100 Jahre Dada
Dada: Es war ein Aufschrei – nein, eine Bombe

Was ist Dada? Darauf gibt es ganz unterschiedliche Antworten, wie eine Umfrage bei Limmattaler Künstlern zeigt.

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Das «Cabaret Voltaire» im Zürcher Niederdorf ist die Wiege des Dadaismus.

Das «Cabaret Voltaire» im Zürcher Niederdorf ist die Wiege des Dadaismus.

Keystone

War es eine Bombe, die da hochging Mitten in der Zürcher Altstadt, wie das Landesmuseum zu seiner jüngsten Ausstellung schreibt?

Ist es der «grosse Beitrag zur Weltkultur aus Zürich», wie der ehemalige Stadtpräsident Elmar Ledergeber einst sagte?

Oder ist es so, wie es der Zürcher Historiker Jakob Tanner in einem Artikel über den 1. Weltkrieg im Unimagazin formulierte: «Wenn es überhaupt eine angemessene Haltung gegenüber dieser Katastrophe gab, dann bestand sie im Dadaismus, der 1916 im Zürcher Cabaret Voltaire seine Geburtsstunde erlebte und der mit der verspielten Sinnlosigkeitserklärung an das brutal Sinnlose eine neue, kalte Positivität in die Wirklichkeit einführte.»

«Christus auf Palmesel» um 1055 – zu sehen im Schweizerischen Nationalmuseum in der Ausstellung «Dada Universal»
26 Bilder
«Fountain» um 1917 von Marcel Duchamp – zu sehen im Schweizerischen Nationalmuseum in der Ausstellung «Dada Universal»
«Marquis de Sade» von Erwin Blumenfeld – zu sehen im Schweizerischen Nationalmuseum in der Ausstellung «Dada Universal»
«l'art est mort. Vive Dada!»: Ein Spruch von Walter Serner – zu sehen im Schweizerischen Nationalmuseum in der Ausstellung «Dada Universal»
Die «Neger»-Kunst wurde 1908 bereits von den Kubisten entdeckt. Aber im Cabaret Voltaire eroberte sie bei den Dada-Tänzen auf der Bühne auch den dreidimensionalen Raum. Eine Anlehnung an Schweizer Fasnachtsbräuche?
Das Werk «Tell der Idiot» – zu sehen im Schweizerischen Nationalmuseum in der Ausstellung «Dada Universal»
Dodo starb vor Dada aus. Ein Vogel, der nicht fliegen konnte. Dieser Inbegriff des Natur-Nonsens wurde in Lewis Carrolls «Alice im Wunderland» von 1865 gefeiert und geisterte dann durch die Gedichte und Texte der Dadaisten in Zürich und Paris.
Man Rays «L'Enigme d'Isidore Ducasse» in der Ausstellung «Dada Universal».
Erwin Blumenfeld, Marquis de Sade, 1921, Collage auf Papier.
Hans Arp, Stille Skulptur /Corneille, 1942 Aargauer Kunsthaus Aarau / Schenkung Marguerite Arp-Hagenbach.
Illustrierte Halbmonatsschrift «Jedermann sein eigener Fussball», Wieland Herzfelde / Der Malik-Verlag, Berlin, Nr. 1/1919. Wieland Herzfelde / Der Malik-Verlag, Berlin, Nr. 1/1919. Fotomontagen auf Umschlag von John Heartfield.
Hannah Höch, Die Dada-Mühle, 1920. Collage über Karton und Konstruktion in Metall und Holz mit Schnüren. Kunsthaus Zürich
Sophie Taeuber-Arp, Kostüm «Hopi-Indianer», um 1922, verschiedene Stoffe. Aargauer Kunsthaus Aarau / Depositum aus Privatbesitz.
Georges Ribemont-Dessaignes, Soleils étranges, 1920, Gouache und Tusche auf Ingres-Papier, 60 x 46 cm
Vorderseite des Dadaglobe-Aufforderungsschreibens von Tristan Tzara, Francis Picabia, Georges Ribemont-Dessaignes und Walter Serner an Alfred Vagts, 1920 Maschinengeschriebener Brief mit handschriftlicher Ergänzung von Tristan Tzara auf «Mouvement-Dada»-Briefbogen, 27 x 21 cm
Raoul Hausmann, P, um 1920-1921, Collage mit bedrucktem Papier und Tinte, 31,2 x 22 cm Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett
Francis Picabia: La Sainte Vierge, 1920, Tinte und Bleistift auf Papier, 33 x 24 cm, Collection du Centre Pompidou, Musée national d‘art moderne/ Centre de création industrielle, Paris
Man Ray La plus belle statue d‘Amérique, 1920 Vintage-Bromidabzug, 11,4 x 8,7 cm Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam
Francis Picabia Tableau Rastadada, 1920 Collage und Tinte auf Papier, 19 x 17,1 cm The Museum of Modern Art, New York
Raoul Hausmann Section de merde... allemande, 1921 Silbergelatineabzug auf Postkartenkarton, 14 x 9 cm Berlinische Galerie, Berlin
Max Ernst Chinesische Nachtigall, 1920 Collage und Tusche auf Papier, 12,5 x 9 cm Musée de Grenoble
Erwin Blumenfeld Bloomfield, President-Dada-Chaplinist, 1921 Collage mit braun-getönten Silbergelatine-Fotoausschnitten (Portrait Blumenfelds) über Silbergelatine-Foto-Aktpostkarte, mit Rasterdruck und Tinte, 13,4 x 8,8 cm Kunsthaus Zürich
Johannes Baargeld Venus beim Spiel der Könige, 1920 Collage mit Halbtondrucken, Stich, Tusche, Bleistift und Deckfarbe auf Halbkarton, 37 x 27,5 cm
Nic Aluf, Porträt von Sophie Täuber mit Dada-Kopf, 1920 Silbergelatineabzug, 20,9 x 16,6 cm Galerie Berinson, Berlin
John Heartfield (zugeschrieben) John Heartfield (zugeschrieben), Doppelportrait Baader/Hausmann, um 1919/20, Rasterdruck einer Fotomontage auf weiss beschichtetem Holzschliffpapier, 25,4 x 15,8 cm, Kunsthaus Zürich
Johannes Baargeld Typische Vertikalklitterung als Darstellung des Dada Baargeld, 1920 Fotomontage mit braungetönten Silbergelatine-Fotoabzügen und Rasterdruck, mit Retuschen auf gelblichem Halbkarton, 37,1 x 31 cm Kunsthaus Zürich

