Herr Schiller-Stutz, Sie gelten als der Limmattaler Mobbing-Experte. Wurden Sie selbst schon einmal gemobbt?

Leider ja. Mobbing kann jeden treffen. Als ich zehn Jahre alt war, zog meine Familie von Rheinland-Pfalz nach Bayern. Aufgrund meines Dialekts wurde ich in der Schule wiederholt gehänselt, körperlich angegriffen und teilweise ausgeschlossen. Dass das Mobbing war, habe ich erst später herausgefunden, als ich mich näher mit dem Thema auseinandersetzte.

Woher stammt Ihre Faszination?

Das hat wohl mit meiner persönlichen Lebengeschichte zu tun. Als Kind empfand ich die Situation für unsere Verwandten in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) als sehr belastend und unbegreiflich. Bei Besuchen in der DDR konnte man nicht einfach seine Meinung sagen und war sich nicht sicher, ob und wann etwas abgehört wurde. Meine Mutter war vor dem Mauerbau von Leipzig nach Westdeutschland geflohen. Die Beschreibung der Mobbinghandlungen in den Büchern von Mobbingforscher Heinz Leymann erinnerten mich an das Vorgehen des Staatssicherheitsdiensts.

Das Wort Mobbing fällt heutzutage schnell, wenn sich jemand ungerecht behandelt fühlt. Wann kann man tatsächlich von Mobbing sprechen?

Um Mobbing handelt es sich, wenn sich eine Person oder eine Gruppe von Menschen gegen eine Person zusammenrottet, um diese über längere Zeit wiederholt und mit System zu plagen, hänseln, schikanieren, demütigen und auszugrenzen. Auch wenn der Begriff häufig vorschnell gebraucht wird, empfehle ich, die Situation ernst zu nehmen, die betroffene Person darauf anzusprechen, nachzufragen sowie Unterstützung anzubieten.

 Mit welchen Massnahmen lässt sich Mobbing in einem Betrieb verhindern?

Wichtig ist, das Thema zu enttabuisieren und nicht totzuschweigen. Dazu dienen Veranstaltungen, die aufklären. Sobald man Mobbing selbst erlebt oder beobachtet, sollte man reagieren und das Gespräch mit den Vorgesetzten und Beteiligten suchen. Hauptursache für Mobbing ist eine ungesunde Betriebskultur. Dazu gehören etwa unsichere Arbeitsplätze, Mängel in der Arbeitsorganisation, der Informationspolitik, der Personalfürsorge oder der Betriebsführung. Das Ziel der Arbeitgeber sollte sein, Strukturen zu schaffen, die den Mitarbeitern in ihrer Vielfalt gerecht werden, um so deren Zufriedenheit sicherzustellen.

Was war bisher Ihr aussergewöhnlichster Mobbing-Fall?

Ich hatte einige knifflige Fälle. Einer der aussergewöhnlichsten war wohl jener in einer Buchhaltungsabteilung eines KMU-Betriebs. Der Personalchef des Unternehmens mit rund 500 Angestellten vermutete Mobbing in der Buchhaltungsabteilung mit fünf Mitarbeitern. So war es dann auch. Er erteilte mir den Auftrag, das Mobbing zu stoppen, mit den beteiligten Personen die Konflikte konstruktiv zu bewältigen und mit ihnen ein gutes Teamklima zu entwickeln, damit alle wieder gerne zur Arbeit kommen. Der Ausgang war dann sehr erfreulich. Es gab keine Entlassungen, keine Kündigungen und keine Gerichtsprozesse. Das Besondere war, dass der CEO eine klare Haltung gegen Mobbing eingenommen hat und im betriebsinternen Arbeitsregelement explizit festhielt, dass Mobbing nicht geduldet wird. Das ist toll, weil Mobbing im Arbeitsgesetz nicht definiert ist.

Enden Mobbing-Fälle häufig vor Gericht?

Leider ja. Ich empfehle aber, wenn immer möglich eine Lösung ausserhalb eines juristischen Rahmens zu suchen. Gerichtsverfahren dauern teilweise jahrelang und kosten viel. Zudem geht eine Partei zwangsläufig als Verliererin hervor und das betroffene Unternehmen erleidet einen Imageschaden.

In den vergangenen Jahren ist eine weitere Form von Mobbing aufgekommen, sogenanntes Cyber-Mobbing.

Genau. Durch die globale Vernetzung und permanente Verfügbarkeit von elektronischen Medien tritt Mobbing nun auch im Internet auf. Foto- oder Videoplattformen wie Youtube und soziale Netzwerke wie Facebook werden für diese Angriffe missbraucht. Ich erachte diese Form als noch problematischer als gewöhnliches Mobbing.

Weshalb?

Cybermobbing hat eine andere Dimension. Es kann zu jeder Zeit gemobbt werden. Betroffene haben keine sicheren Orte und Zeiträume mehr. Das Publikum ist zahlreicher und die Wiederholbarkeit des geschriebenen Wortes zudem grösser. Überdies ist die Hemmschwelle, andere zu beschimpfen, viel niedriger, weil man der Person nicht direkt gegenüber steht.

Generell ist eine Abnahme von Mobbing am Arbeitsplatz festzustellen.

Das ist zum Glück so. Gemäss der sechsten europäischen Erhebung über Arbeitsbedingungen aus dem Jahr 2015 sind in der Schweiz rund 4,2 Prozent der Erwerbstätigen von Mobbinghandlungen betroffen, während es gemäss der Mobbingstudie 2002 vom Staatssekretariat für Wirtschaft rund 8 Prozent waren.

Diese positive Entwicklung ist auch Ihr Verdienst.

Dass ich mit meiner Arbeit auch etwas zu dieser Verbesserung beigetragen konnte, macht mich stolz. Als ich vor 23 Jahren meine Praxis in Dietikon gründete, hätte ich nicht damit gerechnet. In Grossbetrieben werden für Geschäftsleitung und Personalfachpersonen vermehrt Weiterbildungen zum Thema Stress und Mobbing durchgeführt. In einigen Unternehmen wurden interne Mobbing-Anlaufstellen geschaffen. Und auch Aufklärungskampagnen über Cyber- und normales Mobbing in Betrieben und Schulen gibt es immer mehr.

Von der vierten Auflage Ihres Buchs «Mobbing und Arbeitsplatzkonflikte» wurden dieses Jahr bereits viele Exemplare verkauft. Was hat die Publikation Neues zu bieten?

Sie beschreibt aktuelle Erkenntnisse aus der Konflikt-, Stress und Mobbing-Forschung und umfasst Informationen über betriebliches Gesundheitsmanagement. Die beste Neuerung, die diese Auflage enthält, ist aber das Online-Portal «Spektra». Darauf finden sich weiterführende Artikel, Medien- und Tagungsbeiträge, Links mit Filmbeiträgen, eine detaillierte Literaturliste, Checklisten und Leitfäden für Betriebe im Umgang mit Mobbing.

Ihre letzte Publikation wird es aber nicht bleiben.

Nein. Mein nächstes Buch möchte ich dem Thema Entschleunigung im Arbeitsalltag widmen. Darin kann ich meine Erfahrungen zum Stressabbau und zur betrieblichen Gesundheitsförderung einfliessen lassen. «Arbeit soll ein Plausch sein», sagte Bundespräsident Alain Berset an der vierten nationalen Konferenz Gesundheit 2020. Das Interesse an Gesundheit am Arbeitsplatz.