Herr Kircher, die Tiermedizin entwickelt sich immer mehr in Richtung Spitzenmedizin, auch am Tierspital Zürich. Warum?

Patrick Kircher: Ein wichtiger Grund ist allgemein die Entwicklung der Medizin. Die Tiermedizin hinkt der Humanmedizin immer etwas hinterher, was neue Technologien betrifft. Wobei die Tiermedizin auch immer mehr in die Entwicklung neuer Technologien involviert ist. Hightech-Geräte werden immer günstiger und auch nutzbarer für Tiere. Entsprechend steigt das Verlangen danach.

Trotzdem: Dass man medizinische Geräte, die teilweise Millionen kosten, jetzt auch für Tiere verwendet, ist eine neuere Entwicklung. Was hat sich da verändert?

Mitte der 1980er-Jahre kaufte mein damaliger Chef im Tierspital Bern eines der ersten Ultraschallgeräte in der Veterinärmedizin. Es kostete weit über hunderttausend Franken. Man hat ihn fast für verrückt erklärt. Heute gibt es in nahezu jeder Tierarztpraxis ein Ultraschallgerät, weil es erschwinglich wurde und sich auszahlt. 2001 wurde das erste Magnet-Resonanzgerät am Tierspital Bern angeschafft. Damals gab es ebenfalls kritische Töne. Mittlerweile laufen schweizweit über fünf solche Geräte in privaten Institutionen. All diese Technologien haben die Diagnostik enorm weitergebracht, was im Sinne des Tieres ist. Dass die Tiermedizin in neue Technologien einsteigt, ist also nicht neu. Die Frage ist, wie es weitergeht.

Hat sich nicht auch das Verhältnis Mensch-Tier verändert, sodass mehr in Tiere investiert wird, vor allem in Haustiere?

Ja, eindeutig. Es gibt auch immer mehr Haustiere, vor allem Hunde und Katzen. Der Stellenwert von Haustieren in der Gesellschaft steigt. Die Beziehung zum Tier wird auch immer besser. Und nicht zuletzt ist die Kaufkraft hierzulande extrem hoch. Das heisst, man investiert generell mehr in die Tiere, nicht nur in die Tiermedizin.

Wo liegen bei dieser Entwicklung nach Ihrem ärztlichen Selbstverständnis die Grenzen?

Unsere Aufgabe als Tierarzt ist es, dem Wohl des Tieres zu dienen. Das Wohl des Patientenbesitzers, der die Beziehung zum Tier möglichst lange erhalten will, ist ebenfalls sehr wichtig, aber das Wohl des Tieres steht für uns im Vordergrund. Wir sehen uns auch als Anwalt der Tiere.

Haben Sie schon mal Wünsche von Tierhaltern zurückgewiesen?

Ja.

Zum Beispiel?

Etwa, wenn ein Tierhalter findet, dem Tier gehe es nicht mehr gut und er möchte es einschläfern. Das lehnen wir unter Umständen ab und helfen, das Tier umzuplatzieren. Es gibt aber auch Behandlungsmethoden, bei denen wir finden: Jetzt geht es zu weit. Wenn zum Beispiel bei einer chronischen Erkrankung die Behandlung dem Tier mehr Leid zufügt als nützt und wir merken: der Besitzer will das, weil er einfach nicht loslassen kann. Dann werden wir versuchen, den Besitzer in einem ernsten Gespräch zu überzeugen, dass wir zum Wohl des Tieres handeln müssen.

Also bei schweren Krebserkrankungen nicht schier endlose Chemotherapien durchführen?

Man geht immer auf Krebserkrankungen los. Es gibt aber noch ganz andere Beispiele, zum Beispiel chronisches Nierenversagen im Endstadium. Bei akuten Nierenerkrankungen kann man manchmal mit einer Dialyse, also Blutwäsche, sehr viel erreichen. Aber bei den erwähnten chronischen Erkrankungen wird es für das Tier zur Last, mehrmals pro Woche auf dem Behandlungstisch zu liegen. In solchen Fällen finde ich: Das ist nicht mehr im Sinne des Tieres. Anders als die Humanmediziner können wir Tiermediziner dem Leben eines Patienten bewusst ein Ende setzen, wenn wir sehen, dass das Leiden sonst zu gross wird.

Was sind die aufwendigsten Behandlungen, die Sie am Tierspital Zürich durchführen?

Zum Beispiel Strahlentherapien bei Hunden und Katzen. Es gibt aber auch sehr aufwendige operative Eingriffe bei mehrfach traumatisierten Patienten, etwa nach Autounfällen. Auch dabei müssen wir allerdings Licht am Ende des Tunnels sehen, also Heilungschancen; sonst machen wir das nicht.

Kommt es auch vor, dass Sie aus finanziellen Gründen keine Behandlung vornehmen, weil es schlicht zu teuer wäre?

Wenn der Tierbesitzer kein Geld hat, sind uns Grenzen gesetzt. Nach oben ist die Skala aber ziemlich offen, solange es dem Tier dient.

