Zürich

Das Mascotte - der Saurier in der Zürcher Clubszene - wird 100 Jahre alt

Seit 100 Jahren wird im «Mascotte» das Tanzbein geschwungen: Twist-Konkurrenz 1962.

Seit 100 Jahren wird im «Mascotte» das Tanzbein geschwungen: Twist-Konkurrenz 1962.

Mit prominenten Gästen feiert das legendäre Dancing am Bellevue sein 100-jähriges Bestehen.

Die Clubszene ist ein schnelllebiges Geschäft. Dass ein Ausgangsort Jahrzehnte überlebt, ist eher die Ausnahme. Mit seiner hundertjährigen Geschichte ist das «Mascotte» gleichsam der Saurier in der Zürcher Clublandschaft.

100 Jahre Party: Das Mascotte feiert Geburtstag

100 Jahre Party: Das Mascotte feiert Geburtstag

Am 13. Januar 1916 lud das «Palais Mascotte» im Corso-Gebäude am Bellevue abends zur Eröffnung. Tänzerinnen und Tänzer, ein Künstler-Orchester und eine American Bar waren als «vornehme Attraktionen» im «elegantesten Lokal der Schweiz» angekündigt, wie es in einem kürzlich wiederentdeckten Inserat der «Neuen Zürcher Nachrichten» jenes Tages hiess.

Auch «feenhafte Beleuchtung» versprachen die damaligen «Mascotte»-Macher.

Genau hundert Jahre später steigt heute Abend im «Mascotte» die Jubiläumsfeier. Auch die heutigen «Mascotte»-Macher versprechen vornehme Attraktionen in feenhafter Beleuchtung: Stadtpräsidentin Corine Mauch und «Mascotte»-Mitinhaber Freddy Burger halten die Eröffnungsreden, das Pepe-Lienhard-Orchester spielt auf – und an der American Bar kredenzt «Kronenhalle»-Barkeeper Peter Roth Drinks, wie sie auch in den 1910er-Jahren beliebt waren.

Alt Bundesrat Moritz Leuenberger hat sich für die Party angekündigt; eingeladen ist zu der nicht-öffentlichen Veranstaltung so ziemlich alles, was in der Schweizer Showbranche Rang und Namen hat, verrät «Mascotte»-Mitinhaber Alfonso Siegrist.

Mascotte Zürich 28.01.2008 Babyshambles - Pretty Sue

Mascotte Zürich 28.01.2008 Babyshambles - Pretty Sue

Louis Armstrong war auch da

«Dass das ‹Mascotte› nach 100 Jahren immer noch da ist, hat wohl mit dem Gebäude zu tun», sagt Siegrist. Schon seit der Anfangszeit diente das 1900 eröffnete Corso-Gebäude, in dessen erstem Stock das «Mascotte» zu Hause ist, als Variété-Theater. Im ersten Stock befand sich damals ein Kaffee.

Was die ersten «Mascotte»-Macher nach dem Eröffnungsabend 1916 noch alles boten, ist gemäss Siegrist weitgehend unbekannt. Jazz gab es noch nicht wirklich. Frauen in langen Kleidern und Herren mit Melone dürften sich Operetten, Chansons und Marschmusik zu Gemüte geführt und dann und wann das Tanzbein geschwungen haben.

In den folgenden Jahrzehnten traten Weltstars wie die Tänzerin Josephine Baker und Jazztrompeten-Legende Louis Armstrong im «Mascotte» auf. Bei der Renovation 1934 schuf Max Ernst ein Wandgemälde, und Max Bill gestaltete den Corso-Schriftzug, der noch heute auf dem Dach des Gebäudes leuchtet. In den 50er- und 60er-Jahren prägten Big Bands und Live-Tanzmusik das Dancing.

1977 übernahmen Udo Jürgens und Freddy Burger das Lokal. Disco kam auf. Und weiterhin gaben sich Stars der Showszene ein Stelldichein im Club am Bellevue, über dem Udo logierte.

In den späten 80er- und 90er-Jahren verlor das Lokal an Glanz. Doch 2004 erfolgte die Wiederauferstehung: Die Crew um Alfonso Siegrist, die sich im Zürcher Nachtleben mit Clubs und Bars wie dem Konzertlokal «Luv», dem «Acapulco» und der «Rimini-Bar» einen Namen gemacht hatte, lancierte das «Mascotte» neu.

Mascotte 17.08 Die Toten Hosen - Hier kommt Alex

Mascotte 17.08 Die Toten Hosen - Hier kommt Alex

Mit der wöchentlichen Mitsing-Show «Karaoke from Hell» machten sie den Club auch Freunden der härteren Rockmusik beliebt. Und es gelang ihnen, erneut grosse Namen anzulocken: Pete Doherty und die Babyshambles traten 2008 im «Mascotte» auf, Arcade Fire waren da, ebenso Nelly Furtado sowie die Fantastischen Vier.

Nicht zu vergessen: Die Toten Hosen nach ihrem letzjährigen Letzi-grund-Gig. «Sie riefen an und fragten, ob sie bei uns spielen könnten», erzählt Siegrist. Auf die gleiche Art sei es zum Auftritt von Peter Maffay im «Mascotte» gekommen.

Das musikalische Spektrum des Clubs ist heute breit gefächert: Es reicht von Hip-Hop über Funk, Punk, Rock, Metal bis hin zu Folk. Auch die elektronische Musik hat mit dem House-Abend jeden Mittwoch ihren Stammplatz im hundertjährigen Club am Bellevue. «Wir sind kein Spartenclub, sondern machen ein Potpourri», umreisst Siegrist das Konzept. Auch die Comedy-Abende, die alle zwei Wochen freitags stattfinden, gehören dazu.

Einzig am Dienstagabend, der zehn Jahre lang für «Karaoke from Hell» reserviert war, ist das «Mascotte» geschlossen. Dann wird es – ausser, wenn Konzerte stattfinden – für Business-Events und Schulungen vermietet. Auch das trage dazu bei, dass der Club in der übersättigten Zürcher Clublandschaft schwarze Zahlen schreibe, sagt Siegrist. Doch er betont: «Wir haben einen Kulturauftrag – von uns selber. Solange es Spass macht, machen wir weiter.»

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