Zürich
Das Jetboat bietet rasante Fahrten auf dem Zürichsee

Jetboot-Touren sind die neuste Attraktion auf dem Zürichsee. Auf dem Brienzersee, wo das Angebot seit 2014 besteht, wurden die Betreiber anfangs bekämpft. In Zürich regt sich bis jetzt aber noch kaum Widerstand.

Heinz Zürcher, Thomas Schraner
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Adrenalin und nasse Kleidung: Die neuste Attraktion auf dem Zürichsee ist ein Jetboat. Stefan Schlumpf

Adrenalin und nasse Kleidung: Die neuste Attraktion auf dem Zürichsee ist ein Jetboat. Stefan Schlumpf

Stefan Schlumpf

Die einstündige Tour verspricht Spektakel, Adrenalin – und nasse Kleidung. Mit bis zu 60 km/h flitzt das Jetboat über den Zürichsee, legt in hoher Geschwindigkeit eine 360-Grad-Drehung hin – und zum Schluss eine Vollbremsung, bei der die Nase des Boots bis zu zwei Meter taucht und die halbe Kabine flutet. «Wir bieten aber nicht nur Action», sagt Thomas Lang von der Jetboat Zurich GmbH. «Zur Rundfahrt gehört auch Sightseeing. Wir zeigen die Schilflandschaft der Halbinsel Au, die Schokoladenfabrik von Lindt&Sprüngli oder das Haus von Tina Turner.»

Gut gelaunt ins Abenteuer.

Gut gelaunt ins Abenteuer.

Limmattaler Zeitung

Vor einer Woche hat das Unternehmen aus dem toggenburgischen Bütschwil die Bewilligung für den Betrieb auf dem Zürichsee erhalten. Am letzten Wochenende sauste das rote Boot erstmals über den See: am Freitagnachmittag mit einer Firmengruppe und am Sonntag mit einer privaten Sechsergruppe. «Wegen Gewitterwarnungen und starken Winden haben wir danach keine Fahrten mehr durchgeführt», sagt Lang. Seither liegt das Schnellboot, das Spitzentempi von bis zu
80 km/h erreichen könnte, an seinem Platz am Oberen Zürichsee in der Hafenanlage von Nuolen (SZ). Passagiere werden aber vor allem im Zürcher Seebecken aufgeladen. Tagsüber wartet der Zwölfsitzer an einem Mietplatz beim nautischen Zentrum Lago am Utoquai auf Kundschaft.

Bedenken um Sicherheit

Ein vergleichbares Angebot in der Schweiz besteht bislang nur auf dem Brienzersee. Dort hatte die neue Attraktion im letzten Jahr hohe Wellen geworfen. Anwohner befürchteten Lärm, Natur- und Umweltschützer Schäden für die Uferlandschaft. Die übrigen Wassersportler und Seebenutzer sorgten sich um ihre Sicherheit. Der Berner Grossrat Christoph Ammann (SP) bekämpfte das Angebot gemeinsam mit den Grünen. Gegen die bürgerliche Mehrheit unterlag sein Vorstoss aber mit 63 zu 87 Stimmen.

Auf der einen Seite habe sich seine Skepsis mittlerweile noch verstärkt, sagt Ammann heute. «Das Angebot ist alles andere als nachhaltig. Es wird vor allem von Asiaten und Arabern genutzt, die auf ihrem kurzen Zwischenhalt noch ein bisschen Fun wollen.» Relativiert hätten sich dagegen seine Bedenken betreffend Sicherheit und Lärm. «Die Betreiber nehmen Rücksicht auf Kursschiffe, Kajakfahrer oder Fischer – und sie sind weder lauter noch schneller als andere unterwegs.» Zudem seien die Frequenzen von vier bis sechs Fahren pro Tag noch überschaubar.

Wie auf dem Brienzersee gilt auch auf dem Zürichsee innerhalb der Uferschutzzone – einem Gürtel von 300 Metern – eine Tempolimite von 10 km/h. «Daran halten wir uns natürlich», sagt Thomas Lang von Jetboat Zurich. «Tempofahrten, Slides, Spins und Powerbreaks machen wir nur Mitten auf dem See, wenn niemand in der Nähe ist.»

«Nur 68 Dezibel»

Lang ist sich des Konfliktpotenzials bewusst. Obwohl er theoretisch auch nachts Fahrten anbieten dürfte, lege sein Jetboat nur tagsüber und bei guten Wetterbedingungen ab. Mit 68 Dezibel werde auch die maximal erlaubte Lautstärke von 72 Dezibel deutlich unterboten. «Man hört also fast nichts – und die Welle erreicht das Ufer gar nicht.»

Gefahren werden die Jetboats von vier Teilzeitkapitänen. «Sie besitzen eine herkömmliche Lizenz für Boote mit bis zu 12 Plätzen, haben aber bei ihren Kollegen auf dem Brienzersee ein Spezialtraining absolviert», sagt Lang. Er selbst setzt sich weder hinters Steuer noch hat er in der Firma das Sagen. Haupteigentümer der GmbH sind seine Frau Eliane und zwei Geschäftspartner. Über 250 000 Franken haben sie in das Boot des spanischen Herstellers Moggaro investiert. «Zudem verlangte die Zürcher Schifffahrtskontrolle, dass wir einen Partikelfilter einbauen», sagt Lang.

«Überflüssiges Angebot»

Obwohl schon seit einigen Tagen in Betrieb, ist der Jet bisher kaum aufgefallen – weder der städtischen Seepolizei noch potenziellen Kritikern aus dem grünen Parteispektrum. Christoph Hug, Präsident der Grünen Stadt Zürich, studierte gestern die Website des Betreibers. «Es ist ein überflüssiges Angebot», sagte er danach, «aber ich glaube nicht, dass es bezüglich Lärm und Ökologie eine grössere Gefahr darstellt als viele andere Motorboote.» Die zahlreichen Wakeboarder auf dem Zürichsee störten wesentlich stärker.

Andreas Hasler, ehemaliger Kantonsrat der GLP und Geschäftsführer von Pro Natura, Sektion Zürich, wusste bis gestern ebenfalls nichts vom Schnellboot. Er reagierte skeptisch: «Die grösste Qualität des Zürichsees ist seine ruhige, offene Fläche. Diese hat bereits stark gelitten. Der neue Jet mindert sie noch mehr.»