Zürich

Corona darf kein Vorwand sein, um den Kontakt zum Kind zu verwehren

Getrennt lebende Eltern sollen Verantwortung übernehmen und unter sich regeln, wie sie ihre Kinder  sehen können.

Getrennt lebende Eltern sollen Verantwortung übernehmen und unter sich regeln, wie sie ihre Kinder sehen können.

Social Distancing kann nicht vorgeschoben werden, um einem Elternteil den Kontakt zum Kind zu verwehren. Die Kesb wollen nicht eingreifen, haben aber Empfehlungen erstellt.

Abstand halten, keine Reisen, Social Distancing – die Empfehlungen zum Verhalten während der Coronakrise haben viele getrennt lebende Eltern verunsichert. Dürfen Kinder noch jedes zweite Wochenende zum Vater oder die Hälfte der Woche bei der Mutter verbringen, ob- wohl diese mit der betagten Grossmutter zusammenwohnt? Was ist mit Kindern von Ärztinnen und Pflegefachleuten? Was ist, wenn ein Elternteil Krankheitssymptome hat und in Quarantäne ist?

Mit vielen solchen Anfragen war zum Beispiel die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Winterthur-Andelfingen konfrontiert, als der Bundesrat die ausserordentliche Lage ausrief. «Manche Eltern hatten sich wohl erhofft, dass die Kesb ihnen die Entscheidungen abnimmt», sagt Kesb-Präsidentin Karin Fischer auf Anfrage. Das sei aber nicht ihre Aufgabe.

Dennoch hat die Behörde schnell reagiert und am 22. März ein Merkblatt zu den Besuchskontakten publiziert. «Übernehmen Sie Verantwortung als Mutter beziehungsweise Vater», steht darin. «Wo Eltern miteinander sprechen und ihr Kind ins Zentrum stellen, finden sie auch in der ausserordentlichen Lage Lösungen», sagt Karin Fischer.

Mütter untersagten Vätern den Kontakt zu den Kindern

Unterdessen hat auch die nationale Dachorganisation, die Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz (Kokes), nachgezogen und Empfehlungen zum Besuchsrecht publiziert, inspiriert von solchen Vorbildern wie der Kesb Winterthur-Andelfingen. «Es wurde schnell klar, dass solche Richtlinien ein Bedürfnis aller Kesb sind», sagt Kokes-Generalsekretärin Diana Wider. Die Kesb seien mit Eltern konfrontiert gewesen, die erwarteten, dass die Behörden nun handelten. Zudem hätten Väterorganisationen davon berichtet, dass Mütter unter dem Vorwand der Corona-Verhaltensregeln den Vätern den Kontakt zu ihren Kindern untersagt hatten.

Das bestätigt Christian Ess, Co-Präsident des Vereins Mannschafft mit Sitz in Zürich, der Eltern berät, die von Trennung und Scheidung betroffen sind. Es seien derzeit vor allem diejenigen Väter in Sorge, die ohnehin schon am Ausüben ihrer Betreuungs- und Erziehungspflicht gehindert werden, sagt Ess.

Die Kokes stellt in den Empfehlungen klar, dass die generelle Sistierung von Besuchskontakten unverhältnismässig sei. Die Kokes appelliert an Verständnis, Toleranz und Flexibilität. Wenn ein Kind oder ein Elternteil aber Corona-Krankheitssymptome zeigt, soll der Kontakt mittels Telefon, Briefen oder Videotelefonie gewährleistet werden. Dasselbe gilt für Eltern im Ausland, wenn die Grenzen geschlossen sind.

Verpasste Besuche könnten nicht nachgeholt werden, da sie über alternative Formen stattfinden müssen. Dass man sich auf dem Weg von einem Elternteil zum anderen trotz Vorsichtsmassnahmen mit dem Virus infizieren könnte, rechtfertige keine Ausnahmeregelung.

In den meisten schwierigen Fällen, in denen Risikogruppen involviert seien oder ein Auslandbezug bestehe, konnten alternative Kontaktformen etabliert werden, schreibt die Kesb Hinwil, eine der 13 Kesb im Kanton Zürich, auf Anfrage. Nur in ganz wenigen Einzelfällen fänden zurzeit keine Kontakte statt. Das grösste Problem bestehe derzeit bei den von einer Fachperson begleiteten Besuchen. Die begleiteten Besuchstreffs seien noch geschlossen und andere Begleitformen nur vereinzelt verfügbar.

«Wir nehmen die Ängste der Eltern ernst, weisen aber darauf hin, was die Besuche beim anderen Elternteil für Kinder bedeuten», sagt Christina Müller, Präsidentin der Kesb Horgen. Manchmal gelinge eine Verständigung, manchmal bleibe es schwierig. «Bis jetzt konnten wir Krisen auffangen, sodass die Kontakte wieder funktionieren», sagt Müller.

Bei der Kesb Winterthur-Andelfingen sind die Anfragen in den letzten Wochen zurückgegangen. Geblieben seien Anliegen von Eltern, die bereits vorher Probleme bei der Umsetzung des persönlichen Verkehrs hatten, sagt Karin Fischer. «Wenn Eltern sich streiten, erinnern wir sie daran, dass es nicht um ‹ihr Recht› geht, sondern darum, für ihr Kind die beste Lösung zu finden.»

Die Kesb soll wegen Corona keine angeordneten Massnahmen anpassen. Sie interveniert laut Kokes-Empfehlungen nur, wenn der Kontakt oder der Nichtkontakt das Kindeswohl gefährde. Das sei nicht der Fall, wenn ein Kind seinen Vater einmal nicht sehe, sagt Kokes-­Generalsekretärin Diana Wider. Auch Christian Ess vom Verein Mannschafft begrüsst die Kokes-Empfehlungen und deren klare Position. Allerdings hätte man schon früher an die Situation von Kindern mit getrennten Eltern denken müssen, sagt Ess.

«Die Väter können sich kaum wehren»

Der Vollzug des Besuchsrechts könne in eskalierten Trennungskonflikten auch ohne Corona ein Problem sein, sagt Ess: «Wenn ein Vater am Wochenende vor verschlossener Tür steht oder die Mutter per Textnachricht schreibt, die Kinder könnten nicht mit dem Vater in die Ferien, wenn er schon unterwegs ist zu ihnen, kann sich dieser kaum wehren.» Die Kesb könnte dem säumigen Elternteil Bussen androhen. Diese Forderung durchzusetzen, sei aber schwierig. Deshalb rät Ess den Eltern, im Trennungsfall so früh wie möglich eine Elternvereinbarung aufzusetzen und sich beraten zu lassen, damit es nicht zu verhärteten Fronten komme.

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