Zürich
Das Grossmünster bröckelt und wird ab 2022 fünf Jahre lang saniert

Einer von Zürichs wichtigsten Touristenmagneten wird generalüberholt. Für den Grossmünsterpfarrer hat das auch eine ethische Dimension.

Anna Six
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Das Grossmünster wird für mehrere Jahre zur Baustelle. Die Sanierung wird bis zu 35 Millionen Franken kosten. Blick in die Krypta des Grossmünsters.
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Das Grossmünster wird für mehrere Jahre zur Baustelle. Die Sanierung wird bis zu 35 Millionen Franken kosten. Blick in die Krypta des Grossmünsters.
Das Grossmünster wird für mehrere Jahre zur Baustelle. Die Sanierung wird bis zu 35 Millionen Franken kosten. Blick in die Krypta des Grossmünsters.

Das Grossmünster wird für mehrere Jahre zur Baustelle. Die Sanierung wird bis zu 35 Millionen Franken kosten. Blick in die Krypta des Grossmünsters.

Bilder: Keystone

«Wir wolln uns gerne wagen und unsre Steine tragen aufs Baugerüst.» So heisst es in einem Kirchenlied – und Christoph Sigrist, Pfarrer am Zürcher Grossmünster, nimmt diese Zeilen wörtlich. Baugerüste werden an seinem Wirkungsort bald aufgestellt. Ein Problem damit hat Sigrist nicht, sondern nur gute Erfahrungen, wie er sagt: «Schon in meinem allerersten Pfarramt in Stein SG feierte ich während einer Kirchenrenovation Gottesdienst auf der Baustelle.»

Die Baustelle in Zürichs bedeutendster Kirche wird gross – und sie wird lange bestehen: Von 2022 bis 2027 sieht die kantonale Baudirektion eine etappenweise Sanierung am Grossmünster vor. Seit letzter Woche ist die Ausschreibung öffentlich, mit der das Hochbauamt einen Generalplaner sucht.

Neue Löschanlage für Türme

Die Instandsetzung der fast 800-jährigen Kirche wird zwischen 19 und 35 Millionen Franken kosten. Zunächst soll eine Machbarkeitsstudie genauere Erkenntnisse zum Betrag liefern. Geplant ist laut Markus Pfanner, Sprecher der Baudirektion, im dritten Quartal 2021 beim Regierungsrat einen Rahmenkredit zu beantragen.

Etwa 80 Massnahmen sind definiert, mit denen das Grossmünster buchstäblich von Kopf bis Fuss aufgefrischt wird. Angefangen zuoberst: Die Turmschäfte und -helme werden neu gestrichen, der Dachreiter instandgesetzt. Türme und Dachstuhl erhalten eine automatische Löschanlage. Ganz zuunterst soll es mehr Platz geben: Das Untergeschoss wird um Technik- und Lagerräume sowie ein behindertengerechtes WC erweitert. Hierfür sind archäologische Abklärungen nötig.

Die Wandmalereien sind bedroht

Neben den baulichen stehen auch konzeptionelle Arbeiten an, etwa für Elektronik, Besucherlenkung und Brandschutz. Schäden an der Sandsteinfassade werden systematisch erfasst. Ein Sorgenkind im Grossmünster ist offensichtlich das Raumklima: Ein neues Messkonzept muss her, um es kontinuierlich zu überwachen und Schäden zu verhindern. Pfanner erläutert: «Schwankungen des Raumklimas beschleunigen die Zerfallsprozesse der Wandmalereien.»

In der Krypta zum Beispiel komme es wegen der nicht konstanten Luftfeuchtigkeit zu Kristallisationsprozessen der Salze, die im Mauerwerk enthalten sind. «Das kann zu Abplatzungen der Wandoberfläche führen, welche die wertvollen mittelalterlichen Malereien zerstören», sagt Pfanner. Diese Malereien werden im Zuge des Sanierungsprojekts gereinigt und gesichert, und auch die Chorfenster von Augusto Giacometti erfordern eine Spezialreinigung.

Nicht zuletzt wegen der Kunst am Bau zählt das Grossmünster jährlich über eine halbe Million touristische Besucherinnen und Besucher. Nach wie vor ist der Zugang zur Kirche aber nicht behindertengerecht. Auch die neu eingebaute Schriftensammlung auf der Empore sowie die bestehende Toilette sind nicht rollstuhlgängig. Die Forderung, dies zu ändern, ist einer der Treiber für das Sanierungsprojekt. Im März 2020 überwies der Kantonsrat ein entsprechendes Postulat von Davide Loss (SP, Adliswil) und Lorenz Schmid (CVP, Männedorf).

Es freut den Pfarrer, dass «Politik und Kirche im Grossmünster immer zusammen­spielen».

Christoph Sigrist sagt, ihm sei es seit Jahren ein Anliegen, das Grossmünster für Menschen mit Behinderungen zu öffnen. Mehr noch: «Im Einbau einer IV-Toilette verdichtet sich geradezu der ethische Anspruch an die reformierte Kirche.» Dass dies jetzt passiere, freue ihn sehr – und es zeige, «dass Politik und Kirche im Grossmünster immer zusammen­spielen».

Der Pfarrer gehört dem ­Beurteilungsgremium an, das die Planerleistungen vergibt. Dort sieht er sich als Anwalt für die Verbindung von Spiritualität und Bauwerk. Sigrist geht es um die vielfältige Nutzung – und er redet beherzt an gegen die heute viel zitierten leeren Kirchen: «Viele verwechseln den Gottesdienst am Sonntagmorgen, der weniger Menschen anzieht, mit dem regen Kirchenbesuch an allen anderen Tagen.» Zwar sei der Strom von Touristen – vor Corona waren es bis zu 3500 an Samstagen – verebbt. Dafür wünschten momentan viele das persönliche Gespräch mit dem Pfarrer oder der Sozialdiakonin, sagt Sigrist. «Aus der Not heraus, etwa wenn sie es im Homeoffice nicht mehr aushalten.»

«Unverzichtbarer Raum für interreligiöse Gespräche»

Jeden Samstag ist jemand vom Team im Grossmünster präsent. Vergangene Woche traf Sigrist dort eine Familie an, die sich mangels Alternativen wie Zoo oder Museum von ihm durch die Kirche führen liess. «Sie waren sehr dankbar, diesen Ort zu erleben.» Auch mit einem jungen muslimischen Paar aus dem Zürcher Unter- land habe er gesprochen, das zu Besuch in Zürichs wichtigster Kirche war. «Für solche inter­religiösen Gespräche bietet das Grossmünster einen unverzichtbaren Raum.»