Zürich erhält ein neues Stadtbad. Es liegt mitten im pulsierenden «Chräis Chaib», im Untergeschoss des Zürcher Volkshauses am Helvetiaplatz. Schon in seiner Gründungszeit vor gut 100 Jahren diente der Volkshaus-Keller als öffentliches Bad – zu einer Zeit, als die meisten Wohnungen im damaligen Arbeiterquartier noch kein eigenes Badezimmer hatten. Nun will Tobi Rihs, Gründer und Geschäftsleiter der Stadtbad Zürich AG, die Badekultur im Volkshaus-Keller neu aufleben lassen: Auf einer Fläche von 450 Quadratmetern entsteht ein orientalisches Dampfbad (Hammam) mit Sauna und Bistro im Liegeraum. Derzeit laufen die letzten Bauarbeiten. Am 7. Januar wird das Stadtbad eröffnet.

Bäderboom in der Limmatstadt

Es ist nicht das erste Mal, dass Rihs Zürichs Badekultur weiterentwickelt: 1999 übernahm er mit Kollegen das Seebad Enge und gestaltete es neu. Die so entstandene Sauna am See und das dazugehörende Freibad mit Bar und Kulturbetrieb haben sich seither zu einem Treffpunkt entwickelt, der in keinem Touristenführer mehr fehlen darf. Das Seebad Enge zählte zu den Vorreitern des Wandels von Zürichs Freiluft-Badeanstalten zu liebevoll gestalteten Szenetreffs.

Als Bäderstadt erlebt Zürich seither einen beachtlichen Aufschwung: In den Gemäuern der ehemaligen Brauerei Hürlimann entstand ein Thermalbad, im Einkaufs-, Hotel- und Kulturkomplex Sihlcity ein Asia Spa – und im Patumbah-Park im Seefeld-Quartier ist derzeit ebenfalls ein orientalisches Dampfbad im Bau, das nächstes Jahr eröffnet werden soll. Bis Sommer 2012 wird zudem das City-Hallenbad komplett renoviert.

Die Konkurrenz nimmt also zu. Doch Rihs hat klare Vorstellungen, wie das Stadtbad seine Marktlücke finden soll: «Den bestehenden Grossbetrieben fehlt es an Atmosphäre. Wir wollen das Stadtbad als sozialen Ort zelebrieren, wo man mit Freunden hingeht, um zwei bis drei Stunden zu entspannen, sich gegenseitig zu schrubben und einen Tee zu trinken», erklärt der 41-jährige Zürcher. «Der Salongedanke spielt mit.»

Die zentrale Lage, verbunden mit der stilvollen Eleganz des 1910 eröffneten Volkshauses, seien dabei entscheidende Faktoren. Gleichzeitig solle das Stadtbad einen Kontrapunkt setzen zum Trubel im lebhaften Ausgeh-Quartier. «Orte zu schaffen, wohin man sich zurückziehen kann, um zu entspannen, entspricht einem grossen Bedürfnis», ist Rihs überzeugt.

Mit rauer, schnörkelloser Betonarchitektur wollte der gelernte Architekt zusammen mit den Architekten Lukas Felder und Peter Christen eine Formensprache finden, die Zürich entspricht. Die Räume des Stadtbads lässt er von verschiedenen Künstlern mit Wandgemälden, Leuchtbildern, Fotos und Deckenbildern unterschiedlich bespielen.

«Wie ein Baby im Bauch»

Insgesamt drei Millionen Franken steckte er in den Bau des Stadtbads – Geld, das er als Sauna- und Badi-Betreiber nicht allein hätte aufbringen können. Sein «familiärer Background» habe ihm geholfen, erklärt er. Mit dem Stadtbad erfüllt sich der 41-Jährige, der auf Türkei- und Marokko-Reisen Hammams zu schätzen lernte und selber gerne in die Gastgeber-Rolle schlüpft, einen lange gehegten Wunsch: «Ein Gefühl wie ein Baby im Bauch – daran heranzukommen ist das Ziel», sagt Rihs. Zumindest wohlig warm wird es einem auf den geheizten Bänken des Hammam.