Die erste Street Parade 1992 verfolgte Jris Carducci noch per Live-Übertragung auf Radio Lora. «Als ich die Musik und die Begeisterung der Zuschauer hörte, wusste ich: Da muss ich mitmachen», sagt sie. So begann eine Liebesgeschichte, die bis heute andauert. Schon im folgenden Jahr half Carducci mit, die Techno-Parade mitzuorganisieren. Ihr Ressort: die Dekoration des Lovemobiles der Street-Parade-Gründer. Wie der Lieferwagen mit Ladefläche am diesjährigen 25. Jubiläum der Tanzdemonstration aussehen soll, musste 50-Jährige nicht lange überlegen.

«Ihr» Lovemobile schmückt sie derzeit mit vielen Freiwilligen mit Hunderten farbigen Seidenblumen. Es soll genau so aussehen, wie jenes bei ihrer ersten Parade 1993. Doch dient der Lieferwagen am 13. August nicht wie damals als fahrende Bühne für die DJs. Er wird als stationäre «Jubilee Stage» den Hechtplatz zehn Stunden lang in einen Tempel der elektronischen Musik verwandeln. Und die Party wird nicht nur wegen der versammelten Zürcher Techno-Urgesteine zu einem «Klassentreffen der damaligen Szene», wie es Carducci nennt.

Zu sehen gibt es dort auch einige «alte Bekannte» von ihren früheren Lovemobiles. So etwa den Hasen aus «Alice im Wunderland», der 1999 auf der Führerkabine des Umzugswagens sass, als dieser durch die Abertausenden tanzwütigen Besucher rollte. Unter den Zeitzeugen auf dem Hechtplatz wird auch jener Protagonist sein, der zum beliebtesten Fotomotiv der Street Parade 1998 wurde: der Glücksdrache Fuchur aus Michael Endes Roman «Die unendliche Geschichte».

Sie hätte nie erwartet, was der mit Kunstfell bezogene Drachenkopf auslösen würde, sagt Carducci: «Alle wollten ihn streicheln und ein Bild aufnehmen.» Sie, die an der Parade jeweils nicht auf dem Lovemobile tanzte, sondern neben dem Wagen herging, bekam die Fuchur-Euphorie damals am eigenen Leib zu spüren: «Einige chinesische Touristen stürmten auf die Führerkabine mit dem Kopf daran zu und schubsten mich regelrecht aus dem Weg, um ihn fotografieren zu können», erinnert sich die Kreateurin. Doch die Freude der Feiernden an den Designs sei ein guter Lohn für ihre Arbeit. Und er ist der einzige, den die gelernte Telegrafistin und diplomierte Event-Managerin an der Parade erhält.

Für die Dekoration der Lovemobiles kam sie bisher grösstenteils selbst auf. Beim diesjährigen Retro-Mobile trägt erstmals der Verein Street Parade die Kosten für Seidenpapier und weiteres Baumaterial, das Carducci nicht von Bekannten oder Firmen in ihrer Nachbarschaft in Urdorf gestellt bekommt. Was bleibt, sind Hunderte Arbeitsstunden, die sie mit Freunden, ihrer Tochter, zwei Schwestern und Kindern aus dem Quartier leistet, um das Mobile gut aussehen zu lassen.

Erfolg schrumpfte aktive Szene

Viele der ursprünglich rund 500 Mitglieder der Zürcher Szene seien heute nicht mehr aktiv, sagt die Hechtplatz-Deko-Chefin. Zum Teil wohl auch, weil in der Zwischenzeit vieles erreicht worden sei, wofür man in den Anfängen gekämpft habe: «Wir wollten Klubs, in denen man bis zum Morgen zu unserer Musik tanzen kann. Das gibt es heute in Zürich zur Genüge», stellt sie fest. Mit der immer vielfältigeren Klublandschaft sei zudem bald auch die Szene in viele Untergruppen zerfallen.

Carducci denkt daher noch heute gerne an die Anfänge zurück. Daran, wie «ihr» Lovemobile 1993 beim Werdmühleplatz, der damals einer der Startplätze der Parade war, als erster Wagen um die Ecke bog und von knapp 3000 Personen frenetisch gefeiert wurde. «Wir hatten höchstens mit einem Zehntel der Besucher gerechnet», sagt sie mit einem Leuchten in den Augen. Dass die Street Parade so wachsen würde, wie sie es in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten tat, hätte damals niemand erwartet.

Doch mit zunehmender Bekanntheit wandelte sich auch das Publikum: Die Forderung nach «Liebe, Friede, Freiheit, Grosszügigkeit, Toleranz & Respekt» – noch heute das Motto der Parade – dürfte für die meisten Fans nicht mehr im Zentrum stehen. Carducci ist sich dessen bewusst: «Man kann die Leute zu einer solchen Haltung nicht zwingen. Wir versuchen, das Credo aber weiter hochzuhalten, indem wir es vorleben.» Auch deshalb sei es dem Verein etwa ein grosses Anliegen, dass es auch Menschen mit Behinderung möglich sei, an der Street Parade teilzunehmen.