Schwamendingen, Zürcher Kreis 12. Viele Wohnungssuchende blättern angewidert weiter, wenn ein dortiges Objekt angepriesen wird. Während der Kreis 5 und Zürich Nord boomen, ist keine 10 Velominuten von Oerlikon sogar eine leichte Abwanderung feststellbar.

1091 seiner 24 184 Stimmen holte der freisinnige Sitzverteidiger Marco Camin, Zahntechniker vom Zürichberg, hier im ersten Wahlgang vom 3. März. 714 gingen an den Herausforderer, Stadtgeograf Richard Wolff von der Alternativen Liste (AL). 558 Stimmen holte der Grünliberale Daniel Hodel, der sich darauf aus dem Rennen verabschiedete.

Wie haben die Wählerinnen und Wähler im Kreis 12 im Hinblick auf die Stadtratsersatzwahl von morgen Sonntag entschieden? Der Ortstermin zur Befragung der Schwamendinger verkommt zur Katastrophe: «Nein, ich bin zu alt zum Wählen», «Herrje, ich gehe schon lange nicht mehr Abstimmen», «Meine Schwester sagt mir immer, was ich auf den Zettel schreiben soll», «Ich wähle nur jemanden, wenn ich ihn persönlich kenne», so die Statements diverser Passantinnen.

Nur 24 Prozent Wahlbeteiligung

Zumindest wäre damit eine Erklärung für die generell sehr tiefe Stimmbeteiligung in diesem Stadtkreis gefunden, lediglich 23,9 Prozent beteiligten sich an der Wahl.

2514 gültige Stimmzettel wurden im Kreis 12 beim ersten Wahlgang gezählt. Bei der Abstimmung über eine Stiftung für bezahlbares Wohnen am gleichen Tag legten immerhin 4542 Schwamendinger ein Ja oder Nein ein. Fast die Hälfte von ihnen zog es also vor, sich bei der Stadtratswahl zu enthalten. Nicht einmal leer legten sie ein, sie warfen einfach den Stimmzettel weg.

Als im März 2010 ein neuer Gesamtstadtrat gewählt wurde, holte selbst der damals drittplatzierte und ausgeschiedene FDP-Kandidat Urs Egger hier mit 1245 mehr Stimmen als vor ein paar Wochen sein Parteikollege Camin. Auch SVP-Dauerkandidat Mauro Tuena heimste vor drei Jahren in Schwamendingen immerhin 1497 Stimmen ein. Damals wählten hier noch 4194 Stimmbürgerinnen und Stimmbürger ihre Stadtregierung.

Die allgemein akzeptierte These lautet: Die SVP-Wähler haben der FDP die Gefolgschaft verwehrt – hier genauso wie in anderen Ecken der Stadt. Gleichzeitig holte die AL im Kreis 12 mit ihrem Kandidaten Wolff Stimmen weit über ihre eigene Parteistärke von letztmals 1,3 Prozent hinaus.

Passanten wählten Camin nicht

Die Suche nach Wählern geht weiter. Und siehe da, es finden sich doch noch ein paar Quartierbewohner, die den Gang an die Urne nicht scheuen. Wobei die Überraschung gross ist. Eine gepflegte Dame mittleren Alters sagt: «Ich habe Wolff gewählt.» Ebenso eine Seniorin: «Ich habe über beide in der Zeitung gelesen, und dieser Camin passt mir nicht.» Das Spiel geht so weiter, einen Camin-Wähler sucht man an diesem Morgen auf dem Hauptplatz in Zürich Schwamendingen vergeblich. Einzig der Zahnarzt im nahen Wohn- und Geschäftshaus hat ein Plakat mit dem Konterfei seines Branchenkollegen vor die Tür gestellt.

Möglich, dass die Camin-Wähler an einem Morgen unter der Woche alle bei der Arbeit sind. Repräsentatitiv war die Umfrage zweifelsfrei nicht, zu einem interessanten Ergebnis führte sie trotzdem.

Schwamendingen ist also mehr als ein Aussenquartier, dessen Bevölkerung sich mal aufmüpfig gegen den Rest der Stadt stellt, mal resigniert die Köpfe abwendet. Es ist ein Biotop anhand dessen sich die Mechanismen dieser Wahl darstellen lassen: Ein FDP-Kandidat, der ohne SVP-Stimmen flach herauskommt gegen einen Linksaussen, dem bis weit in die Mitte die Herzen zufliegen.

Entscheidend für die Frage, welcher der beiden Kandidaten morgen noch lächeln darf, sind zwei Aspekte: Wie verteilen sich die insgesamt 12 000 Hodel-Stimmen? Und springt der eine oder andere SVP-Wähler angesichts der «linken Bedrohung» doch noch über seinen eigenen Schatten und kritzelt Camins Namen auf den Zettel?

Gelaufen ist das Rennen um den freien Stadtratssitz noch nicht. So spannend war ein Wahlkampf um einen Zürcher Stadtratssitz schon lange nicht mehr. Irgendwie schade, dass trotz dieser Ausgangslage das Interesse bei der Bevölkerung gegen null tendiert. Morgen entscheiden also einmal mehr diejenigen die Wahl, die das Couvert in den Abfall geworfen haben: die 60 bis 70 Prozent Nichtwählerinnen und Nichtwähler, von denen offenbar besonders viele in Schwamendingen zu Hause sind.