Pandemie-Folgen
Coronakrise: Besonders bei Jugendlichen nehmen psychische Notfälle zu

Hört man sich unter Experten um, etwa bei der Dargebotenen Hand Zürich, bei der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich oder beim Forum Suizidprävention und Suizidforschung Zürich, fällt ein Satz immer wieder: Die Coronakrise verschärft psychische Probleme.

Matthias Scharrer
Drucken
Teilen
Reden kann in psychischen Krisen helfen. Ein offenes Ohr bietet auch die Dargebotene Hand unter der Telefonnummer 143.

Reden kann in psychischen Krisen helfen. Ein offenes Ohr bietet auch die Dargebotene Hand unter der Telefonnummer 143.

Keystone

Katrin Egloff arbeitet seit 16 Jahren für die Dargebotene Hand Zürich, an die sich Menschen unter der Telefonnummer 143 wenden, um anonym und vertraulich über Probleme zu reden. Die Zeit um Weihnachten sei immer konfliktreich, sagt Egloff. «Aber jetzt sind die Leute noch mehr auf sich zurückgeworfen, weil wegen Corona weniger Ablenkung und Kontakte möglich sind. Das macht den Leuten zu schaffen.» Folgen seien häufig vermehrter Alkohol- und Medikamentenkonsum, aber auch vermehrt suizidale Gedanken.

Auffällig oft hätten sich über die Festtage zudem Angestellte aus dem Gesundheitswesen bei der Dargebotenen Hand Zürich gemeldet, die sich überlastet fühlten. Aber auch Patienten aus Kliniken und Altersheimen riefen laut Egloff vermehrt an. Sie fühlten sich einsam.

Zudem habe Corona neue familiäre Konfliktfelder geschaffen: Als Beispiele nennt Egloff die Grossmutter, die aus Angst vor Corona an Weihnachten nicht zum Sohn wollte, weil auch der Enkel dabei gewesen wäre – worauf sich der Sohn betupft fühlte. Oder das Thema Maskentragen während der Weihnachtsfeier im Familienkreis.

Im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit habe die Dargebotene Hand ihr Personal wie schon im Frühjahrs-Lockdown nun auch über die Festtage aufgestockt, um mehr Zeit für die Menschen in Krisensituationen zu haben.

Sozialleben verlagerte sich in virtuelle Welt

Dabei kommt es über Weihnachten und Neujahr entgegen der landläufigen Meinung eher seltener zu Krisen-Eskalationen. Suizidversuche gibt es in dieser Zeit gemäss Studien weniger als sonst. Und die Kantonspolizei Zürich hat keine Anzeichen, dass sich daran diesmal etwas geändert hätte, wie ein Polizeisprecher auf Anfrage sagt.

Doch längerfristig mache sich die Pandemie durchaus psychisch bemerkbar, hält Marc Stutz, Sprecher der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK), fest. So habe es in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der PUK seit letztem Sommer gut 40 Prozent mehr Notfall-Kontakte gegeben als im Vorjahr.

«Die Pandemie ist ein Stressfaktor, der bestehende Probleme verstärkt», so Stutz. Sie habe auch den seit Jahren bestehenden Trend einer Zunahme psychischer Probleme bei Jugendlichen verstärkt. Zum Stress unter anderem in der Schule sei nun noch der Stressfaktor Pandemie hinzugekommen. Und es fehle oft an Strukturen und an dem, was sonst für viele Jugendliche psychischen Ausgleich schaffe: Partys, Ausgang, Kontakte mit Gleichaltrigen, etwa auch in Sportvereinen. Das soziale Leben der Jugendlichen habe sich in die virtuelle Welt verschoben.

Während des Lockdowns im Frühling, als das gesellschaftliche Leben weitgehend zum Stillstand kam, seien allerdings die Patientenzahlen der PUK stark gesunken. Die Entschleunigung des Alltags habe damals offenbar den Stress verringert. Doch seit den Lockerungen im Frühsommer sei die Klinik wieder stark belegt. Wobei die Fallzahlen in der Erwachsenenpsychiatrie nicht höher als sonst seien.

"Die Pandemie ist nicht nur bedrohlich"

Bei psychisch vorbelasteten Menschen könne die Pandemie unterschiedliche Reaktionen auslösen: von Angst- und depressiven Erkrankungen über psychotische Realitätsverkennung bis hin zu Suchtverhalten.

Wie sie sich langfristig auswirke, hänge stark von ihrer Dauer und den wirtschaftlichen Folgen ab. «Wir wissen aus der Forschung, dass Arbeitslosigkeit eine dramatische psychische Belastung darstellt, welche unter anderem zu erhöhter Suizidalität führt», sagt PUK-Sprecher Stutz.

Bisher gibt es allerdings laut Sebastian Haas, Präsident des Forums für Suizidprävention und Suizidforschung Zürich, keine Hinweise, dass die Suizidrate im Kanton Zürich seit Beginn der Corona-Pandemie gestiegen ist.

Auf eine Prognose will er sich nicht festlegen. Es sei jedoch offenkundig, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie die Menschen vielfach auch psychisch belasten. «Aber man sollte nicht zu pessimistisch sein», sagt Haas, der als stellvertretender ärztlicher Direktor der psychiatrischen Privatklinik Hohenegg in Meilen arbeitet. Corona führe auch dazu, dass Familien näher zusammenrücken – und sei es via Zoom-Meeting. «Die Pandemie ist nicht nur bedrohlich, sie entschleunigt auch. Viele sagen, im Home-Office gehe es ihnen besser als sonst.»

Hilfe für Menschen in psychischen Krisen

Für Menschen in psychischen Krisen gibt es Hilfe. Gratis-Gespräche unter Zusicherung der Anonymität bieten die Dargebotene Hand (Telefon 143) sowie Pro Juventute (Telefon 147). Eine weitere Anlaufstelle ist das Kriseninterventionszentrum Zürich (Telefon 044 296 73 10), das zur psychiatrischen Universitätsklinik Zürich gehört. Die Stellen sind rund um die Uhr besetzt. Weitere Informationen unter www.suizidpraevention-zh.ch.

Aktuelle Nachrichten