Zürich
Coronajahr sorgt für Ruhe in der Luft: Zahl der Fluglärmgeplagten geht zurück

Der Flughafenbericht zeigt: Im Jahr 2019 ist der Zürcher Fluglärmindex gesunken. Im Coronajahr 2020 wird der Wert noch tiefer sein.

Manuel Navarro
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Leise Stunden für die Anwohner in Flughafennähe: Die Fluglärmbelastung wird im Coronajahr tiefer liegen als im Vorjahr. (Symbolbild)

Leise Stunden für die Anwohner in Flughafennähe: Die Fluglärmbelastung wird im Coronajahr tiefer liegen als im Vorjahr. (Symbolbild)

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58300 Menschen waren im Jahr 2019 von Fluglärm betroffen. Das geht aus dem jährlichen Flughafenbericht hervor, den der Kanton Zürich am Freitag publiziert hat. Der Wert ist damit nach wie vor zu hoch. Gemäss Richtwert dürften maximal 47000 Personen ausgewiesen werden. Doch immerhin ist der Zürcher Fluglärm-Index (ZFI) erstmals seit 2013 wieder unter 60000 gesunken.

Zwar sanken die Zahlen bereits von 2018 auf 2019, damals aber nur wegen der Verwendung einer neuen Datengrundlage. Anders als im Jahr davor wurden nun tatsächlich weniger fluglärmgeplagte Personen rund um den Flughafen Zürich regis­triert. Und der Rückgang dürfte nun noch weitergehen: Denn der jüngste Bericht behandelt ausschliesslich das von den ­Coronafolgen noch völlig unbelastete Jahr 2019.

Nächte waren besonders ruhig

Verbessert hat sich die Situation vor allem in den Nachtstunden zwischen 23 Uhr und Mitternacht. Noch 2018 wurde in dieser Stunde, in welcher Flugzeuge maximal bis 23.30 Uhr und nur zum Verspätungsabbau fliegen dürfen, ein neuer Rekord mit über 3000 Flugbewegungen registriert. 2019 wurden in dieser Nachtstunde noch 2565 Bewegungen gezählt, 15 Prozent weniger als im Vorjahr.

Diese Reduktion der Flugbewegungen in der Nacht hatte einen Einfluss auf die Anzahl Personen, die wegen Fluglärms stark in ihrem Schlaf gestört werden. Die Zahl sank von 25124 um fast 8 Prozent auf 23168. Und dies, obwohl sich an den Flugbewegungen zwischen 22 Uhr und 23 Uhr wenig geändert hatte. 2019 gab es 10306 solcher Flüge, nur rund 200 weniger als 2018.

Bevölkerungswachstum verschlechtert den Fluglärm-Index

Die Anzahl der tagsüber von Fluglärm betroffenen Personen ist denn auch fast gleich geblieben. 2018 waren es 35223, 2019 mit 35132 nur geringfügig weniger. Unter dem Strich kann der Flughafenbericht 2019 in Bezug auf den Lärm positiv gewertet werden. Denn nicht zu vergessen ist, dass alleine das Bevölkerungswachstum den ZFI verschlechtert. Vergangenes Jahr lebten 19600 Menschen mehr im Kanton Zürich als 2018, alleine dadurch hätte sich der ZFI um ein Prozent verschlechtert.

Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) zeigte sich denn auch mit dem Bericht zufrieden. «2019 war ein extrem erfolgreiches Jahr, in dem 31,5 Millionen Menschen über den Flughafen gereist sind», sagte Walker Späh. Das sei ein neuer Spitzenwert gewesen. Trotzdem seien weniger Personen von Fluglärm betroffen gewesen als im Jahr davor. Als Gründe für die Verbesserung nannte Walker Späh ein Rückgang der Flugbewegungszahlen und den zunehmenden Einfluss von Schallschutzmassnahmen. «Die Millionen, die die Swiss in lärm- und emissionsgünstigere Flugzeuge investiert hat, zahlen sich nun aus.»

Norden und Süden profitieren, Osten leidet

Trotzdem sorgen die Zahlen aus dem Bericht auch für Kritik. Der Richtwert von 47000 wurde klar verfehlt. Von diesem Wert, der bereits 2008 überschritten worden ist, ist der Kanton Zürich noch immer meilenweit entfernt. «Der ZFI-Monitoringwert liegt 24 Prozent über den rechtlichen Vorgaben», hält zum Beispiel der Schutzverband der Bevölkerung um den Flughafen Zürich (SBFZ) fest. Zwar habe sich die Lärmsituation 2019 insgesamt gegenüber dem Jahr 2018 leicht verbessert. «Die Anzahl tagsüber belästigter Menschen ist gegenüber dem Vorjahr jedoch praktisch gleich geblieben», so der SBFZ weiter.

Was auch zu reden gibt, ist die Lärmverteilung. Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt hat in diesem Jahr eine Sensitivitätsanalyse veröffentlicht. Und diese zeigt, dass die Abnahme der Anzahl Personen, die zwischen 22 Uhr und 6 Uhr im Süden und im Norden des Flughafens von Lärm betroffen sind, zu Lasten von Menschen im Osten des Flughafens geht. Denn dort gab es 2019 mehr lärmgeplagte Menschen in den Nachtstunden statt noch im Vorjahr.

Das hat indes System und beruht gemäss dem Flughafenbericht auf der erwünschten Verlagerung der Bewegungen auf die Piste 28 hin, auf welcher abends die Anflüge aus dem Osten kommen.

«Seit 2010 steigt die Anzahl Anflüge von Osten abends um 12,9 Prozent, während sich die Zahl der Anflüge aus dem Süden frühmorgens und abends insgesamt kaum verändert hat», ­kritisiert denn auch die Region Ost, ein Zusammenschluss von Exekutiven aus 132 Gemeinden aus dem Osten des Flughafens.

Swiss und Flughafen leiden unter der Coronakrise

Obwohl die Medienkonferenz zum Flughafenbericht im Dezember in der Vergangenheit meist das Thema Lärm in den Fokus rückte, war es dieses Mal ein wenig anders und das Coronavirus stand im Zentrum.

Nebst Carmen Walker Späh sprachen deshalb auch Flughafen-CEO Stephan Widrig und der abtretende Swiss-CEO Thomas Klühr. Beide erklärten in ihren Ausführungen, dass sich die Situation der Luftfahrt noch nie in ihrer Geschichte so stark verschlechtert habe.

In Bezug auf die Zukunft gibt es aber auch Positives. Zum einen dürfte ein erwarteter Impfstoff helfen, die Lage mittelfristig wieder zu entschärfen. Zum anderen führten Widrig und Klühr aber auch aus, dass es gerade innerhalb des Schengenraums Möglichkeiten gäbe, schon jetzt die Situation zu verbessern. Sie verwiesen auf China, wo der Inlandflugverkehr in wieder bei fast 100 Prozent der früheren Bewegungen liege. Innerhalb des Schengenraums müssten dafür aber einheitliche Regelungen geschaffen und der freie Personenverkehr wieder eingeführt werden.