Radsport
Das Limmattal durfte öfters Helden auf zwei Rädern feiern

Weltmeister, Tour-de-Suisse-Sieger – in der Region gab es in der Nachkriegszeit einiges zu feiern.

Sandro Zimmerli
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Noldi Tschopp aus Schlieren kreiert 1962 für die Kunstradfahrerin Lilly Yokoi aus Japan ein Kunstrad, das vergoldet wurde. Tschopp selbst war zehn Mal Schweizermeister und sechs Mal Weltmeister im Kunstradfahren.

Noldi Tschopp aus Schlieren kreiert 1962 für die Kunstradfahrerin Lilly Yokoi aus Japan ein Kunstrad, das vergoldet wurde. Tschopp selbst war zehn Mal Schweizermeister und sechs Mal Weltmeister im Kunstradfahren.

zvg

Wenn sie in die Pedalen traten, kamen die Massen. Obschon das Velo ab den 1950er-Jahren immer stärker von Motorrädern und Autos verdrängt wurde, war der Radsport in jenen Jahren ungemein beliebt. Auslöser für diese Euphorie waren zwei Zürcher: Hugo Koblet und Ferdi Kübler, die beiden bis heute einzigen Schweizer Sieger der Tour de France. Der Triumph der beiden (Kübler 1950 und Koblet 1951) am berühmtesten Radrennen der Welt war mit ein Grund, dass dieses 1955 in Zürich gastierte und Schlieren den Start einer Etappe bescherte.

Die Strassen waren gesäumt von zahlreichen Schaulustigen, als sich die Helden der Landstrasse Richtung Dietikon aufmachten, den Mutschellen passierten, um von dort via Bern ins Ziel nach Thonon zu gelangen. Einzig der Berichterstatter der NZZ wollte sich ob des Spektakels nicht so recht begeistern. Monierte er doch, dass sich die Berufsrennfahrer im Mittelpunkt eines Schausportes befanden, «bei dem die Grenzen zwischen Sport und Zirkus gelegentlich schon überschritten wurden».

Knapp 30 Jahre später, 1984, wurde Urdorf die Ehre zuteil, Startort der Tour de Suisse zu sein, als bislang einzige Gemeinde im Zürcher Limmattal. Aktiv mitgewirkt hat bei jenem Ereignis der 1920 gegründete Velo-Club Urdorf. Er existiert noch heute unter dem Namen Velo und MTB Club Urdorf. Die Schweizer Stars jener Zeit hiessen Urs Zimmermann und Beat Breu.

Auch in Dietikon und Schlieren wurde damit geliebäugelt, sich einmal als Etappenort der Tour de Suisse zu präsentieren. Beide Vorhaben wurden aber nicht umgesetzt. 2009 regte der damalige CVP-Gemeinderat André Arnet in einer kleinen Anfrage an, den Bezirkshauptort als Etappenort in eine künftige Tour-de-Suisse-Austragung zu integrieren. Doch der Stadtrat lehnte ab und begründete dies damit, dass Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis stünden. Mit 200 000 Franken sei zu rechnen, wenn der Radzirkus am Wochenende einfahre.

 Der Schlieremer Noldi Tschopp trainierte mit dem Veloclub Freie Radler Dietikon auf einem Heuboden. Er wurde mehrfacher Weltmeister im Einer-Kunstrad-Fahren.

Der Schlieremer Noldi Tschopp trainierte mit dem Veloclub Freie Radler Dietikon auf einem Heuboden. Er wurde mehrfacher Weltmeister im Einer-Kunstrad-Fahren.

Zur Verfügung gestellt

Weiter mit den Planungen war man da in Schlieren, den Start zur Landesrundfahrt im Jahr 2004 auszurichten. Im Oktober 2001 hatte der Schlieremer Stadtrat angekündigt, den Radsportevent ins Limmattal holen zu wollen. Dafür bewilligte das Parlament auf Antrag des Stadtrats 125 000 Franken. Doch daraus wurde nichts. Ein Jahr nach der Ankündigung trat zunächst der designierte OK-Präsident Heinz Hinteregger zurück, insbesondere deshalb, weil er das Zustandekommen des erhofften Volksfests nicht garantieren konnte, da sich der Radsportverband Zeit liess bei der Festlegung des Wochentags.

Doch nur an einem schulfreien Mittwochnochmittag oder an einem Wochenende, so die Überzeugung Hintereggers, würde die Bevölkerung bei einem solchen Event mitmachen. Knapp drei Monate später gab dann die Stadt den definitiven Verzicht bekannt. Durch den Neubau der Engstringerbrücke und die dadurch notwendigen Umleitungen sei Schlieren als Standort nicht mehr geeignet.

Grund zu feiern hatten die Schlieremer einige Jahrzehnte früher. 1956 wurde Arnold Tschopp junior erstmals Weltmeister im Einer-Kunstrad-Fahren und mit Pauken und Trompeten in der Stadt empfangen. Fünf weitere Titel sollten folgen. Hinzu kamen elf Titel an Schweizer Meisterschaften sowie Erfolge im Radball. Trainiert wurde er von seinem Vater, Arnold Tschopp senior.

Dieser hatte in der damaligen Wagons- und Aufzügefabrik Schlieren die Lehre zum Mechaniker absolviert. Später arbeitete er in Dietikon bei der Firma Alpa. Als diese 1933 nach Sirnach zügelte und die Wirtschaftskrise Arbeitsstellen rar machte, begann Tschopp damit, Velos zu reparieren. Sein Mut sollte sich auszahlen, sein Velo-Geschäft, das heute noch existiert und in dritter Generation geführt wird, wurde eine Institution. Seine Trainings absolvierte Noldi Tschopp junior in der Dietiker Zehntenscheune auf dem Heuboden. Dort war der Veloclub Freie Radler Dietikon zu Hause.

Viel Grund zum Feiern gab es in jenen Jahren auch auf der anderen Seite der Limmat. 1960 gewann der Oberengstringer Alfred Rüegg die Tour des Suisse. Zwei Jahre später verbesserte er den Stundenweltrekord auf gedeckten Bahnen auf 46,819 km.