Zürich
Corinne Mauch: «Es kann ja nicht sein, dass Kulturpolitik wie Mikado ist»

Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch über Druck, Dynamik und Diskussionen in Kunst und Kultur.

Matthias Scharrer und Simone Matthieu
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Kultur und Kunst zu einem Teil ihres Berufs zu machen, war für Corine Mauch attraktiv.mathias marx

Kultur und Kunst zu einem Teil ihres Berufs zu machen, war für Corine Mauch attraktiv.mathias marx

Frau Mauch, wenn wir an Ihre Vorgänger zurückdenken: Thomas Wagner hat die Rote Fabrik hinterlassen, Josef Estermann den Schiffbau. Was wird Ihr Vermächtnis sein, was wünschen Sie sich?

Corine Mauch: Das sind Generationen-Projekte, Häuser, die in ihrer Zeit entstanden sind. Die Rote Fabrik ist ein Kind der Jugendunruhen. Damals gab es für die Jugendkultur noch keinen Platz. Den erkämpfte sie sich dann in Form dieses Zentrums. Es brauchte ja dann auch noch die Zustimmung der Bevölkerung. Dinge wie die Rote Fabrik oder der Schiffbau müssen von der Bevölkerung getragen werden. So etwas kann nicht einfach hingestellt werden.

Noch einmal: Womit wollen Sie dereinst in Verbindung gebracht werden?

Die Freie Szene, das Dynamische, das nicht an ein grosses Haus gebunden ist, hat mehr Gewicht erhalten. Die Rahmenbedingungen haben sich verändert, die Produktionsbedingungen erschwert – Stichwort Räume, wo wir mit den Ateliers etwa in der Migros Herdern, der Werkerei Schwamendingen oder in San Francisco und Kunming Angebote schaffen konnten. Eine andere Umgebung bietet Kunstschaffenden neue Inspiration. Wir konnten auch die Werkjahre ausbauen. Ich sehe die Freie Szene, die Raumthematik als wichtige Punkte in meiner Kulturpolitik.

Ist es in der heutigen Zeit gar nicht mehr möglich, grosse Häuser als Erbe zu hinterlassen?

Doch, der Ausbau des Kunsthauses hat ja von der Bevölkerung Zustimmung erhalten. Etwas, worauf ich mich sehr freue, ist das Jahr 2016. Es wird ein spannendes Jahr. Es ist uns gelungen, die Manifesta zu uns zu holen, die in Europa wandernde Kunst-Biennale, die uns spiegeln wird und die stark im öffentlichen Raum stattfindet, nicht einfach in einem geschlossenen Raum. Dann kommt das 100-Jahr-Jubiläum des Dada. Das bedeutet auch ein Zurückschauen auf die Geschichte der Stadt Zürich und Vernetzung mit den anderen Städten, die 100 Jahre Dada feiern. Dada musste damals auch erstritten werden; ich war im Gemeinderat, als das Dada-Haus besetzt wurde. Durch diese Besetzung wurde in der Öffentlichkeit die starke Verbindung zwischen Dada und Zürich wieder bewusst.

Jetzt steht bald der Hafenkran vor der Tür. Die Installation beginnt Anfang April. Wird das ein Projekt sein, das mit Ihrer Ära in Verbindung gebracht wird?

Ich freue mich darauf. Darauf, wie er aussieht, besonders nach den vielen Diskussionen. Leider ging der Grundgedanke, die Transit-Maritim-Idee, dabei etwas unter: Zürich und die Welt. Wir sind zwar international eine kleine, aber doch eine globale Stadt. Sehr vernetzt, eine Schaltstelle, eben: Zürich ist eine Global City. Aber man sieht es nicht, weil sie sehr beschaulich ist. Der Hafenkran macht als Symbol die Vernetzung von Zürich mit dem Rest der Welt deutlich.

Was versprechen Sie sich davon?

Der Hafenkran wird für neun Monate eine Attraktion, die man anschaut, wenn man nach Zürich kommt. Zürich wird diesen Sommer damit identifiziert werden. Es wird aber weiterhin eine Auseinandersetzung stattfinden, was Kunst im öffentlichen Raum ist und sein darf.

