. Zumindest solange Romeo und Jrma De Giacomi noch Energie für die tägliche Arbeit haben. Auf die wohl etwas gewagte Frage nach dem Alter der Geschwister, antwortet Romeo De Giacomi: «Das ist ein gut gehütetes Staatsgeheimnis.» Und das solle auch so bleiben.

Zugleich schon präsentiert Jrma De Giacomi ein filigran gestochenes Tischdeckchen aus St. Galler Spitz. Auf einem Etikett steht: 200 000 Stich. Kostenpunkt des etwa 20 auf 20 Zentimeter grossen Textils: 300 Franken. «Stickerinnen werden nach Stich, nicht nach Zeit bezahlt.» Der Preis sei für die benötigte Arbeit nicht annähernd adäquat, sagt Jrma De Giacomi.

Die Kunst der Nähmalerei

Im rund 40 Quadratmeter grossen Laden steht an diesem Morgen eine Familie – aus zwei Generationen. Was diesen aber gemeinsam ist: die Wertschätzung der Handarbeit, die Faszination für die Stickereikunst. «Man sagt zu diesem Handwerk nicht ohne Grund Nadelmalerei», fügt Romeo De Giacomi an. Wohl deshalb waren die Geschwister von der Idee, wieder ein Ladengeschäft zu eröffnen, begeistert. «Wir waren von Fabios Vorschlag gleich angetan und wollten mit der Bewerbung für die Ladenfläche unser Glück versuchen», erklärt Romeo De Giacomi den Entscheid dennoch etwas bescheiden.

Ein Spitzengeschäft mit Zukunft

Der Laden an der Torgasse hat tiefe Decken. Ein markanter Holzbalken teilt das Geschäft in einen vorderen – den Bedienungsbereich, und einen hinteren Teil – den Ausstellungsbereich. Überall liegt mit Liebe drapierter St. Galler Spitz, Möbelaufleger, Untersetzer, Tisch- und Taschentücher mit filigranem Appenzeller Stick. Und die Auswahl im Spitzenhaus ist ein Bruchteil dessen, was im Lager liegt.

Romeo De Giacomi sagt: «Wir haben in unseren drei Lagern über 10 000 Textilien.» Manches wurde vor über vier Jahrzehnten hergestellt. Das Rad der Zeit macht sie zu letzten Zeugen einer schweizerischen Handwerkstradition. Der Laden ist ein Schatz aus letzten Einzelteilen der 50er-, 60er- und 70er-Jahre. Ganz wenige Stücke haben ein stolzes Alter von 100 Jahren. Heute gibt es nur noch vereinzelte Hersteller, die der Stickkunst mächtig sind. Gewisse Stickwaren würden gar von nur noch einer Familie in der Ostschweiz gewoben, bestickt und vernäht, erklärt Senior De Giacomi.

Obwohl Stickerei und Spitze altmodisch sind, sieht Fabio De Giacomi Potenzial im Spitzengeschäftes. «Was wir hier verkaufen, ist Kunst. Wenn diese Tradition abhanden käme, wäre dies ein grosser Verlust.» Moderne Möbel liessen sich ebenfalls mit Stickereien kombinieren. Und es käme ab und an vor, dass sich junge Kundschaft für die traditionelle Stoffware interessiere. Jrma De Giacomi sagt: «Fabio zeigt uns immer wieder neue Ideen und wir verbinden diese mit unserem grossen Textilwissen, was weitere zukunftsweisende Möglichkeiten mit sich bringt.» Das Geschäft zähle auch auf die Fantasie der Kunden, die zu verstehen wüssten, wie Spitze im modernen Haushalt gekonnt in Szene gesetzt werden könne.