Krankheit

«Dann fühle ich mich wieder frei»: Lichtblick im Leben mit Multipler Sklerose

Dank der Apparatur kann Severin Salizzoni für einen Moment stehen. Das sei für den gesamten Körper sehr wichtig, sagt die Therapeutin.

Dank der Apparatur kann Severin Salizzoni für einen Moment stehen. Das sei für den gesamten Körper sehr wichtig, sagt die Therapeutin.

Als er 2001 die Diagnose «MS» erhielt, dachte er nicht, dass es so schwierig werden würde. Heute ist der 62-jährige Zürcher Severin Salizzoni dennoch glücklich. Auch dank eines guten Freunds.

Severin Salizzoni legte sich in Gran Canaria auf einen Liegestuhl und erwachte dreit Tage später im Triemlispital in Zürich. Das war vor einem Jahr. Am Pool habe er gelegen, unter einem Baum. Dann sei es wie aus dem Nichts gekommen: Ein epileptischer Anfall, der nicht abklingen wollte.

Dass ihn die Rega in die Schweiz geflogen hatte, erfuhr er erst von seiner Begleiterin. Als er wieder zu sich kam, erinnerte er sich nur an eines: «Ich war in einem Zustand der Unendlichkeit. Ich hätte überall hingehen können – wollte aber noch nicht.» Seither hat Salizzoni keine Angst mehr vor dem Tod.

Ein bärtiger Mann schiebt Salizzonis Rollstuhl in die Praxis der Physiotherapie Hard in Zürich. Dann verschwindet er wieder. Seit sieben Jahren geht der 62-Jährige in die Therapie zu Clara Danczkay. Vorher hat Salizzoni andere Therapeuten besucht, doch erst mit ihr habe es gepasst. «Wir sind ein Team», bestätigt sie.

Danczkay ist spezialisiert auf Menschen, die an Multipler Sklerose leiden. Sie sagt: «Er muss täglich Übungen machen, sonst werden seine Beine zu Baumstämmen.»

Salizzoni kann seine Beine kaum bewegen. Er liegt ausgestreckt auf der Therapieliege. Danczkay steht auf der Liege, hebt seine durchgestreckten Beine und presst sie mit ihrem gesamten Körpergewicht nach unten, in Richtung seines Körpers. Zentimeter für Zentimeter geben sie langsam nach. Solche Übungen seien nötig, um seine Spastizität zu mildern, die Spannung in den Bändern, Gelenken und Muskeln zu lösen. Heilen aber könne man nicht. Die Therapie ist reine Symptombekämpfung. «Besser, als noch mehr Medikamente zu nehmen», sagt Salizzoni.

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Die Diagnose erhielt er 2001. Er betrachtete ein Bild und sah es plötzlich doppelt. Im linken Bein hatte er auf einmal kein Gefühl mehr. Laufen bereitete ihm Mühe. Das waren zwar keine Dauerzustände, dennoch beunruhigten sie ihn. Die Ärzte waren sich damals noch nicht sicher, ob es tatsächlich MS oder doch eher eine Vaskulitis sei; ebenfalls eine Autoimmunkrankheit.

Eine Biopsie sollte Klarheit schaffen. Erst rasierten sie Salizzonis Kopf, dann bohrten sie ein zentimetergrosses Loch in den Schädel – um Gehirnflüssigkeit zu entnehmen. Das Risiko: eins zu hundert. Salizzoni lag danach im Spital mit Glatze und Loch im Kopf. Zumindest wusste er nun: Es ist MS. Die Narbe ist noch heute gut sichtbar. Nur: Seit diesem Eingriff leidet er an Epilepsie. MS und Epilepsie seien keine Seltenheit, sagen die Ärzte. «Es wurde etwas verletzt», sagt Salizzoni.

Am Ende der Therapiestunde wird Salizzoni von dem bärtigen Mann abgeholt. Der 52-jährige Claude Leuenberger kümmert sich seit über zehn Jahren um seinen Freund. Eine Liebesbeziehung sei es nicht. Eher eine Lebenspartnerschaft. Beide arbeiteten früher für Pro Juventute. Salizzoni leitete damals die Drogentherapiestelle, die nach der Schliessung des Letten eröffnet worden ist. 2002 wurde er IV-Rentner. Sein Zustand verschlechterte sich, zum Gehen brauchte er einen Stock. Doch einmal noch wollte er die weite Welt sehen. Gemeinsam mit Leuenberger ging er für ein halbes Jahr nach Thailand.

Die Wohnung liegt im Kreis 6. Eine Hälfte gehört Salizzoni, die andere Leuenberger. Sämtliche Möbel stehen auf Rollen, damit man sie schnell und einfach verschieben kann. An den Wänden hängen Leuenbergers Bilder und Collagen. Wild und punkig sind sie. Im Herzen ist er Künstler. Sein Leben aber hat er ganz auf die Pflege seines Freundes angepasst. Von einer privaten Spitex und von Salizzoni erhält er eine Entschädigung. Er komme damit auf einen Lohn von 50 Prozent.

Nach der Thailand-Reise verschlechterte sich Salizzonis Zustand. Für hundert Meter brauchte er bereits eine Stunde zu Fuss. Er musste den Stock gegen einen Rollstuhl tauschen. Alleine wohnen wurde somit unmöglich.

2004 bezogen Salizzoni und Leuenberger eine gemeinsame Wohnung. «Bevor wir einziehen konnten, musste ich erst die negative Energie vertreiben», sagt Leuenberger. Die Wohnung wurde frei, weil sich darin eine Frau das Leben genommen hatte. Leuenberger räucherte alle Zimmer aus. Er sagt: Es fühle sich nun gut an in der Wohnung. «Erstmals haben wir ein richtiges Zuhause.» Vorher seien beide viel herumgekommen. Auch Salizzoni ist zufrieden mit der neuen Situation: «Wenn ich Claude nicht hätte, müsste ich ins Heim», sagt er.

Die Krankheit bestimmt sein Leben. Er kann die Beine und seinen Rumpf nur mit grosser Anstrengung langsam bewegen. Für Salizzoni gibt es kaum noch etwas, das nicht mit der Krankheit in Verbindung steht. Am Morgen macht er Übungen, dann besucht er Therapien: Physio, Feldenkrais und einen Evivokurs, bei dem man lernt, mit einer chronischen Krankheit im Alltag zu leben. Und wenn er keinen Termin hat, liest er Bücher über MS oder alternative Medizin.

Nur etwas lässt ihn seine Krankheit für eine Weile vergessen: Meditation. Wenn er seine Augen schliesse und zu meditieren beginne, dann könne er der Krankheit für einen Moment entfliehen. «Dann fühle ich mich wieder frei.»

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