Freie Szene, der Hafenkran als Symbol, die Manifesta, das sind alles fliessende Sachen. Ist das der Kern Ihrer Kulturpolitik?

Auf jeden Fall ein wichtiges Element. Kultur ist beweglich und vielfältig, deshalb muss auch die Kulturpolitik beweglich und vielfältig sein. Was mich stört, ist, wenn man die Sachen gegeneinander ausspielt. Es braucht die grossen Häuser mit ihren festen Ensembles, die ihren Preis haben. Es braucht aber auch die Freie Szene. Die beiden sind voneinander abhängig und profitieren voneinander. Statt wie in den 80ern einfach die Tonhalle, das Schauspielhaus, das Opernhaus und das Kunsthaus gibt es heute sehr viel mehr.

Sie sind in letzter Zeit angeeckt mit der Schliessung des Literaturmuseums Strauhof. Jetzt haben Sie ein Alternativkonzept vorgelegt, wonach im Museum Bärengasse Literaturausstellungen stattfinden sollen. Kritiker sagen, das Geld reiche nicht, um dort etwas Vernünftiges zu machen. Was sagen Sie?

Es kann ja nicht sein, dass Kulturpolitik wie Mikado ist – wer sich zuerst bewegt, hat verloren.

Gilt denn der Umkehrschluss: Weil Sie sich bewegt haben, haben Sie bereits etwas erreicht?

Nein, aber Kultur ist für mich mit Dynamik und Veränderung verbunden. Dazu gehören Diskussion und Debatte. Dass wir das Projekt Jull – Junges Literaturlabor – lanciert haben, hat viel damit zu tun. Es geht ums Thema Literaturförderung, wir setzen etwa 2,4 Millionen Franken für diese ein. Gerade die Literatur steht sehr unter dem Druck sich verändernder Rahmenbedingungen. E-Books sind ein Thema, Internet ist ein Thema. Veränderte Lese- und Sprachgewohnheiten der Jugendlichen sind ein Thema. Da stellt sich die Frage: Machen wir genau gleich weiter, obwohl sich die Welt um uns verändert? Das Kulturbudget der Stadt Zürich konnte zwar in den letzten fünf Jahren deutlich gesteigert werden, aber momentan ist der finanzielle Rahmen eng. Der Kuchen wird nicht grösser. Tun wir, was wir bislang getan haben? Oder reagieren wir auf die Veränderungen der Welt?

Was ist Ihre Antwort?

Die Jugendlichen im Bereich Literatur und Sprache zu fördern, finde ich weiterhin eine tolle Idee: Bei Jull arbeiten zeitgenössische Autoren mit Jugendlichen. Es ist ein Kultur-Projekt. Unsere Idee ist, dass die Stadt nicht mehr ein eigenes Literaturmuseum führt, das grossmehrheitlich bereits sehr literaturaffine Menschen im oberen Alterssegment besuchen. Vielmehr sollten die Jugendlichen das Zielpublikum sein. Das Ziel von Jull sind auch nicht einfach Ausstellungen im klassischen Sinne, sondern es findet bei diesen Projekten Interaktion statt. Es geht um Partizipation mit einem Publikum, das nicht schon von vorherein nah bei der Literatur ist.

Wann geht es los?

Der Beginn ist auf Mitte 2015 geplant. Wir sagten von Anbeginn, wir wollen, dass auch weiterhin Literaturausstellungen in Zürich stattfinden. Wir sammeln jetzt Projektideen von Interessierten, die bereit sind, selber in die Hosen zu steigen. Wir haben ein breit angelegtes Gespräch durchgeführt mit Vertreterinnen und Vertreter aus dem Literaturbereich. Unser Angebot ist auf Interesse gestossen. Das gibt spannende Optiken und einen spannenden Austausch. Wenn über das Unterstützungsangebot der Stadt über Dritte etwas Neues im Bereich Literaturausstellungen entsteht, ist das toll. Das Schwierige ist: Man kennt es noch nicht. Weder das Jull noch die neuen Literaturausstellungen, noch deren Trägerschaft, noch das Archivzentrum in der Bärengasse

Was ist dort genau geplant?

