Im Zürcher Justizvollzug hat es neben dem aktuellen Suizid im Fall Flaach in diesem Jahr noch vier weitere Selbsttötungen gegeben. Inwieweit begünstigen insbesondere die Haftbedingungen in den Zürcher Untersuchungsgefängnissen einen Suizid?

Thomas Maier: Die Haftbedingungen in den Untersuchungsgefängnissen sind hierzulande generell sehr streng. Die Bedingungen in den Gefängnissen tragen deshalb sicher dazu bei, den psychischen Stress des einzelnen Gefangenen – bis hin zur Suizidalität – zu erhöhen.

Sind die Bedingungen in den Zürcher Untersuchungsgefängnissen restriktiver als anderswo?

Die Haftregimes sind in den Schweizer Untersuchungsgefängnissen von Kanton zu Kanton sehr unterschiedlich. Als Mitglied der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter habe ich den Eindruck gewonnen, dass Zürich eher zu den strengeren Kantonen gehört.

Thomas Maier ist Psychiater, Lehrbeauftragter an der Universität Zürich und Mitglied der Nationalen Anti-Folter-Kommission

Thomas Maier ist Psychiater, Lehrbeauftragter an der Universität Zürich und Mitglied der Nationalen Anti-Folter-Kommission

Und das heisst konkret?

Insbesondere die Kontakte zur Aussenwelt werden in den Zürcher Untersuchungsgefängnissen sehr stark eingeschränkt. So gibt es beispielsweise ein Telefonverbot. Zudem besteht keine Möglichkeit, sich ausserhalb der Zelle zu beschäftigen und abzulenken. Auch der Kontakt zu anderen Insassen wird einem verwehrt. Abgesehen davon sind die meisten Gefangenen 23 Stunden lang allein in einer Zelle untergebracht. Diese überlangen Einschlusszeiten von über zwanzig Stunden am Tag findet man aber auch in anderen Kantonen.

Wie lautet Ihr Urteil zu Zürich?

Einerseits erachte ich die langen Einschlusszeiten als unverhältnismässig und unnötig. Denn das Gesetz schreibt diese überhaupt nicht vor. Aber auch die anderen äusserst restriktiven Haftbedingungen empfinden wir als nicht gerechtfertigt. Zumal ja gerade aufgrund der starren Regelungen Folgeprobleme entstehen können, wie aktuelle Beispiele belegen. Eine maximale Beschneidung der Freiheitsrechte ist in den meisten Fällen unverhältnismässig.

Ist vor diesem Hintergrund eine Mutter, wie im Fall Flaach, die mutmasslich ihre Kinder tötete und dann versuchte, ihrem Leben ein Ende zu setzen, in einer Isolationshaft eines Zürcher Gefängnisses gut aufgehoben?

Ich kenne zwar die Umstände und Verhältnisse in diesem konkreten Fall nicht. Doch aus der Distanz betrachtet, habe ich schon Mühe damit, wenn eine Person, die noch vor nicht allzu langer Zeit als suizidal eingestuft wurde, in Einzelhaft verlegt wird. Das ist schon fast ein Widerspruch in sich. Denn die psychische Belastung wird, das zeigen viele tragische Beispiele, in der Einzelhaft sicher nicht kleiner. Es fehlen die soziale Kontrolle, der soziale Kontakt und die Ablenkung. Und wenn das alles fehlt, dann erhöht das die Gefahr der Suizidalität.

Vor wenigen Wochen schlug die Anwältin der Mutter aus Flaach Alarm, weil es aus ihrer Sicht offenbar Anzeigen gab, dass sich ihre Mandantin das Leben nehmen könnte. Ein herbeigerufener Notfallpsychiater kam aber zu einem anderen Schluss. Eine offensichtliche Fehleinschätzung.

Im Nachhinein ist man immer gescheiter. Als Psychiater weiss ich selber nur zu gut, wie schwierig die Einschätzung hinsichtlich einer Suizidalität sein kann. Denn manchmal gehört es gerade zum Wesen der Suizidalität, dass man nicht immer entsprechende Anzeichen feststellen kann. Trotzdem möchte ich hier noch einmal mit aller Deutlichkeit feststellen: Eine Untersuchungshaft, wie sie in Zürich durchgeführt wird, ist für jemanden, der aufgrund der äusseren Umstände grundsätzlich als suizidal eingestuft werden müsste, eine absolute Hochrisikosituation.

Dennoch sieht der Leiter des Amtes für Justizvollzug derzeit keinen Handlungsbedarf. Was braucht es, damit sich im Zürcher Strafvollzug etwas ändert?

Es ist sicher wichtig, dass man die Ausgestaltung der Untersuchungshaft immer wieder öffentlich thematisiert. Denn eigentlich müsste es ja allen klar sein, dass es hier um rechtlich gesehen Unschuldige geht. Einige sitzen Monate und Jahre in Haft und werden später freigesprochen.