Zürich
Das Atelier Blasio – die Heimat der Gumpiburgen

Blasio ist längst eine Marke. Nachahmer gibts in Bern, Biel und Holland. Doch die Heimat der Gumpiburgen liegt in Zürich. Das Atelier Blasio dient seit 25 Jahren als Projekt für Arbeitsintegration – und arbeitet zunehmend marktorientiert.

Matthias Scharrer
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Die Lage ist beneidenswert – zumindest geografisch: Das Atelier Blasio liegt direkt am Zürichsee in Zürich Wollishofen. Hier werden seit 25 Jahren aus Lastwagen-Planen die Hüpfburgen hergestellt, die im Raum Zürich wohl fast jedes Kind kennt. Nicht unbedingt beneidenswert ist die Lage der Menschen, die sie herstellen. Es sind Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt ansonsten schlechte Chancen haben und deshalb froh sind, im Arbeitsintegrationsprojekt der Stadt Zürich Beschäftigung, eine Tagesstruktur und einen kleinen Lohn zu erhalten.

Menschen wie der 47-jährige Raphael D. Er arbeitete während 22 Jahren als Küchenchef. Eine Krankheit verunmöglichte es ihm, seinen Beruf weiterhin auszuüben. Er musste zum Sozialamt. Nun arbeitet er seit drei Monaten im Atelier Blasio.

Es ist nicht seine erste Stelle in einem Arbeitsintegrationsprojekt. Dort, wo er vorher war, sei die Leitung inkompetent und die Atmosphäre feindselig gewesen, erzählt er. Anders im Atelier Blasio: «Ich bin positiv überrascht», sagt Alberto D. «Hier gibt es eine Leitung, die wirklich leiten kann. Sie sind darum besorgt, dass alle zufrieden sind. Und wenn jemand faul ist, wird das diskutiert», erklärt er, während er Kunststoffplanen für eine Hüpfburg verschweisst, die künftig im Zürcher City-Hallenbad zum Einsatz kommen soll.

Bei Prüfung durchgefallen

Ein Stockwerk tiefer sorgt Jasmin M. dafür, dass das nötige Material zum Flicken der älteren Hüpfburgen bereit ist. Die 23-Jährige hatte zuvor eine Kunstschule besucht und war bei der Abschlussprüfung durchgefallen. «Ich habe Prüfungsangst», erklärt sie. Deshalb habe sie sich entschieden, die Prüfung nicht zu wiederholen, sondern auf Stellensuche zu gehen. Ein Jahr lang erhielt sie nur Absagen.

Dann änderte sie ihre Strategie. Statt auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt eine normal bezahlte Stelle zu suchen, meldete sie sich beim Arbeitsintegrationsprojekt Blasio. «Hier kann ich wenigstens etwas machen. Ich bin geschickt mit den Händen», sagt sie und lacht.

Sie erhielt einen befristeten Arbeitsvertrag für ein Jahr. Darin ist geregelt, dass sie pro Woche einen Tag zur Schule geht, einen Tag Bewerbungen schreibt und drei Tage im Atelier Blasio arbeitet. So soll sie fit für den ersten Arbeitsmarkt werden.

Der Traum: Taschen in Brasilien

Seit 2005 hat die Stadt Zürich ihre Arbeitsintegrationsprojekte neu organisiert. Sie seien nun marktorientierter, erklärt Olaf Reinecke, der den Arbeitsintegrationsbetrieb Gewerbe und Industrie leitet, zu dem das Atelier Blasio gehört. Das führte mit dazu, dass das Atelier Blasio seit 2012 neben Jugendlichen auch ältere Menschen als Teillohn-Angestellte beschäftigt, die so ihre Sozialhilfe um maximal 400 Franken pro Monat aufstocken können. Dank grösserer Kapazitäten näht Blasio nun auch Freitag-Taschen.

Zwischen 22 und 31 Prozent der Teillohn-Angestellten in den sozialen Einrichtungen und Betrieben der Stadt Zürich (SEB) konnten in den letzten zwei Jahren in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden; bei den Jugendlichen in Arbeitsintegrationsprojekten lag die Vermittlungsquote in den letzten fünf Jahren zwischen 51 und 71 Prozent, wie eine SEB-Sprecherin auf Anfrage mitteilt.

Seine Chance wittert auch Eliahu C. Der 46-jährige Brasilianer kam vor zwei Jahren in die Schweiz, arbeitete zunächst als Rezeptionist in einem Hotel und verlor dann seine Stelle. «Der Arbeitsmarkt ist schlecht für über 40-Jährige», sagt er.

Nun näht er Freitag-Taschen im Atelier Blasio – und will sich später selbstständig machen. Sein Traum: ein eigenes Taschenlabel in Brasilien. «Ich habe schon die Etiketten patentieren lassen», sagt er, und wendet sich wieder der Nähmaschine zu.