Nationalratswahlen

Das Gerangel um die grosse Kammer spitzt sich zu

Ein guter Listenplatz erhöht die Chancen, in den Nationalrat gewählt zu werden.

Ein guter Listenplatz erhöht die Chancen, in den Nationalrat gewählt zu werden.

Wer nach Bern will, muss in seiner Partei auf der Nationalratsliste vorne mit dabei sein. Die Vergabe der Listenplätze und die Nominationen gestalten sich spannend und kontrovers.

Wer darf im Herbst mit nach Bern? Die erste Antwort lautet: Die, die gewählt werden. Die zweite: In den meisten Fällen auch die, die zuvorderst auf den Nationalratslisten der jeweiligen Parteien stehen. Zwar ist ein Spitzenplatz noch keine Freikarte ins Bundeshaus – wie das Scheitern der jungen Anita Borer (SVP) vor vier Jahren zeigte – und dennoch: Wer rein will, will auch zuoberst auf die Gästeliste.

Besonders spannend machen es die Sozialdemokraten: Gestern gab deren Findungskommission die Namen bekannt, welche für die Listenplätze 2 bis 17 infrage kommen – allerdings ohne Platzierung. Gesetzt ist auf der ersten Position nur Daniel Jositsch. Wer nach ihm folgt, entscheiden die Delegierten am Samstag in einer Woche demokratisch. Durch die Rücktritte von Jacqueline Fehr und Andreas Gross werden zwei Plätze frei, ein weiterer wird es, wenn Daniel Jositsch in den Ständerat gewählt wird und gar noch einer könnte dazukommen, falls die SP sich den zusätzlichen Sitz erkämpft, welchen der Kanton Zürich neu in der grossen Kammer zugute hat.

Gerber Rüegg ausgebootet

Kein schlechter Zeitpunkt also, um den Sprung nach Bern zu schaffen. Bereit dafür stehen profilierte Politiker wie die Zürcher Gemeinderätin Min-Li Marti, der Kantonalpräsident Daniel Frei oder auch die junge Winterthurer Kantonsrätin Matteo Meyer. Und von unten macht Juso-Päsident Fabian Molina Druck. Zudem hat die SP mit Berlin-Botschafter Tim Guldimann nun ebenfalls einen prominenten Quereinsteiger in den eigenen Reihen.

Nicht mehr an die Party eingeladen ist hingegen Julia Gerber Rüegg: Vor wenigen Wochen war die Frage noch, ob sie für Neu-Regierungsrätin Jacqueline Fehr in den Nationalrat nachrücken kann – heute ist sie nicht einmal mehr auf der Liste vertreten. Trotz ihrer Verdienste sei es Zeit für neue Kräfte, schreibt die SP in einer Mitteilung. Anderer Meinung ist Gerber Rüeggs Bezirkspartei, die SP Horgen. Sie hat den entsprechenden Antrag bereits eingereicht. Rüeggs Ausbootung sorgt nicht nur bei ihr selbst für schlechte Laune. Die Menge an Kandidaten und der interne Wahlkampf bergen Konfliktpotenzial, sagt Kantonsrätin Mattea Meyer. Wichtig sei aber, dass man fair miteinander umgehe. Fair sei auch das System: «Bei uns bestimmt die Parteibasis, nicht ein Milliardär in Herrliberg.»

Auch die Nominierungsmethoden der anderen Parteien sind affin für kleine oder grössere Misstöne. Dass einigen SVP-lern die Nominierung der «Neulinge» Hans-Ueli Vogt und Roger Köppel sauer aufstiess, ist ein offenes Geheimnis. Nun gab am Dienstag der Zürcher Parteivorstand die Platzierungen bekannt. Überraschend ist dabei, dass Hans-Ueli Vogt als Ständeratskandidat auf Platz 10 relativ schlecht und Roger Köppel auf Platz 17 sehr schlecht platziert sind. «Der Köppel schafft das dort», sagt Nationalrat Hans Fehr dazu. Die Platzierung von Vogt sei zudem überlegt: «Er ist als Ständerat nominiert. Dazu muss er eine starke Kampagne führen.» Fehr selbst hat die Nominierung trotz Sesselkleber-Diskussionen mit einer knappen Zweidrittelmehrheit geschafft. «Sehr glücklich» sei er darüber: «Ich bin politisch noch voll im Saft.» Angeführt wird die Liste von Nationalrätin Natalie Rickli.

Die FDP nominiert heute

Dass es zu Gerangel komme bei den Nominationen ist für Hans Fehr klar: «Das ist halt Politik. Und zudem wollen die, die die Listen machen, selbst ja auch nach Bern.» Auch bei der FDP war im Vorfeld der Nominationen leises Knurren zu hören. Zwar stehen nach dem Wahlsieg bei den Kantonsratswahlen die Chancen gut, an Sitzen zuzulegen. Und falls Ruedi Noser in den Ständerat gewählt wird, wird ein weiterer Sitz frei. Doch störte es unter anderem Thomas Fux, den Präsidenten des Bezirks Andelfingen, dass der Unternehmer Martin Farner nur auf Platz acht steht. Vor dessen Nase wurden mit Regine Sauter, Hans-Ulrich Bigler und Barbara Günthard-Maier zwei Verbandsvorsteher und eine Stadträtin gesetzt.

Trotz Diskussionen kann aber davon ausgegangen werden, dass der Wahlvorschlag an der heutigen Delegiertenversammlung der Zürcher FDP so abgesegnet wird. Ebenfalls heute Abend nominieren die Mitglieder der BDP. Die zwei Bisherigen werden wieder antreten, die Besetzung der weiteren Listenplätze ist noch offen. Auch der Parteivorstand der GLP präsentiert heute seinen Antrag für die Listengestaltung. Die Mitgliederversammlung befindet darüber nächsten Dienstag. Die Partei ist mit vier Sitzen im Nationalrat vertreten, Martin Bäumle tritt auch für den Ständerat an.

Bereits alles klargemacht hat die CVP, die aktuell mit zwei Frauen im Nationalrat präsent ist. Beide treten wieder an, Barbara Schmid-Federer kandidiert zudem als Ständerätin. Das sichert ihr im Wahlkampf zusätzliche Beachtung. Im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit haben die CVP-Delegierten Kathy Riklin auf den ersten Listenplatz gesetzt. Auf den Plätzen drei und vier folgt männliche Konkurrenz: Philipp Kutter, Kantonsrat und Stadtpräsident in Wädenswil, sowie Kantonsrat Josef Wiederkehr aus Dietikon. Auch die Grünen haben ihre Nationalratsliste bereits verabschiedet und überraschen mit der 20-jährigen Elena Marti auf dem ersten Platz – noch vor Bastien Girod, Katharina Prelicz-Huber und Balthasar Glättli.

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