Ein Zug rattert über eine Weiche. «Jetzt schmiedet er wieder», sagt Daniel Engler, als er die rhythmischen Schläge der Räder auf der Weiche hört. Engler ist bei den SBB zuständig für die Instandhaltung des Bahnnetzes in der Region Ost, die vom Raum Zürich bis zum Bodensee und nach Chur reicht. Wir befinden uns auf dem Gleisfeld vor dem Hauptbahnhof Zürich. Laut SBB ist es das meistbefahrene Schienennetz der Welt. Täglich rattern Hundertausende von Menschen in den Zügen über diese Gleise. Und mit jedem Rattern werden die Gleise «geschmiedet». Schon kleine Deformationen können den Zugverkehr stören. Von «Stellwerkstörungen» ist dann jeweils die Rede. Und weil der Bahnverkehr dicht ist, kann aus einer Störung ein Vielfaches an verspäteten Zügen resultieren.

Allein im Raum Zürich gab es letztes Jahr 5600 Störungen. Ein Drittel davon war für die Kunden spürbar und musste sofort behoben werden. Dafür sind im Raum Zürich rund 200 Bahnarbeiter im Einsatz, davon 180 im Aussendienst. Wegen ihrer leuchtfarbenen Kleider nennt man sie die «orange Armee». Bei plötzlichen Defekten wichtiger Anlagen müssen sie innert einer halben Stunde vor Ort Hand anlegen. Künftig soll es noch schneller gehen. «Unser Ziel ist eine Interventionszeit von 15 Minuten», sagt Engler beim gestrigen Medienrundgang über das Gleisfeld.

Kurzfristige Einsätze machen nur einen kleinen Teil der Arbeit der «orangen Armee» aus. Rund 70 Prozent sind langfristig geplante Unterhaltsarbeiten. Sie werden jeweils ein Jahr im Voraus aufgegleist, damit sie den Bahnverkehr möglichst wenig beeinträchtigen. Grossteils finden sie nachts statt. Rund 25 Prozent der Unterhaltsarbeiten bezeichnen die SBB als «mittelfristig». Es handelt sich um Arbeiten, die während des Jahres unvorhergesehen anfallen. Das Wetter kann einer der Gründe dafür sein, wie Karin Maier sagt, die stellvertretende Leiterin der Überwachung SBB-Region Ost. Ein weiterer Grund sei mehr Verkehr mit leistungsfähigeren Personenzügen, der zu erhöhter Abnützung führe.

«Der zunehmende Verkehr und die erhöhte Geschwindigkeit der Züge haben exponentielle Auswirkungen», sagt Engler. Dies erhöhe die Unterhaltskosten. Rund 600 Millionen Franken fliessen pro Jahr in den Unterhalt und 1,2 Milliarden Franken in die Erneuerung des SBB-Schienennetzes. Die SBB beantragen nun beim Bund mehr Geld: Die Mittel sollen in der nächsten Vierjahresperiode ab 2017 um 40 Prozent erhöht werden, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete.

Ob das zusätzliche Geld kommt, und ob, respektive wo dafür Abstriche fällig sind, ist noch offen. «Wir sind dabei, eine neue Leistungsvereinbarung mit dem Bund zu verhandeln», sagt Charles Rinderknecht, Leiter Instandhaltung der SBB-Region Ost. SBB-Mediensprecher Reto Schärli ergänzt: Gemäss der vom Volk gutgeheissenen Finanzierungsvorlage für die Bahninfrastruktur (Fabi) müsse zuerst bestehende Bahninfrastruktur unterhalten werden, ehe das Bahnnetz weiter ausgebaut werden könne. «Ob Bahnnetz-Ausbauten zurückgestellt werden, muss die Politik entscheiden», so Schärli.

Weiter gehts auf der Gleisfeld-Begehung, hin zur Rampe, die aus dem unterirdischen Bahnhof Löwenstrasse ans Tageslicht führt. Bahnarbeiter sind gerade damit beschäftigt, Weichen für den Winter aufzurüsten. Erdgasleitungen sind zu verlegen. Der Grund: Besonders stark befahrene Weichen werden mit Gas beheizt, damit sie nicht einfrieren. Die Gasdüsen haben Durchmesser von weniger als einem Millimeter. Auch die Wartung der Gasleitungen ist aufwändig: «Sie müssen jedes Jahr im Spätsommer montiert und im Frühling wieder demontiert werden», sagt Engler. Denn auch sie würden starke Abnützungen erleiden, bedingt durch Wetter und das Rattern der Züge.

Gefiederte Kurzschlussmonteure

Die Wartungsarbeiten sind nicht ungefährlich. Zu einem grossen Teil werden sie nämlich bei laufendem Bahnbetrieb durchgeführt. Zwei Sicherheitsleute begleiten jeden Arbeitstrupp. Man erkennt sie an den weissen Helmen. Und wenn sie in das Blasinstrument blasen, das sie um den Hals gehängt haben, gilt es rasch vom Gleis zur Seite zu gehen. Dann rattert ein Zug an.

Schwere Unfälle sind jedoch selten. Laut Engler gab es im laufenden Jahr bislang fünf Betriebsunfälle, die Arbeitsausfälle zur Folge hatten. Es habe sich durchs Band um leichtere Unfälle gehandelt. Der letzte tödliche Unfall ereignete sich 2009. Eine kleine Gedenkstätte, bestehend aus einer Kerze und einer weissen Engelsfigur in einem Blumentopf, erinnert an der Rampe zum Bahnhof Löwenstrasse daran.

Kurz bevor wir die Perrons des Hauptbahnhofs erreichen, zeigt Engler mit dem Finger in die Höhe: Von einem Leitungsmast hängen Drahtteile herunter. «Ein Krähennest», sagt Engler. Und fügt an: «Wenn so ein Drahtteil auf die Leitung fällt, dann knallts.» Auch wenn sie ihre Flügel zwischen den Stromleitungen zu sehr ausbreiteten, würden Vögel mit grosser Spannweite immer wieder mal Kurzschlüsse und damit Störungen des Bahnverkehrs verursachen. Im Jargon der «orangen Armee» nenne man sie daher auch «Kurzschlussmonteure».