Es läuft bereits die 9987. Spielminute. Vor dem Zürcher Rathaus haben sich die gegnerischen Teams noch einmal aufgestellt: Rechts die Fussballer in ihren adretten Tenues, links die Freaks, die auf der Hardturm-Stadionbrache ihr Gemüse ins Kraut schiessen lassen.

Dazwischen laufen die Stadt- und Gemeinderäte ins Rathaus und debattieren am Mittwochabend bis gegen Mitternacht. Am Ende ist klar: Es wird erneut zu einer Volksabstimmung über ein Projekt für ein neues Hardturmstadion kommen, voraussichtlich im November. Penaltyschiessen, einmal mehr.

Die Stadionbrache ist ein wunderbarer Ort in der Betonwüste Zürich-West. Nirgends sonst in der Stadt konnten sich Ideen zur Raumgestaltung so basisdemokratisch entwickeln. Entstanden ist in den zehn Jahren seit dem Abbruch des alten Hardturmstadions ein Idyll aus Gemeinschaftsgärten mit Kletterwand, Pizzaofen, Mini-Skater-Anlage und sogar einem kleinen Fussballplatz. Auch Grossveranstaltungen wie das Street-Food-Festival haben hier ein Zuhause gefunden.

Das Hardturm-Projekt spaltet die Stadt in Stadiongegner und Fussballfans

Das Hardturm-Projekt spaltet die Stadt in Stadiongegner und Fussballfans

Stadiongegener und Fussballfans demonstrieren vor dem Zürcher Rathaus

Doch es ist ein trügerisches Idyll. Schliesslich hat die Credit Suisse (CS) der Stadt Zürich das Areal im Jahr 2010 nur mit der Auflage zurückverkauft, dass dort innert zehn Jahren ein Stadion entsteht. Sollte dies nicht zumindest ansatzweise gelingen, hat die CS ein Rückkaufrecht. Und was gedeiht, wenn sie davon Gebrauch macht, kann man sich leicht vorstellen: reine Renditeobjekte. Die Brache wäre weg, es gäbe kein Stadion, dafür eine dichte, rein kommerzielle Bebauung mit keineswegs billigen Wohnungen.

Aber soweit sind wir noch nicht. Es läuft ja erst die 9988. Spielminute in der schier unendlichen Geschichte der Zürcher Stadionplanung. Zur Erinnerung: 2003 stimmte das Stadtzürcher Stimmvolk dem Projekt Pentagon klar zu. Das Stadion sollte durch ein angegliedertes Einkaufszentrum querfinanziert werden. Doch die Stadionkritiker grätschten mit Einsprachen dazwischen, wegen zu vieler drohender Autofahrten, wegen Schattenwurfs – bis die Investoren der CS schliesslich entnervt aufgaben.

Es begab sich zu jener Zeit, dass die Fussballeuropameisterschaft 2008 in der Schweiz stattfinden sollte. Um sich die Schmach zu ersparen, dass die Spiele mangels EM-tauglichem Stadion an Zürich vorbeiziehen würden, baute die Stadt eilig ein neues Letzigrundstadion. Das Volk stimmte zu. Die Fussballfans wurden aber nie richtig warm mit dem neuen Letzigrund, da eine Leichtathletik-Rennbahn sie vom Spielfeldrand trennt.

Es folgte ein zweiter Anlauf für ein reines Fussballstadion auf dem Hardturm-Areal. Diesmal sollte es nur durch die Stadt finanziert sein und sich, niedrig gebaut, artig ins Quartier einfügen, ergänzt durch eine gemeinnützige Wohnbausiedlung neben dem Stadion. Doch eine hauchdünne Mehrheit der Stadtzürcher Stimmberechtigten lehnte es 2013 ab. Zürichs Stadionpläne schienen am Ende.

Aber die Stadionbefürworter im Stadtrat rafften sich noch einmal auf wie Mario Mandzukic in der Verlängerung. So entstand das nun vorliegende Projekt: wieder ein reines Fussballstadion, diesmal querfinanziert durch zwei 137 Meter hohe Hochhäuser westlich des Stadions. Nun grätscht die SP dazwischen und fordert den Verzicht auf die kommerziell genützten Hochhäuser.

Begründung: Das Prozessrisiko wäre zu hoch. Ohne die Türme käme Zürich schneller und sicherer zu einem Fussballstadion. Statt privater Investoren solle die Stadt das Stadion finanzieren. Im Zürcher Gemeinderat kriegen die machtgewohnten Sozialdemokraten dafür aber keine Mehrheit zusammen. Sie wollen das Penaltyschiessen, sprich eine weitere Volksabstimmung, erklären sie in der letzten Minute der Nachspielzeit.

Nun sammeln sich die Spieler zum Penaltyschiessen. Auf der einen Seite die Fussballfans. Manche sind verunsichert: Werden wir es diesmal schaffen? Einigen FCZ-Fans fällt der Gedanke schwer, ihren FCZ bei Heimspielen dereinst im GC-Land auf dem Hardturmareal anzufeuern. Dabei seien doch die Klubs in ihrer Existenz bedroht, wenn sie nicht endlich ein richtiges Fussballstadion bekämen, warnen die Club-Präsidenten – und verweisen auf die Jugendarbeit und was sie sonst noch alles für den Breitensport tun.

Auf der anderen Seite die Kritiker des Stadionprojekts. Es geht ihnen nicht nur um die idyllische Brache. Sondern auch um städtebauliche Überlegungen: Sollen zwei alles überragende, rein kommerzielle Hochhäuser quasi zum neuen Stadttor im Westen werden? Ist dies die Verdichtung, die wir wollen? Braucht Zürich wirklich noch ein Stadion, wo es doch schon den Letzigrund hat? Die Verunsicherung ist spürbar. Alle wissen: Wenn auch dieses Stadionprojekt scheitert, dauert es wohl mindestens nochmals zehn Jahre, bis Zürich ein reines