«Christus auf Palmesel» um 1055 – zu sehen im Schweizerischen Nationalmuseum in der Ausstellung «Dada Universal»

Keystone/Ennio Leanza

Dada ist vieles. Und deshalb ist es so schwierig, diese künstlerische und literarische Bewegung zu fassen. Das zeigt sie auch in Gesprächen mit Limmattaler Künstlern. Jeder von ihnen hat eine andere Definition für das, was heute vor 100 Jahren mit der Gründung des Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse 1 im Niederdorf aus der Taufe gehoben wurde.

Für Anna Maria Weber, Künstlerin Witwe des 2011 verstorbenen Dietiker Künstlers Bruno Weber, ist Dada eine Antikunst, die sie wertschätzt, denn «nichts konnte die Verrücktheit oder den Wahnsinn des Krieges, das Geschrei der Kriegstreiber, besser in eine Form fassen als der Dadaismus».

Zwar habe sie keine grosse Beziehung zum Dadaismus, «aber er war ein Aufschrei, der zu jener Zeit für viele Künstler enorm wichtig war.» Dada sei aus der Not der Zeit entstanden.

Eine schwierige Zeit

Weber verweist damit auf die schwierigen Umstände, die das aus Deutschland nach Zürich emigrierte Künstlerpaar Hugo Ball und Emmy Hennings zusammen mit dem rumänischen Künstler Tristan Tzara dazu bewog, in der Zürcher Altstadt Lektüre-, Tanz- und Gesangsveranstaltungen zu organisieren.

Ball und Hennings kamen mit ihren Engagements als Klavierspieler und Tänzerin in anspruchslosen Cabarets mehr schlecht als recht über die Runden. Sie suchten deshalb nach einem Ausweg aus diesem täglichen Kampf ums Überleben.

Bald schlossen sich ihnen weitere, aus halb Europa vom Krieg geflüchtete, Künstler an. Jeder sollte willkommen sein, der etwas leisten wollte. Das Cabaret Voltaire sollte ein Nebeneinander verschiedener Anschauungen und Individuen sein.

Daraus entwickelte sich schliesslich eine Opposition zur etablierten akademischen Kunst, während rund um die Schweiz der grosse Krieg tobte und die alte Welt am Zusammenbrechen war.

Vor allem auf die Schrift und die Sprache sollten die Dadaisten einen grossen Einfluss ausüben, etwa Hugo Ball mit seinen Lautgedichten oder Hans Arp, Walter Serner und Tristan Tzara mit ihren gleichzeitig vorgetragenen Simultangedichten.

Die Sprache ist es denn auch, die der Dietiker Künstler und Musiker René Gubelmann mit Dada verbindet. «Immer wieder stolpere ich über dadaistische Texte. Viele sind lustig, andere Nonsens», sagt er.

Vor allem der Rhythmus der Sprache fasziniere ihn, da er nicht weit weg von demjenigen seines Schlagzeugspiels sei. Auch die Collagen, die von einigen Dadaisten angefertigt wurden, haben es Gubelmann angetan, «weil ich selber gerne Collagen gestalte». Dennoch sei er nicht direkt von Dada beeinflusst worden, «wenn, dann indirekt», sagt er.
Neugier und der Umstand, dass viele Kleinkünstler bis heute von den Dadaisten beeinflusst seien, haben Irene Brioschi schon einige Veranstaltungen im Cabaret Voltaire besuchen lassen. «Viele Kleinkünstler beziehen sich auf Dada.

