Zürich
Das ist Zürich – gesehen mit den Augen des Ingenieurs

Ein Buch zeigt 51 bemerkenswerte Zürcher Bauwerke – und wieso sie stehen bleiben. Mit dabei auch einige Bauwerke, die man in einem solchen Buch nicht erwarten würde. Weil man von aussen nicht immer sieht, welche Ingenieurkunst dahinter steckt.

Alfred Borter
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Ein Zug der Zürcher S-Bahn faehrt am 14. Juli 2010 über die Läden im Viadukt im Kreis 5 in Zürich.

Ein Zug der Zürcher S-Bahn faehrt am 14. Juli 2010 über die Läden im Viadukt im Kreis 5 in Zürich.

Keystone/Rene Ruis

Erstaunlich, was Ingenieurkunst im Bauwesen möglich gemacht hat. Nur sieht man das oft gar nicht von aussen. Es sind die Fassaden, die zunächst einmal ins Auge stechen, etwa beim Prime Tower, dem man von aussen nicht ansieht, dass er über ein Skelett aus Beton verfügt und nicht aus Stahl. Die innere Struktur ist so geformt und so bemessen, dass der 128-Meter-Turm allen Belastungen standhält.

Spektakulär: das Viadukt

Mit einem ganz besonderen Stadtführer will das Institut für Baustatik und Konstruktion der ETH Zürich der Bevölkerung die Augen öffnen für die beeindruckenden Leistungen von Bauingenieuren. 51 Bauwerke haben im soeben veröffentlichten Buch Eingang gefunden, das gut in die Jackentasche passt. Thomas Vogel, Professor für Baustatik und Konstruktion, ist denn auch stolz auf das Zustandekommen dieses Werks, an dem eine ganze Reihe von Bachelor-Studierenden mitgearbeitet hat.

Drei Jahre lang haben sie Objekt um Objekt analysiert, haben nach Bauplänen geforscht, haben herausgefunden, was besonders spektakulär ist - etwa am Aussersihler Viadukt, das zu einer Ladenkette im wahren Wortsinn ausgebaut worden ist. Oder am Lorenkopfturm, der viel länger hält als garantiert. Am Bahnhof Stadelhofen, der nach Plänen von Santiago Calatrava ausgebaut worden ist. Oder am Centre Le Corbusier, dem letzten Bauwerk des berühmten Architekten. Spektakuläres findet sich auch an der teilweise in Elementbauweise erstellten Europabrücke, die bereits aufwendig saniert werden musste, und am Flagship-Store von Freitag, dessen Schiffscontainer-Turm dank klugen Konstruktionen wirklich jedem Windstoss standhält.

Es sind Gebäude aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert dabei wie die Kirche Bühl in Wiedikon, deren Turmhahn vom Wind öfters umgeknickt wurde, bis man ihn dank einigen Schlitzen windtauglich machte. Aber auch Gebäude bis in die jüngste Vergangenheit. Beim 1964 erstellten Hochhaus zur Palme wird erwähnt, dass eine Gesetzesänderung nötig war, um das 50-Meter-Haus erstellen zu können. Auch Anekdoten und Begebenheiten am Rande sind in den Text hineingewoben, etwa die Bemerkung, dass das Heizkraftwerk Aubrugg im Film «Snow White» als Kulisse für ein Schäferstündchen zwischen den beiden Protagonisten diente.

Auch die Bilder, die oft besondere ingenieurtechnische Spezialitäten hervorheben, stammen von Studierenden und Institutsangehörigen, das Layout vom institutseigenen Grafiker. Der Titel des Werks, «StrucTuricum», geht auf eine Anregung einer Doktorandin zurück, die den römischen Namen für Zürich mit dem Begriff Struktur als Grundlage der Ingenieurwissenschaft verwoben hat.

Idee aus Stuttgart

Wie ist man überhaupt auf die Idee gekommen, ein solches Buchprojekt in Angriff zu nehmen? Ein Doktorand aus Stuttgart habe die Anregung von Zuhause mitgebracht, sagt Vogel, dort sei schon vor über zwanzig Jahren ein ganzes Kompendium von aus Ingenieursicht wichtigen Bauten zusammengestellt worden - ein dicker Wälzer, der sich auf ganz Baden-Württemberg bezieht.

In «StrucTuricum» werden mehrere Stadttouren vorgeschlagen. Zu einigen für Zürich besonders wichtigen Ingenieuren finden sich Biografien, und ein Glossar stellt sicher, dass auch Laien über gewisse technische Begriffe nicht rätseln müssen.
Übrigens soll es nicht bei diesem einen Werk bleiben: Vogel plant bereits einen Folgeband mit wichtigen Beispielen der Ingenieurskunst aus dem übrigen Kantonsgebiet.

«Wir sehen, was wir machen»

Am Departement Bau, Umwelt und Geomatik gibt es gegenwärtig rund 880 Studierende der Bauingenieurwissenschaften, wobei die Doktoranden mitgezählt sind. Studienanfänger zählt man im Jahr rund 200, während etwa 80 bis 90 ihr Studium abschliessen. Bauingenieure seien sehr gesucht, betont Vogel, da habe keiner Mühe, eine Stelle zu finden. Der Anteil an Studentinnen sei mit jetzt 20 Prozent zwar immer noch gering, aber deutlich am Steigen. Und was ist besonders faszinierend an einem solchen Studium? Vogel muss nicht lange überlegen: «Wir sehen, was wir machen.» Während bei einem Softwareingenieur alles im virtuellen Bereich bleibe, werde das Werk eines Bauingenieurs für alle sichtbar umgesetzt. Und die Verantwortung sei gross. «Wir stehen dafür ein, dass ein Bauwerk hält.»

«StrucTuricum - 51 bemerkenswerte Bauwerke in Zürich», herausgegeben von Thomas Vogel u. a. im vdf Hochschulverlag AG, 39 Franken.