Integration
«Das lange Asylverfahren macht die Leute kaputt»

Nach der Flucht aus Krisengebieten würden traumatisierte Flüchtlingen zusätzlich an den sich hinziehenden Asylverfahren leiden, sagt Experte Matthis Schick.

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Asylbewerber liegen auf einer Liege im Empfangs- und Verfahrenszentrum Chiasso.

Asylbewerber liegen auf einer Liege im Empfangs- und Verfahrenszentrum Chiasso.

Keystone

Wer kommt zu Ihnen ans Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer?

Matthis Schick: Traumatisierte Flüchtlinge. Zwei Drittel sind Männer. Ihre Herkunft spiegelt die geopolitische Lage mit Verzögerung. Die grösste Gruppe sind zurzeit die türkischen Kurden. Wir haben noch fast keine Syrer. Eine Erhebung hat ergeben, dass es von der Einreise im Durchschnitt acht Jahre dauert, bis die Patienten zu uns gelangen.

Warum dauert das so lange?

Für viele ist eine psychische Krankheit sehr stigmatisierend, wie auch die traumatische Erfahrung, sodass sie niemandem davon erzählen. Manche sind sich nicht bewusst, dass sie an einer behandelbaren Krankheit leiden. Eine grosse Hürde ist die Verständigung. Oft schon beim Hausarzt. Falls dieser trotzdem den Verdacht auf eine psychische Krankheit hat, weist er die Patienten einem psychiatrischen Ambulatorium zu. Meist gibt es aber auch dort kaum Dolmetscher. Viele unserer Patienten wären dort eigentlich gut aufgehoben, aber da niemand Dolmetscher finanzieren will, können sie nur ungenügend behandelt werden und werden an uns weiterverwiesen. Das kostet Zeit und Geld.

«Letztlich geht es darum, das Trauma in die Biografie zu integrieren». Matthis Schick, Leiter des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer.

«Letztlich geht es darum, das Trauma in die Biografie zu integrieren». Matthis Schick, Leiter des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer.

Feubli Fabio

Woran leiden Ihre Patienten?

Zum Hausarzt gehen sie wegen Schmerzen, Schlafstörungen oder depressiver Symptome. Darüber hinaus diagnostizieren wir häufig eine posttraumatische Belastungsstörung und oft noch vieles mehr. Wir haben festgestellt, dass unsere Patienten nicht nur unter Traumafolgen leiden, sondern dass auch die postmigratorische Situation belastend ist. In einem fremden Land eine Existenz aufzubauen, ist sehr herausfordernd. Zudem sind sie krank, können sich nicht konzentrieren und haben Gedächtnisschwierigkeiten. Deshalb müssen wir Therapie anbieten, aber auch Integrationshilfe, wie das Programm Ponte.

Welche Themen beschäftigen die
Patienten?

Viele haben am Anfang noch Hoffnung und Restenergie. Wenn aber das Asylverfahren ewig dauert, macht das die Leute kaputt. Sie dürfen sich nicht integrieren und werden ihre Vergangenheit nicht los. Häufig folgen Verbitterung und Resignation. Sie fühlen sich schlecht behandelt von den Behörden. Das wiederholt die Ohnmachtserfahrung des Traumas. Wenn ihnen dann ein Aufenthaltsstatus zugeteilt wird, müssen sie sich plötzlich integrieren. Das ist alles extrem belastend.

Wie behandeln Sie?

Wir haben Psychologen und Psychiater, die Gesprächs- und Traumatherapien sowie medikamentöse Behandlungen anbieten. Körper- und Bewegungstherapeuten behandeln körperliche Beschwerden. Die Sozialarbeiter kümmern sich um die oft prekäre Wohn- und Lebenssituation.

Gibt es Chancen auf Heilung?

Es ist nie so, dass jemand wieder die gleiche Person wird wie vorher. Letztlich geht es darum, das Trauma in die Biografie zu integrieren. Zudem werden die Symptome behandelt. Diese kann man häufig reduzieren.

Sie machen 160 Behandlungen pro Jahr und haben Wartelisten.

Zurzeit beträgt die Wartezeit ein halbes Jahr. Es ist besser, seit wir seit drei Jahren nur noch Patienten aus dem Kanton aufnehmen. Laut Studien fehlen in der Schweiz 200 bis 500 Behandlungsplätze. Das ist optimistisch, da die aktuelle Flüchtlingswelle noch nicht berücksichtigt wurde.

Dem Ambulatorium droht 2017 eine Kürzung der finanziellen Unterstützung. Bedeutet das noch weniger Plätze?

Wir finanzieren uns primär über die Krankenkassen, erhalten aber auch Leistungen vom Roten Kreuz, der Fachstelle für Integrationsfragen und der Gesundheitsdirektion. Kürzungen stehen im Raum. Wir wissen noch nicht, welche Auswirkungen das haben wird. Wir müssen Geldgeber finden oder Einsparungen machen. Ohne Sozialarbeiter und Dolmetscher können wir nicht mehr arbeiten.