Zürich

Das Projekt Hofgesang singt gegen verödete Hinterhöfe an

Im Bild der Ad- hoc-Chor aus Urdorf bei einem Auftritt an der Aemtlerstrasse.

75 Chöre singen sich durch über hundert Hinterhöfe.

Im Bild der Ad- hoc-Chor aus Urdorf bei einem Auftritt an der Aemtlerstrasse.

Projekt Zum fünften Mal erheben sich die Stimmen in Zürichs Hinterhöfen. Initiant Andreas Diethelms Ziel ist es, Anwohner mit Gesang aus ihren Häusern zu locken.

Angefangen hat das Projekt Hofgesang mit Fotos: Andreas Diethelm, der täglich mit dem Velo in der Stadt Zürich unterwegs ist, wollte die Hinterseiten der Zürcher Hausfassaden festhalten. Mittlerweile könnten die Bilder ein Buch füllen. Der Umweltberater schätzt die Anzahl Höfe auf etwa 3000 in der Stadt. Bei seinen Streifzügen fiel ihm vor allem eines auf: das vernachlässigte Hofleben. «Vereinzelt habe ich Kinder alleine spielen sehen, sonst war da niemand. Nur Parkplätze. Nie hat jemand gefragt: ‹Was machen Sie da?›» Diethelm ist selber Mitglied in einem Chor, seit er seiner Tochter Gutenachtlieder vorsingen musste. Er kam auf die Idee, die Anwohner mit Liedern aus ihren Häusern in die Höfe zu locken: Dieses Jahr findet der Anlass Hofgesang zum fünften Mal statt. 75 Chöre singen sich von Mai bis Juni durch mehr als hundert Höfe in vier Stadtkreisen.

Hofentwicklung gefordert

Die ersten Konzerte waren im Frühling 2006 zustande gekommen nach ein «paar hundert Telefonanrufen» Diethelms. Rund 60 Chöre machten mit. Es war ein Ausprobieren: «Ich wollte sehen, was passiert. Wie die Medien und Behörden reagieren.» Die Behörden sollen seiner Meinung nach als Vorbild vorangehen in der Hofentwicklung. In den Siebzigerjahren habe es in den grösseren Städten Stellen für die Bewirtschaftung von Höfen gegeben. In Zürich die «Beratungsstelle für Innenhofsanierung». Der Hofgesang soll als Anregung dienen, solche Stellen mit neuen Zielsetzungen wieder zu erwecken. Dabei zielt Diethelm vor allem auf Altbauten in der Innenstadt, da neue Gebäude oft mit schönen Höfen gebaut würden.

Bis jetzt hält sich der Erfolg in Grenzen. Von Stadtseite aus habe sich nie jemand bei ihm gemeldet, sagt Diethelm. Das Projekt sei zwar gelobt worden, aber «nur vor der Kamera». Das könnte an der Niederschwelligkeit des Anlasses liegen. Es findet kein aggressives Marketing für den Hofgesang statt: «Ich will nicht polarisieren, nur den Dialog suchen.»

«Artgerechte Menschenhaltung»

Auch wenn sich die offizielle Seite aus den Höfen heraushält, hat die Idee einzelne Früchte getragen. Es meldeten sich Leute, die die Chorgesänge zum Anlass nahmen, ihre Höfe ein wenig umzugestalten, sagt Diethelm. Das sei das Schönste. Dafür müsse man auch gar nicht viel Geld in die Hand nehmen oder alle Parkplätze verbannen. Ein abgetrennter Bereich für die Anwohner reiche schon. «Artgerechte Menschenhaltung» ist sein Stichwort. Manche Chöre hätten diese Botschaft verinnerlicht und nähmen ihr Publikum jeweils mit auf eine Reise von freundlichen Höfen zu unbelebten. Von 1.-Klässler-Chören über Altherrenchörli bis hin zu renommierten Konzertchören sei jeweils alles dabei.

Ein Erlebnis, das Diethelm besonders geblieben ist, trug sich in einem Hof im Zürcher Niederdorf zu. Ein russischer Chor gab spätnachts ein Konzert. Eine ältere Frau erzählte daraufhin, sie wohne seit 40 Jahren an diesem Ort, und noch nie sei hier gesungen worden. Anwohner kämen oft für den Chorgesang nach langer Zeit einmal wieder in den Hof und träfen dann zum ersten Mal auf die Nachbarn. Das sei eigentlich die Idee des ganzen Projekts.

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