In der Stadtzürcher Kläranlage Werdhölzli, die schon heute das grösste Klärwerk der Schweiz ist, soll ab 2015 der Klärschlamm aus dem gesamten Kanton Zürich verarbeitet werden. Doch damit nicht genug: Mit der geplanten neuen Klärschlamm-Verwertungsanlage (KSV) will der Stadtrat auch einen Beitrag zur Lösung eines der drängendsten Rohstoff-Probleme der Zukunft leisten: Phosphor-Mangel. Am 3. März entscheiden die Stadtzürcher Stimmberechtigten über den 68-Millionen-Franken-Kredit, der für den Bau der KSV Werdhölzli nötig ist.

Vision: Phosphor-Rückgewinnung

Im Zürcher Stadtparlament kam das Projekt ohne Gegenstimme durch. Und auch bei der kantonalen Vernehmlassung zum regierungsrätlichen Standortentscheid äusserten sich nur die beiden Gemeinden Stäfa und Henggart ablehnend. Alle anderen stimmten zu, wenn auch vielfach mit Vorbehalten. So sorgten die teils langen Anfahrtswege für kritische Fragen. Allerdings fällt schon heute ein Drittel des Klärschlamms im Kanton Zürich im Werdhölzli an. Die Verkehrsbelastung sei daher im Vergleich zu den anderen untersuchten Standorten am tiefsten und die Wirtschaftlichkeit am höchsten, entgegnete der Regierungsrat. Zudem könne der Bau einer zentralen Klärschlamm-Verbrennungsanlage die Voraussetzungen für künftige Phosphor-Rückgewinnung erfüllen.

Phosphor ist Hauptbestandteil von Düngemitteln und daher für die Nahrungsmittelproduktion im heutigen Umfang unabdingbar, wie der Zürcher Stadtrat in seiner Weisung zur Abstimmungsvorlage festhält. Der Rohstoff wird bergmännisch im Ausland gewonnen und in die Schweiz importiert. Die weltweiten Phosphor-Reserven dürften nach Angaben des Stadtrats in rund 100 Jahren erschöpft sein. Weltweit suchen Forscher daher nach Alternativen zum Phosphor-Import.

Eine davon heisst im Fachjargon «Urban Mining». Gemeint ist damit die Rückgewinnung von Rohstoffen aus Abfallprodukten. Das Kantonalzürcher Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) nennt Urban Mining in einer aktuellen Publikation zum Thema Phosphor «die nächste industrielle Revolution».

Der Grund: Im Klärschlamm ist viel Phosphor enthalten. Würde der Rohstoff vollumfänglich wiederverwertet, könnte die Schweiz ihre Importe damit kompensieren, rechnet der Zürcher Stadtrat vor. Technisch sei dies möglich. Nur: Entsprechende Verfahren oder Anlagen im grossen Massstab existierten bisher nicht.

Mit der neuen KSV Werdhölzli liessen sich jährlich aber 12800 Tonnen Asche produzieren, aus denen Phosphor zurückgewonnen werden könnte. Die Platzreserve dafür stehe auf dem Areal bereit, «eine entsprechende Anlage kann direkt neben der Klärschlammverwertungsanlage erstellt werden», schreibt der Zürcher Stadtrat. Das Awel nennt in seiner Broschüre als «Idealziel» den Betrieb einer Phosphor-Rückgewinnungsanlage ab der für 2015 geplanten Eröffnung der KSV Werdhölzli.

Handfeste Vorteile

Nebst diesem noch visionären Ziel verspricht sich der Zürcher Stadtrat von der neuen Anlage diverse handfeste Vorteile: So würden die Klärschlamm-Entsorgungskosten von heute im kantonalen Durchschnitt 200 auf 100 Franken pro Tonne gesenkt. Die Kosten für Bau und Betrieb der KSV würden auch mit dem tieferen Preis innert 20 Jahren amortisiert.

Zudem liesse sich durch Synergien mit dem bereits im Bau befindlichen Vergärwerk (siehe Box) das heute ungenutzte Klärgas zu Biogas umwandeln. Mit dem so gewonnenen Biogas könnten jährlich 5000 Wohnungen in der Stadt Zürich geheizt werden. Und: Der CO-Ausstoss sänke um rund 14000 Tonnen pro Jahr.