Und auch die jungen Slam-Poeten dürften wohl vom Dadaismus beeinflusst sein», sagt die Kulturbeauftragte der Stadt Dietikon.

Einen anderen Aspekt greift Tian Lutz, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer und Kurator des Programms «Skulpturen in Schlieren», auf. Die Zusammengehörigkeit, welche die Dadaisten in ihren Anfangstagen auszeichnete, sei einzigartig, sagt er.

«Die heutige Kunstszene ist eher vom Drang nach Individualismus geprägt», so Lutz. Es sei jedoch nicht ausgeschlossen, dass dieses Gruppendenken dereinst wieder verstärkt Einzug in die Kunst halte.

Vergleiche zwischen damals und heute seien allerdings schwierig.«Es war Krieg und eine ganz andere Zeit, als Dada entstand», so Lutz.

Ob und wie er von Dada beeinflusst worden sei, lasse sich auch kaum ausdrücken. Aber sicher ist, dass Dada die Kunst umgekrempelt hat und dadurch mein Schaffen beeinflusst.

«Wir werden von ganz verschiedenen Strömungen beeinflusst, weil sie schon da waren», sagt Lutz. Oder um es mit Dada zu sagen: «Dada war schon da, bevor Dada da war.»

Eine Kunstrichtung wird aus der Not geboren

Dada dürfte der wohl grösste Beitrags Zürich zur Kunst der Moderne sein. Die Geschichte des Dadaismus begann im Niederdorf im Jahr 1916. Begründet wurde er von Künstlern aus halb Europa, die vor dem 1. Weltkrieg geflüchtet waren.

Mit ihrer «Antikunst» sollten sie später die Künstlerszene weltweit beeinflussen. Als Geburtsstunde des Dadaismus gilt der 5. Februar 1916. Damals eröffnete das deutsche Künstlerpaar Hugo Ball und Emmy Hennings zusammen mit dem rumänischen Künstler Tristan Tzara an der Spiegelgasse 1 die «Künstlerkneipe Voltaire», die schon bald in «Cabaret Voltaire» umbenannt wurde.

Anfänglich führten Ball und Hennings, die zuvor in anspruchslosen Cabarets als Klavierspieler und Tänzerin tätig waren und damit kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten, Chansons mit musikalischer Begleitung auf.

Tzara rezitierte Gedichte, die er oft durch Schreien oder Schluchzen unterbrach. Kurz darauf wurde das Ensemble um den elsässischen Maler Hans Arp, den deutschen Schriftsteller Richard Huelsenbeck und den rumänischen Maler Marcel Janco erweitert.

Zum weiteren Umfeld gehörten auch Friedrich Glauser und die Schweizer Malerin Sophie Taeuber. Sie heiratete später Hans Arp. Tzara, Huelsenbeck und Janco trugen Simultangedichte und Ball Lautgedichte vor.

Später wurden auch Collagen gefertigt. Mit ihren Aufführungen kämpften sie gegen das spiessige Bürgertum und reagierten auf den Wahnsinn des 1. Weltkriegs. Der Begriff Dada tauchte erstmals im Mai 1916 auf.

Es kursieren die verschiedensten Geschichten über seine Entstehung. Laut Aussagen von Ball wurde er in einem deutsch-französischen Wörterbuch entdeckt.

In seinem Tagebuch notierte er: «Dada heisst im Rumänischen Ja, Ja, Im Französischen Hotto- oder Steckenpferd. Für Deutsche ist es ein Signum alberner Naivität und zeugungsfroher Verbundenheit mit dem Kinderwagen.»

Das Ende kam 1920

Ab dem Sommer 1916 riefen die inzwischen zahlreicheren Dadaisten in Zürich die Galerie Dada im Café Sprüngli am Paradeplatz ins Leben. Im Odeon-Café diskutierten und schrieben sie, im Kaufleutensaal traten sie auf.

Zwischen Juli 1917 und Mai 1919 erschienen zudem sechs Nummern der Zeitschrift «Dada» unter der Leitung von Tzara. Sein Weggang 1920 markierte das Ende des Dadaismus in Zürich.

Die Bewegung fand aber ihre Fortsetzung in New York, Paris, Berlin und Köln und prägte entscheidend den 1923 entstehenden Surrealismus.

Das heutige «Cabaret Voltaire» wurde 2004 eröffnet, dies nachdem dort noch zwei Jahre zuvor Eigentumswohnungen und eine Apotheke entstehen sollten.

Daraufhin besetzten Kunstaktivisten das Haus. Eine breite Anhängerschaft des Dadaismus forderte nun, dass das Dada-Haus weiter bestehen müsse.

Die Besitzerin, eine Tochtergesellschaft der Swiss Life, lenkte schliesslich ein und der unbekannte Mieter trat vom bereits unterzeichneten Vertrag zurück.

Dank städtischen Beiträgen und der Unterstützung der Uhrenfirma Swatch konnten die Räumlichkeiten gemietet und ein Kulturbetrieb eingerichtet werden.

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