Die Idee ist, das James-Joyce-Archiv aus dem Strauhof sowie das Thomas-Mann-Archiv und das Max-Frisch-Archiv der ETH dort zu versammeln. Gleichzeitig sollen Literaturausstellungen stattfinden. Das wäre etwas völlig Neues. Wir warten jetzt auf den Entscheid der ETH.

Ist das Kunst-Ressort eigentlich Ihr Wunschdepartment?

Ja, auf jeden Fall. Ich bin persönlich sehr verbunden mit der Kunst- und Kultur-Szene, ich spiele selber Musik, meine Band existiert noch. Wir haben letzten Sonntag zusammen gespielt. Aber wir treten nicht mehr öffentlich auf, das möchte ich nicht. Musik und Kunst allgemein sind für mich sehr wertvoll. Ich habe im Freundeskreis viele Kultur- und Kunstschaffende. Ich gehe gerne an Ausstellungen, ins Theater, an Konzerte, das ist etwas sehr Wichtiges in meinem Leben. Deshalb hat der Gedanke – das habe ich im ersten Wahlkampf realisiert – Kultur und Kunst zu einem Teil meinem Berufs zu machen, etwas sehr Attraktives.

Sie wirken nicht wie die grosse Selbstinszeniererin. Haben Sie nie Mühe, vor viele Leute hinzustehen?

Nein. Aber wenn es nur darum ginge, mich zu inszenieren – das interessiert mich nicht. Wenn es um Inhaltliches geht, etwas zu vertreten, dafür hinzustehen oder die Stadt Zürich mit einer Haltung zu repräsentieren, wenn es um eine Sache geht, dann interessiert es mich. Es war zu Beginn ein sehr steiler Einstieg für mich, ich kam direkt aus dem Gemeinderat ins Stadtpräsidium. Die erste Stadtratssitzung, bei der ich dabei war, musste ich gleich leiten. Da muss man zuerst reinwachsen. Plötzlich war die öffentliche Aufmerksamkeit extrem hoch. Ich wollte mir die nötige Zeit dafür nehmen, aber das ging nicht immer. Die heutige Medienwelt und Gesellschaft funktionieren da anders, sehr schnelllebig.

Aber die Kunsthauserweiterung würden Sie schon gern eröffnen.

Oh ja, das möchte ich gern. Ich bedaure es sehr, dass uns da ein Knebel zwischen die Beine geworfen wurde. Ein Rekurs wurde zugelassen und wird nun vom Baurekursgericht materiell geprüft. Wir sind aber überzeugt, dass der Bauentscheid dem absolut standhält. Es gibt aber eine Verzögerung, bei der wir nicht sagen können, wie lange sie dauern wird. Das hängt vom Verlauf des juristischen Verfahrens ab.

Das könnte also noch Jahre dauern.

Das tut ein grosses Projekt sowieso. Wir wollten ursprünglich im Dezember 2013 mit dem Bau beginnen. Nun stoppen wir vorerst. Die Frage ist, wann wir wieder loslegen können.

Was ist wichtig in der nächsten Legislaturperiode?

Wichtige Punkte im neuen Kulturleitbild sind wieder die Freie Szene, aber auch der Film. Die Filmstiftung ist sehr erfolgreich, die Filmszene ist gestärkt worden, die Filmwirtschaft ist in Zürich stark. Wir veranstalten zusammen mit Genf die Verleihung des Schweizer Filmpreises. Auch das Filmfestival ist ein starker Anziehungspunkt. Es läuft sehr viel in Sachen Film in Zürich. Die Filmstiftung soll weiter gestärkt werden, das wird auch eine finanzielle Frage sein. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Zugang breiter Bevölkerungsschichten zu allen Arten von Kultur. Das Le-Corbusier-Haus fällt heuer an die Stadt zurück. Dieses, sein letztes Werk, soll bereits diesen Sommer vermehrt für die Bevölkerung offen sein.

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