Das Forscherinteresse spielt sicher auch mit ...

Das Forscherinteresse ist natürlich gross. In der klinischen Forschung probieren wir neue Therapieansätze aus. Aber auch dabei steht das Wohl des Tieres im Zentrum.

Lassen wir Extremfälle einmal beiseite. Weswegen kommen die Leute im Alltag am häufigsten mit ihren Tieren ins Spital?

Sehr oft wegen Lahmheiten, Arthrose, Gelenkproblemen, aber auch wegen Verdauungsproblemen, Zahnproblemen – das Spektrum ist weit gefächert.

Was kostet so eine durchschnittliche Behandlung bei einem Hund oder bei einer Katze in etwa?

Schwer zu sagen. Das fängt in einfachen Fällen bei rund 300 Franken an, etwa wenn der Hund Durchfall hat und wir versuchen, dass mit einem Futterwechsel zu korrigieren, inklusive Nachkontrolle. Bei einem Beinbruch sind es vielleicht um die 1500 Franken. Wenn es Komplikationen gibt, wird es schnell teurer. Und dann gibt es Fälle, bei denen wir die Kosten nicht abschätzen können.

Empfehlen Sie, dass man eine Krankenversicherung für sein Haustier abschliesst?

Ja.

Ist das gang und gäbe – oder noch die Ausnahme?

In der Schweiz ist es noch die Ausnahme, nur eine kleine Minderheit macht das. In anderen Ländern ist es gängig. In England etwa sind über 90 Prozent der Haustiere versichert.

Wie gross ist eigentlich der Anteil von Nutztieren, etwa Kühen und Pferden, die ins Tierspital gebracht werden?

Relativ klein, obwohl unsere Nutztierklinik gut läuft und für die Studierenden sehr wichtig ist.

Und was sind die exotischsten Fälle, die ins Tierspital kommen?

Wenn Sie exotische Tiere meinen: Da haben wir praktisch alles, was kräucht und fleucht, weil unser Professor Jean-Michel Hatt auch leitender Tierarzt im Zoo Zürich ist. Das geht vom Gorilla, den wir ultraschallen, bis zum Löwen, den wir im Computertomographen haben. Zu den nicht-alltäglichen Fällen gehört auch, dass wir seit einigen Jahren Herzschrittmacher bei Hunden einsetzen.

Herzschrittmacher für Hunde?

Wir machen einiges, das man nicht unbedingt erwarten würde. Zum Beispiel gibt es immer mehr Physiotherapien für Tiere. Wir haben zudem eine Schmerzsprechstunde, in der auch Schmerz-Akkupunkturen gemacht werden. Das finde ich sensationell. Der Schmerz beim Tier wurde in der Tiermedizin nämlich lange unterschätzt.

Werden am Tierspital Schönheitsoperationen an Tieren durchgeführt?

Nein. Ganz klar, nein.

Gibt es da Grenzbereiche?

Es gibt Hunderassen, die sind stark überzüchtet, etwa mit zu vielen Hautfalten, sodass sie dermatologische Probleme kriegen. Das geht in Richtung Qualzucht. In Bern habe ich es einmal erlebt, dass man das Leiden mittels Hautstraffen zu mindern versucht hat. Aber Eingriffe beim Tier, die einfach unserem Schönheitsideal geschuldet sind, finde ich falsch. Das wird bei uns nicht gemacht.

Und bei der Konkurrenz, nicht nur an den Universitäten, sondern in der Schweizer Tiermedizin insgesamt?

Die Tierärzte, die ich kenne, haben die gleiche Haltung wie wir hier. Ich glaube, diesbezüglich sind wir noch sehr integer. Das hat viel mit der Liebe zum Tier zu tun.

Welche neuen Behandlungsformen für Tiere wird es in Zukunft vermehrt geben?

Derzeit werden verschiedene neue Gelenkimplantate entwickelt. Bei den künstlichen Gelenken machen wir massive Fortschritte. Das künstliche Hüftgelenk ist schon seit Jahren im Einsatz. Dabei hat Zürich grosse Pionierleistungen erbracht. Man spricht deshalb in Fachkreisen von «Zurich cementless», der zementlosen Implantationstechnologie aus Zürich. Auch künstliche Knie- und Ellbogengelenke werden ein Thema sein. Dabei muss ich betonen: Ein Grossteil der Gelenkerkrankungen bei Tieren ist zuchtbedingt. Es ist ein internationales Bestreben, dagegen vorzugehen, und es wurden dabei schon grosse Fortschritte gemacht.

Sie haben selber einen Hund und eine Katze. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Tieren beschreiben?

Als sehr innig, in der Familie integriert – aber nicht Familie. Es sind Tiere. Tiere, die einem viel geben, die ein wichtiges Element in meinem Leben sind, aber nach wie vor Tiere, kein Ersatz für Menschen. Mein Hund ist mein Sportbegleiter beim Joggen.