Linus Lohse steht auf dem Sofa und macht Faxen für die Fotografin. Er schneidet Grimassen, streckt die Zunge durch die Lücke, wo ihm gerade die Schneidezähne fehlen, und legt den Kopf schräg. Dann setzt er sich ganz nah zu seiner Mutter an den Tisch und fragt, ob er eine Banane haben kann. «Linus kuschelt gern», sagt Katja Lohse. «Er ist sensibel und merkt schnell, wie es seinem Gegenüber geht.» Das ist in der Schule ein Vorteil. Linus hat schnell Freunde gefunden.

Der Achtjährige geht in Uster in die 1. Klasse. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Linus hat Trisomie 21, was auch Down-Syndrom genannt wird. Damit er in die Regelschule gehen kann, braucht es Offenheit, Absprachen und Organisation.

Für Katja Lohse und ihren Mann war klar, dass Linus nicht in eine Sonderschule, sondern «so normal wie möglich» zur Schule gehen soll. Da beide Eltern berufstätig sind, sollte es die Tagesschule sein, ein Pilotprojekt, mit dem Uster den Tagesschulbetrieb bis 2021 erprobt. Unter den 66 Schülern sind noch zwei weitere integrierte Sonderschüler, doch Linus ist der einzige mit Trisomie 21. Er wird seit dem ersten Kindergartentag eins zu eins betreut während des Unterrichts, aber auch beim Mittagessen und am Nachmittag.

«Wir wurden mit offenen Armen empfangen», sagt Katja Lohse. Die Kindergärtnerinnen hätten sich auf das «Projekt Linus» eingelassen und die Herausforderung gut gemeistert. Die fachliche Betreuung habe zwar gefehlt, da damals keine Heilpädagogin an der Tagesschule beschäftigt war, sagt Katja Lohse, die selber in einer Institution für Körperbehinderte arbeitet. Aber eine der beiden Kindergärtnerinnen bildete sich entsprechend weiter.

Übergänge sind schwierig

Trotz anfänglicher Unsicherheiten habe man bald einen Weg gefunden zum regelmässigen Austausch mit den Kindergärtnerinnen, sagt die Mutter. Harziger sei der Übertritt in die erste Klasse gewesen. Die Lehrer hätten keine Zeit gehabt, sich mit den Eltern vor dem Schulstart zu treffen: «So gab es fehlende Kenntnisse und Berührungsängste.» Weil Linus zuhause nichts von der Schule erzählt, ist der Austausch mit dem Schulteam für die Eltern sehr wichtig: «Wir haben zwar keine Fachausbildung als Lehrer, aber acht Jahre Erfahrung mit Linus.»

Linus ist langsamer, auf seine Bedürfnisse fokussiert und hat Mühe mit Übergängen. Er hat sein eigenes Lernprogramm und bleibt etwa in der ersten Pause im Schulzimmer. In kurzer Zeit die Jacke anziehen, auf den Pausenplatz gehen, essen, die Jacke wieder ausziehen und ins Zimmer zu kommen, ist zu viel für ihn. Will er etwas nicht, kann er bockig werden. Manchmal kommt er auch zu kurz. Etwa wenn auf dem Ausflug keine Zeit mehr bleibt, damit er seinen Znüni essen kann. «Ich habe Verständnis, aber mir ist es wichtig, dass er isst und gestärkt ist für alles, was kommt», sagt Katja Lohse.

Es habe ein halbes Jahr gedauert, bis sich die Eltern mit dem Schulteam und der neuen Heilpädagogin gefunden haben. Viel muss geklärt werden, etwa wie Linus bei einem Projekttag in den Wald kommt. Zu Fuss ist es für ihn zu weit. Die Lösung war ein Veloanhänger. So darf auch immer mal ein anderes Kind mitfahren.

Seine Mitschüler stellten anfangs Fragen zu Linus und seinem Anderssein. Die Kindergärtnerinnen thematisierten das Down-Syndrom und erklärten den Kindern, dass sie mit Linus nicht wie mit einem Kleinkind sprechen müssen. «Die Kids haben keine Berührungsängste», sagt Katja Lohse. Auch die anderen Eltern seien offen, man kenne sich in der kleinen Schule.

Vor dem ersten Kindergeburtstag, zu dem Linus eingeladen war, rief sie dennoch den Vater an, um Logistisches zu klären. Dieser habe das geschätzt, aber es stellte sich heraus, dass das Geburtstagskind an alles gedacht hatte. Ihm war klar, dass Linus langsam ist. Deshalb spazierte er mit ihm zusammen vom Bahnhof zur Turnhalle.

Lohnt sich der Aufwand?

Es gehe gut mit Linus in der Tagesschule, sagt auch Schulleiterin Ursina Hilty. «Er ist sozial integriert, obwohl er kognitiv weit von den anderen weg ist.» Für die Klassenlehrer sei die Herausforderung aber nicht zu unterschätzen. Auch weil sie wegen des Projektcharakters der Tagesschule noch weitere Vorgaben zu erfüllen hätten, sagt Hilty. Die Schulleiterin sieht aber auch die Grenzen der Integration: «Irgendwann stellt sich die Frage, ob sich der hohe finanzielle Aufwand lohnt, spätestens beim Übertritt in die Oberstufe.»

Katja Lohse würde sich wünschen, dass Linus auch in der Oberstufe noch integriert werden kann. Aber das lässt sie auf sich zukommen. Erst mal freut sie sich über jeden Buchstaben, den Linus schreibt. Linus zeige auch, dass es ihm in der Schule gefällt. «Würde sich das ändern, hinterfragen wir wieder, ob wir den richtigen Weg eingeschlagen haben.»