Zürich

Dank Forschung wieder gehen: ETH lanciert Kompetenzzentrum für Rehabilitation

Mit den Betroffenen zusammen forschen: Ein ETH-Team entwickelt ein Exoskelett weiter am Cybathlon 2016.

Mit den Betroffenen zusammen forschen: Ein ETH-Team entwickelt ein Exoskelett weiter am Cybathlon 2016.

Die ETH lanciert mit acht neuen Professuren und einem Studiengang ein Kompetenzzentrum für Rehabilitation.

Es passierte bei einem Berglauf. Der 20-jährige Heinz Frei stürzte in eine Schlucht und konnte nicht mehr aufstehen – er war querschnittgelähmt. «Der Unfall vor 41 Jahren verunmöglichte es mir, als junger Mann auf eigenen Beinen zu stehen, aber ich habe gelernt, mein Leben selber in die Hand zu nehmen», sagte der erfolgreiche Rollstuhlsportler gestern an der ETH.
Frei hat als Sportler die grossen Entwicklungssprünge bei technischen Hilfsmitteln für Menschen mit einer Behinderung miterlebt. Dennoch hat er offene Wünsche: Er hofft auf Möglichkeiten, die Durchblutung und Knochendichte der Beine zu verbessern, die Blasenprobleme in den Griff zu bekommen und auf mehr Rampen und Lifte im öffentlichen Verkehr. Und natürlich träumt Frei davon, wieder ohne Technik gehen zu können.

Um diese Forschung voranzutreiben, spannen 9 von 16 ETH-Departementen zusammen und lancieren ein neues Kompetenzzentrum für Rehabilitation. Dies soll den Austausch fördern zwischen Forschern, Ärztinnen, Patienten, Behindertenorganisationen, Behörden und Unternehmen. Dabei stelle man den Menschen ins Zen­trum, sagte ETH-Präsident Joël Mesot gestern vor den Medien. Die Forscher wollen Menschen mit körperlichen Einschränkungen von Anfang an einbeziehen, um deren Lebensqualität und Unabhängigkeit zu verbessern.

Robert Riener weiss, wie wichtig das ist. Der Professor für sensomotorische Systeme an der ETH und am Balgrist hat vor Jahren einen Trainingsroboter entwickelt für Menschen, deren Arme nach einem Schlaganfall gelähmt sind. «Die Therapeuten erschraken ab dem Prototypen, den mein Doktorand entworfen hatte», sagte Riener gestern. Sie hielten das Gerät für sicherheitstechnisch bedenklich, unpraktisch und gefährlich, weil es die Arme überstrecken und verletzen konnte. Erst die Weiterentwicklung zusammen mit den medizinischen Experten führte zu einem verkaufbaren Produkt.

Riener hat auch den Cy­bathlon initiiert, den Wettkampf, bei dem Menschen mit Behinderungen Alltagsaufgaben mittels Hightech-Systemen wie Exoskeletten und Prothesen meistern.

Wirtschaftlichkeit und Ethik

Aus dieser Erfahrung regte Robert Riener die neue Reha-­Initiative der ETH an, derzeit sei die Rehabilitation noch zu sehr fragmentiert. Niemand wisse, wie stark sich ein Patient nach der Entlassung aus der Therapie im Alltag bewege. Die Patientendaten würden nicht übertragen, es gebe keinen Wissenstransfer. Zudem stellten sich bei den Methoden und Technologien Fragen zur Finanzierbarkeit, Wirtschaftlichkeit und der Ethik. «Schaffen wir ein Kontinuum, gelingt der Transfer von Forschung zur Industrie und der Gesellschaft besser.» Zugleich werde die Rückspeisung von ­Informationen vom Alltag in die Forschung gefördert.

Bereits heute sei ein Drittel der ETH-Professuren in der medizinischen Forschung tätig, sagte Joël Mesot. Diesen Bereich will die Hochschule ausbauen mit dem neuen Masterstudiengang «Rehabilitation Science and Technology» und bis zu acht neuen Professuren. Für vier braucht es noch Geldgeber.

Rollstuhlsportler Heinz Freis Traum, wieder ohne Technik gehen zu können, hält Riener für realistisch – in 20 bis 30 Jahren. Bei Tierversuchen sei es gelungen, dass das Rückenmark zusammenwachse. Dennoch werde man die Technik davor und danach immer brauchen und somit auch die Zusammenarbeit der Disziplinen: Eine Patientin müsste etwa Medikamente nehmen, damit das Rückenmark wieder zusammenwächst, und gleichzeitig mit Hightech-Geräten wie einem Exoskelett trainieren, um das Rückenmark mit neuen Reizen zu stimulieren.

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