Die Ausstellung mit 110 Werken Cindy Shermans (*1954) ist anders als vorangegangene, anders vor allem als die vor zwei Jahren durch Amerika tourende Überblicksausstellung, in der Bedrohliches weitgehend ausgeblendet wurde. Ekel, Schrecken, Krieg, Tod und Vergewaltigung - den alltäglichen Horror eben - rückte Mirjam Varadinis, Kuratorin der Zürcher Ausstellung, bewusst ins Zentrum.

Zudem sind früheste, kaum je gezeigte Arbeiten der preisgekrönten Meisterin der Verwandlung und der inszenierten Fotografie nach Zürich gekommen. Es sind Arbeiten, die noch vor den berühmten «Untitled Film Stills» entstanden, in denen Sherman Effekte des Film Noir subtil abwandelte und damit Ende der 70er-Jahre für Aufsehen sorgte.

Vom Selbstauslöser zur Selbstauflösung

Zu den frühesten Arbeiten gehört die Serie «Bus Riders» (1976), in denen Sherman in die Rolle alltäglicher Fahrgäste, Männer wie Frauen, schlüpfte. Das Kabel des Selbstauslösers ist im Bild, das Making-of gleichsam noch sichtbar.

Der Prozess des konzeptuellen Entwickelns, die Nähe zur Performance, das Rollenspiel und der Identitätswechsel sind im Frühwerk bereits angelegt. Schon hier liegt das Interesse weniger in der Variation denn in der Transformation, was zunehmend zu einer Verflüssigung und Auflösung von Identität führen wird. Und da ist bereits dieses offen gehaltene erzählerische Element, das bis heute wirksam ist.

Die gelungene Schau ist anders: Aufgebrochen ist die gängige Vorgabe einer chronologischen Hängung. Aufgebrochen sind die einzelnen Werkserien, stattdessen gehen die vereinzelten Werke über Themen, Formate, technische Belange und Zeiträume hinweg ständig neue Bildkombinationen ein.

Aufgebrochen ist auch der klar gegliederte Raum. Der rechte Winkel macht einer kaleidoskopartigen Auffächerung Platz. Wie wenn eine zwischen Vieleck und Rund changierende Bildertrommel den Blick immer neu ablenken und in Dimensionen leicht schräg zur Norm führen würde. In sich gespiegelt ist zudem die raffinierte Ausstellungsarchitektur, die kein Ende und keinen Anfang kennt.

Ekelerregend schön

Genauso wenig wie Verortung möglich ist, genauso stark entzieht sich alles einer greifbaren Identifizierung. Sherman nutzt das Medium der Fotografie und ihren eigenen Körper, der zunehmend durch Attrappen, Prothesen, Anatomie-Modelle und Puppen-Torsi ersetzt wird, als Material für grundlegende Identitäts- und Daseinsfragen.

Ohne Titel, untitled, sind ihre Arbeiten, auch wenn von «Clowns», «Sex Pictures», «History Portaits», «Society Ladies» oder Märchen-, Katastrophen- und Ausfaltbildern, wie sie in der Mitte von Magazinen vorkommen, die Rede ist.

Schimmlige Gespinste, technische Apparaturen und Erbrochenes verweben sich mit Körperteilen und fördern in schillernder Farbigkeit eine geradezu aufbegehrende Schönheit im Hässlichen zu Tage. Die unkonventionelle Hängung löst darüber hinaus Assoziationen an Landschaftsdarstellungen aus. Diese Schau des atmosphärischen Horrors untergräbt Mythen und Klischees.

Ein der Groteske abgerungenes Lachen besänftigt die ausweglose Verkettung von Gewürm und überlebengrosser Monstrosität, von horizontalem Treiben und erstarrter Vertikalität, von scherenschnittartig freigestellten Figuren und leblos anmutenden Silhouetten. Es sind die blinden Flecken im Spannungsfeld von Schwarz und Weiss, die unheimlich wirken. (sda)