Wer historischen Wandel spüren will, ist am Escher-Wyss-Platz richtig: Über hundertjährige Fabrikhallen stehen neben Hochhäusern, die in den letzten Jahren hochgezogen wurden. Ein Güterzug rattert auf einem der wenigen noch benützten Zürcher Industriegleise von der Swissmill vorbei am Prime Tower zum Gleisfeld beim Bahnhof Hardbrücke.

So manche Industriehalle ist umgenutzt worden: Eine alte Giesserei wandelte sich unter dem Label «Puls 5» zur Shopping-Halle mit Fitnesscenter. Und die Schiffbauhalle, in der die Firma Escher Wyss einst Raddampfer baute, mutierte zur Theater-, Musikklub- und Restaurant-Hülle.

Gleich daneben ist einmal mehr ein grosser Neubau fast fertig – wie so oft in den letzten zwei Jahrzehnten, seit Zürichs altes Industriequartier für neue Nutzungen geöffnet wurde und sich rasant veränderte. Doch was stand am Anfang der Entwicklung dieses Ortes?

Eine Fabrik auf der grünen Wiese

Ende des 19. Jahrhunderts war hier noch grüne Wiese. Die Industrialisierung liess die Stadt jedoch wachsen. 1805 hatte Hans Caspar Escher (1775–1859) zusammen mit dem Bankier Salomon Wyss die Firma Escher Wyss gegründet.

Die Familie Escher zählte seit Jahrhunderten zu den einflussreichsten Zürcher Familien, sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Ihr bekanntester Exponent, Alfred Escher, war im 19. Jahrhundert beteiligt an der Gründung des Bundesstaats Schweiz, des Eidgenössischen Polytechnikums (heute ETH), der Schweizerischen Kreditanstalt (heute CS) sowie am Eisenbahnbau.

Hans Caspar Escher hatte von seinem Vater eine Seidenspinnerei übernommen. Der Junior wollte die Produktion industrialisieren. Führend auf diesem Gebiet war damals England. Doch aufgrund der napoleonischen Kriege und der damit verbundenen Kontinentalsperre waren englische Maschinen kaum zu beschaffen. Also baute Escher sie nach. Auf Reisen in England hatte er sich die nötigen Informationen beschafft.

Die alte Spinnerei Escher Wyss befand sich noch an der Neumühle, einem Mühlestandort beim Stampfenbach in der Nähe des heutigen Hauptbahnhofs. Sie nützte die Wasserkraft. Bald baute die Textilfirma auch Wasserräder und andere Maschinen.

So konnte sie nach der 1814 erfolgten Aufhebung der Kontinentalsperre expandieren. 1837 wurde bei Escher Wyss ein erstes Dampfschiff gefertigt. Der Maschinenbau gewann an Bedeutung. Es entstanden Filialen in Deutschland und Österreich. Die Spinnerei wurde schliesslich 1860 aufgegeben. Und der Standort Neumühle wurde für die Maschinenproduktion zu eng.

In den 1890er-Jahren, als die Elektrifizierung voranschritt und Fabriken nicht mehr unmittelbar auf Wasserkraft angewiesen waren, baute Escher Wyss dann eine neue Fabrik am Rande der wachsenden Stadt in der Hard. Damals war hier noch sumpfiges Gelände, von Urbanität keine Spur.

Doch der Neubau der Firma Escher Wyss änderte dies. Unter Führung des neuen Firmenchefs Heinrich Zoelly entstand ein weitläufiges Industriegebiet. Es wurde zum Kern des nach Westen wachsenden Zürcher Industriequartiers. Und aus der Strassenkreuzung von Limmat- und Hardstrasse wurde später der Escher-Wyss-Platz.

Eine Reihe von Übernahmen

Die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre traf auch Escher Wyss. Zeitweise wurde die Stadt Zürich Eigentümerin der Firmen-Liegenschaften, um der Firma das Überleben zu sichern.

Es folgte über die kommenden Jahrzehnte eine Reihe von Übernahmen: 1937 übernahm Jacob Schmidheiny die Firma Escher Wyss, 1969 kam es zum Zusammenschluss mit Sulzer, 2001 verschmolz das Unternehmen mit MAN Turbo.

Vom Industrie- zum Trendquartier

1963, auf dem Höhepunkt der Industrieproduktion am Escher-Wyss-Platz, beschäftigte die Firma Escher Wyss dort rund 2300 Personen. Seither verlor die Industrie an Bedeutung im Zürcher Industriequartier.

In der Folge beschloss die Stadt, Fabrikareale wie jene von Escher Wyss, Maag und Steinfels für andere Nutzungen zu öffnen. Das Industriequartier entwickelte sich in den 1990er-Jahren zum sogenannten Trendquartier Zürich-West.

Doch ganz verschwunden ist die Maschinenindustrie keineswegs vom Escher-Wyss-Areal: Sie wird dort noch heute vom internationalen Unternehmen MAN Diesel & Turbo aufrechterhalten, mit 917 Angestellten, wie es auf der Firmenwebsite heisst.

Und vor dem Firmeneingang am Escher-Wyss-Platz markiert eine sogenannte Jonval-Turbine von Escher Wyss, Baujahr 1885, das Herz des alten Zürcher Industriequartiers. Wobei sie nicht an ihrem Ursprungsort liegt: Sie wurde nämlich noch am ersten Firmenstandort auf dem heutigen Walche-Areal gefertigt.

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